Landwirte aus Leidenschaft: Hiller Bauern geben Einblicke in ihre Arbeit Stefanie Dullweber Hille. In den Medien sind Landwirte derzeit überwiegend zu sehen, wenn sie für faire Lebensmittelpreise und gegen das Agrarpaket der Bundesregierung auf die Straße gehen. Dass es einmal so weit kommen würde, hätte Andreas Schwenker nicht gedacht. Der 55-Jährige leitet einen landwirtschaftlichen Betrieb in Hille-Neuenbaum seit 1985 im Haupterwerb. Nach dem Ältestenrecht habe er den Rinderzucht- und Milchviehbetrieb von seinem Vater übernommen. Schwenker selbst hat an einigen Protestaktionen teilgenommen – und das aus einem für ihn guten Grund: Mit seiner Tochter Tabea ist die nächste Generation bereits zusammen mit ihrem Mann Helge in den Betrieb eingestiegen. „Und da steht schon der nächste Bauer“, sagt Schwenker und zeigt auf seinen gerade einmal ein Jahr alten Enkel Lasse. Der Hiller führt seinen Hof an der Rahdener Straße zusammen mit seiner Frau Simone, seiner Tochter Tabea und seinem Schwiegersohn Helge, die mit Sohn Lasse ein paar Häuser entfernt wohnen. Mit auf dem Hof lebt Oma Anneliese. „Ich bin froh, dass wir nicht mehr in einem klassischen Mehrgenerationenhaus leben“, gibt Andreas Schwenker zu. Wenn man den ganzen Tag zusammenarbeite, gebe es natürlich mal Reibereien. „Und da ist es gut, wenn jeder am Ende des Tages seine Tür zumachen kann.“ Allerdings profitieren die Familien Schwenker und Wengenroth auch von der Situation. Sie haben die Arbeit auf dem Hof eingeteilt – Helge und Tabea Wengenroth kümmern sich hauptsächlich um die Tiere, Andreas Schwenker um die Biogasanlage. Und die tägliche Stallarbeit haben sie in Schichten aufgeteilt. „So kann jeder mal sonntags ausschlafen, oder sich abends verabreden“, sagt Tochter Tabea. Und auch in den Urlaub fahren sei möglich, ergänzt ihr Vater. Gerade jetzt im Januar, wo draußen sowieso nicht viel anfällt. Das sei ein großer Luxus – im Gegensatz zu früher, als Andreas Schwenker in den Betrieb einstieg. Er habe schon früh auf dem elterlichen Hof Verantwortung übernehmen müssen. „Ich hatte keine Wahl“, erinnert er sich. Weil sein Vater erkrankt war, habe er die letzten Monate seiner Lehrzeit bereits zu Hause absolviert – mit Nachbar Friedhelm Lange als Lehrherren. Weil er zunächst keine zwei erfolgreichen Wirtschaftsjahre nachweisen konnte, habe ihm niemand geglaubt, dass er erfolgreich wirtschaften könne. Erst 1991 habe er die nötigen Fördermittel bewilligt bekommen, um einen neuen Stall bauen zu können. 2002 wurde dieser Stall bereits erweitert – der Hof lief gut. Doch die erste Milchkrise 2009 sei an die Substanz gegangen, sagt der Betriebsleiter rückblickend. „Wir waren viel zu abhängig von den Preisen, die plötzlich zwischen 21 und 39 Cent für den Liter Milch schwankten.“ Sich ganz von seinen Kühen zu trennen, kam für Schwenker nicht in Frage. Deshalb schaffte er sich mit dem Bau einer Biogasanlage ein zweites Standbein. Die Anlage war zunächst auf 250 Kilowatt ausgelegt, wurde bis Ende 2011 auf die doppelte Leistung gebracht. „Das war learning by doing“, sagt Andreas Schwenker rückblickend. Heute versorgt die Anlage drei nahegelegene Unternehmen und sechs Wohnhäuser mit Wärme. Außerdem liefert sie Energie für ein Satelliten-Blockheizkraftwerk am Schulzentrum Hille. Für Tochter Tabea, die in wenigen Tagen 27 Jahre alt wird, stand schon immer fest, dass sie Landwirtin werden möchte. Zum Glück hätte sie mit Helge Wengenroth einen Mann mit dem gleichen Beruf kennengelernt. „Jemand anders hätte wohl kaum Verständnis dafür“, sagt sie. Nach dem Abitur, der Ausbildung und einem praktischen Jahr besuchte die Hillerin zwei Jahre die Fachschule für Agrarwirtschaft in Herford. Seitdem darf sie sich geprüfte Agrarbetriebswirtin nennen und hat auch den Ausbilderschein in der Tasche. Aktuell bildet sie mit Leon Dullweber einen Lehrling aus. Insgesamt 240 Tiere leben auf dem Hof – 70 Milchkühe, 70 Bullen und die Nachzucht. Wenn sie über ihre Tiere spricht, ist Tabea Wengenroth in ihrem Element. Nicht nur, dass sie alle auseinanderhalten kann, jedes Tier hat auch einen Namen. Mehrmals täglich schaut sie nach den Kälbchen, nach den tragenden Kühen und sorgt sich vor allem um die kranken Tiere. Einen Melkroboter gibt es auf dem Hof noch nicht. „Dafür mache ich das viel zu gerne selbst“, sagt die junge Mutter, die im Juni ihr zweites Kind erwartet. Am liebsten möchte sie bis zum letzten Tag vor der Geburt im Stall arbeiten. „Sonst bekomme ich schlechte Laune“, sagt sie und lacht. Neben dem Nachwuchs beschäftigt die Familie noch ein weiteres zukunftsweisendes Thema. „Wir planen den Bau eines neuen Kuhstalls“, sagt Andreas Schwenker. Die Baugenehmigung hätten sie zwar schon, allerdings stelle sich die Frage, ob solch eine Investition wirtschaftlich sei. Hilfe hat sich die Familie bei einem Unternehmensberater der Landwirtschaftskammer geholt. „Wir sind gespannt auf das Ergebnis“, hofft Tabea Wengenroth auf ein positives Signal des Experten. Aber vieles lasse sich einfach nicht vorhersagen. „Keiner kann