70 Kühe in zwei Stunden: Einen Melkroboter gibt es auf dem Hof Schwenker nicht - jeder Handgriff muss sitzen. Stefanie Dullweber Hille. Es ist dunkel, der Nieselregen durchnässt die Kleidung und das Thermometer zeigt zwei Grad an. Tabea Wengenroth macht das nichts aus. Die Junglandwirtin liebt die Zeit morgens im Melkstand. „Wenn ich mich überwunden habe, aus dem Bett aufzustehen, ist alles gut", sagt die 27-Jährige und schaukelt nebenbei den Maxi Cosi, in dem ihr einjähriger Sohn Lasse friedlich schlummert. „Ich kann ihn ja schlecht alleine zu Hause lassen, wenn ich zum Melken gehe", sagt sie und lacht. Also hat ihr Mann Helge eine Vorrichtung im Melkstand gebaut, in die der Maxi Cosi eingehängt wird. Das gleichmäßige Geräusch der Melkmaschine wirkt einschläfernd. Zweimal am Tag werden die Kühe auf dem Hof Schwenker gemolken – morgens um 6 Uhr und nachmittags um 17 Uhr. Es ist der Hof von Tabeas Eltern Andreas und Simone Schwenker, auf dem die Tochter mit ihrem Mann Helge gleichberechtigt mitarbeitet und den die beiden eines Tages übernehmen werden. Jeweils zwei Stunden dauert es, bis die rund 70 Tiere ihre Milch losgeworden sind. Pro Tag kommen so etwa 2.500 Liter zusammen. Alle zwei Tage kommt ein Wagen und bringt die weiße Flüssigkeit zur Molkerei. Auf dem Bauernhof in Hille ist das Melken zwar keine Handarbeit mehr, aber einen Roboter gibt es hier nicht. „Jede Kuh wird per Hand angemolken, das stimuliert den Milchfluss", erklärt Tabea Wengenroth. Dadurch kennt sie auch die Eigenarten jedes Tieres – und natürlich auch den Namen beziehungsweise die Nummer, die jedes Tier nach der Geburt bekommt. „Jede Kuh hat einen anderen Charakter", sagt Tabea Wengenroth und weicht einem Tritt von Nummer 65 aus. „Die Dame hat einfach keinen Bock aufs Melken. Erst blockiert sie die Tür, so dass niemand anderes in den Melkstand kommt, und dann fängt sie an zu treten." Als Nummer 84 in eine der sieben Boxen marschiert, greift die Landwirtin zum Wasserschlauch. Schnell zeigt sich, warum. Bevor es ans Melken geht, verrichtet sie ihr großes Geschäft im Melkstand. „Ehe sie da noch reintritt, mache ich das schnell wieder weg", sagt Tabea Wengenroth und verzieht das Gesicht. Besonderes aufmerksam schaut die Landwirtin anschließend bei der ältesten Dame der Runde hin, die demnächst ihr zwölftes Kalb zur Welt bringen soll. „Normalerweise bekommen Kühe etwa vier Mal Nachwuchs." Dieses Tier ist also besonders wertvoll, aber auch gesundheitlich angeschlagen. Das Tier hat einen großen Bluterguss am Euter, weil eine andere Kuh drauf getreten ist. „Wir wissen noch nicht, ob wir sie durchbekommen." Sieben Kühe kann Tabea Wengenroth parallel melken. Sobald sie das Melkzeug angelegt hat, dauert der Vorgang zwischen fünf und sieben Minuten. Die Milch fließt durch Leitungen in einen Sammelbehälter und von dort in den großen Milchtank. Die Anlage erfasst jeden Liter und je nach Leistung bekommt das Tier dann im Laufe des Tages die entsprechende Menge Kraftfutter. Hat das Tier seine Milch abgegeben, fällt das Melkzeug von selber ab. Abschließend desinfiziert die Junglandwirtin die Zitzen mit einem jodhaltigen Pflegemittel und schickt die Tiere zurück in den Stall. „In der Regel hören die Tiere auf meine Kommandos. Wenn nicht, hole ich den Hund und der treibt die Tiere dann zusammen." Ihre beste Kuh gebe derzeit rund 60 Liter am Tag, sagt Tabea Wengenroth stolz. Im Schnitt liege die tägliche Menge pro Tier bei 35 Litern. In den ersten 100 Tagen, nachdem die Kuh gekalbt hat, sei die Milchleistung am besten, erklärt die geprüfte Agrarbetriebswirtin. Und überhaupt müsse eine Kuh erstmal drei Jahre Milch geben, bevor der Landwirt mit dem Tier Geld verdiene. „Bevor eine Kuh soweit ist, dass sie Milch gibt, haben wir schon 2.000 Euro investiert", erklärt die Hillerin. Bei zwei Tieren aus der Herde hat sich diese Investition leider nicht gelohnt. Ihnen nimmt Tabea Wengenroth heute ihre Halsmarken ab. „Die beiden werden uns gleich verlassen. Sie machen eine Betriebsbesichtigung bei Westfleisch", scherzt die Landwirtin. Zum Lachen ist ihr aber eigentlich nicht zumute, denn diese jungen Tiere schlachten zu lassen, ist ein wirtschaftlicher Verlust. Zumal auch der Milchpreis aktuell zu niedrig sei, um mit dem Produkt Geld verdienen zu können. „Wir bekommen momentan 32 Cent für den Liter und eine Änderung ist nicht in Sicht. 35 Cent müssten wir bekommen, damit es sich für uns rechnet." Die Preise sorgen dafür, dass die Familie keine Rücklagen für Investitionen bilden kann. Das Projekt, einen neuen Kuhstall für rund eineinhalb Millionen Euro zu bauen, hätten sie erstmal auf Eis gelegt. Die Baugenehmigung hätten sie, aber das finanzielle Risiko sei einfach zu hoch. „Momentan produzieren wir recht kostengünstig, weil die vorhandenen Gebäude und der Melkstand schon relativ alt sind." Vor allem morgens habe sie Zeit, sich über solch grundlegende Fragen Gedanken zu machen, so Tabea Wengenroth. Sie hoffe, dass die Pläne sich doch noch realisieren lassen. Während die Kühe nach dem Melken ihr Futter genießen, knurrt auch bei der Landwirtin so langsam der Magen. „Wenn die Tiere morgens versorgt sind, dann gehen auch wir frühstücken."

70 Kühe in zwei Stunden: Einen Melkroboter gibt es auf dem Hof Schwenker nicht - jeder Handgriff muss sitzen.

Zwei Stunden braucht Tabea Wengenroth, bis alle Kühe im Melkstand gewesen sind. Immer mit dabei ist Sohn Lasse, der im Maxi Cosi schläft. MT-Fotos: A. Lehn

Hille. Es ist dunkel, der Nieselregen durchnässt die Kleidung und das Thermometer zeigt zwei Grad an. Tabea Wengenroth macht das nichts aus. Die Junglandwirtin liebt die Zeit morgens im Melkstand. „Wenn ich mich überwunden habe, aus dem Bett aufzustehen, ist alles gut", sagt die 27-Jährige und schaukelt nebenbei den Maxi Cosi, in dem ihr einjähriger Sohn Lasse friedlich schlummert. „Ich kann ihn ja schlecht alleine zu Hause lassen, wenn ich zum Melken gehe", sagt sie und lacht. Also hat ihr Mann Helge eine Vorrichtung im Melkstand gebaut, in die der Maxi Cosi eingehängt wird. Das gleichmäßige Geräusch der Melkmaschine wirkt einschläfernd.

Zweimal am Tag werden die Kühe auf dem Hof Schwenker gemolken – morgens um 6 Uhr und nachmittags um 17 Uhr. Es ist der Hof von Tabeas Eltern Andreas und Simone Schwenker, auf dem die Tochter mit ihrem Mann Helge gleichberechtigt mitarbeitet und den die beiden eines Tages übernehmen werden. Jeweils zwei Stunden dauert es, bis die rund 70 Tiere ihre Milch losgeworden sind. Pro Tag kommen so etwa 2.500 Liter zusammen. Alle zwei Tage kommt ein Wagen und bringt die weiße Flüssigkeit zur Molkerei.

XXXJede Kuh habe ihren eigenen Charakter, sagt die Junglandwirtin.
XXXJede Kuh habe ihren eigenen Charakter, sagt die Junglandwirtin.

Empfohlener redaktioneller Inhalt


Wir bieten an dieser Stelle weitere externe Informationen zu dem Artikel an. Mit einem Klick können Sie sich diese anzeigen lassen und auch wieder ausblenden.

Externe Inhalte

Wenn Sie sich externe Inhalte anzeigen lassen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass möglicherweise personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden.
Weitere Hinweise dazu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Auf dem Bauernhof in Hille ist das Melken zwar keine Handarbeit mehr, aber einen Roboter gibt es hier nicht. „Jede Kuh wird per Hand angemolken, das stimuliert den Milchfluss", erklärt Tabea Wengenroth. Dadurch kennt sie auch die Eigenarten jedes Tieres – und natürlich auch den Namen beziehungsweise die Nummer, die jedes Tier nach der Geburt bekommt. „Jede Kuh hat einen anderen Charakter", sagt Tabea Wengenroth und weicht einem Tritt von Nummer 65 aus. „Die Dame hat einfach keinen Bock aufs Melken. Erst blockiert sie die Tür, so dass niemand anderes in den Melkstand kommt, und dann fängt sie an zu treten."

Jedes Tier wird per Hand angemolken, bevor das Melkzeug angelegt wird.
Jedes Tier wird per Hand angemolken, bevor das Melkzeug angelegt wird.

Als Nummer 84 in eine der sieben Boxen marschiert, greift die Landwirtin zum Wasserschlauch. Schnell zeigt sich, warum. Bevor es ans Melken geht, verrichtet sie ihr großes Geschäft im Melkstand. „Ehe sie da noch reintritt, mache ich das schnell wieder weg", sagt Tabea Wengenroth und verzieht das Gesicht. Besonderes aufmerksam schaut die Landwirtin anschließend bei der ältesten Dame der Runde hin, die demnächst ihr zwölftes Kalb zur Welt bringen soll. „Normalerweise bekommen Kühe etwa vier Mal Nachwuchs." Dieses Tier ist also besonders wertvoll, aber auch gesundheitlich angeschlagen. Das Tier hat einen großen Bluterguss am Euter, weil eine andere Kuh drauf getreten ist. „Wir wissen noch nicht, ob wir sie durchbekommen."

Sieben Kühe kann Tabea Wengenroth parallel melken. Sobald sie das Melkzeug angelegt hat, dauert der Vorgang zwischen fünf und sieben Minuten. Die Milch fließt durch Leitungen in einen Sammelbehälter und von dort in den großen Milchtank. Die Anlage erfasst jeden Liter und je nach Leistung bekommt das Tier dann im Laufe des Tages die entsprechende Menge Kraftfutter. Hat das Tier seine Milch abgegeben, fällt das Melkzeug von selber ab. Abschließend desinfiziert die Junglandwirtin die Zitzen mit einem jodhaltigen Pflegemittel und schickt die Tiere zurück in den Stall. „In der Regel hören die Tiere auf meine Kommandos. Wenn nicht, hole ich den Hund und der treibt die Tiere dann zusammen."

Ihre beste Kuh gebe derzeit rund 60 Liter am Tag, sagt Tabea Wengenroth stolz. Im Schnitt liege die tägliche Menge pro Tier bei 35 Litern. In den ersten 100 Tagen, nachdem die Kuh gekalbt hat, sei die Milchleistung am besten, erklärt die geprüfte Agrarbetriebswirtin. Und überhaupt müsse eine Kuh erstmal drei Jahre Milch geben, bevor der Landwirt mit dem Tier Geld verdiene. „Bevor eine Kuh soweit ist, dass sie Milch gibt, haben wir schon 2.000 Euro investiert", erklärt die Hillerin.

Bei zwei Tieren aus der Herde hat sich diese Investition leider nicht gelohnt. Ihnen nimmt Tabea Wengenroth heute ihre Halsmarken ab. „Die beiden werden uns gleich verlassen. Sie machen eine Betriebsbesichtigung bei Westfleisch", scherzt die Landwirtin. Zum Lachen ist ihr aber eigentlich nicht zumute, denn diese jungen Tiere schlachten zu lassen, ist ein wirtschaftlicher Verlust. Zumal auch der Milchpreis aktuell zu niedrig sei, um mit dem Produkt Geld verdienen zu können. „Wir bekommen momentan 32 Cent für den Liter und eine Änderung ist nicht in Sicht. 35 Cent müssten wir bekommen, damit es sich für uns rechnet."

Die Preise sorgen dafür, dass die Familie keine Rücklagen für Investitionen bilden kann. Das Projekt, einen neuen Kuhstall für rund eineinhalb Millionen Euro zu bauen, hätten sie erstmal auf Eis gelegt. Die Baugenehmigung hätten sie, aber das finanzielle Risiko sei einfach zu hoch. „Momentan produzieren wir recht kostengünstig, weil die vorhandenen Gebäude und der Melkstand schon relativ alt sind." Vor allem morgens habe sie Zeit, sich über solch grundlegende Fragen Gedanken zu machen, so Tabea Wengenroth. Sie hoffe, dass die Pläne sich doch noch realisieren lassen.

Während die Kühe nach dem Melken ihr Futter genießen, knurrt auch bei der Landwirtin so langsam der Magen. „Wenn die Tiere morgens versorgt sind, dann gehen auch wir frühstücken."

Copyright © Mindener Tageblatt 2022
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Hille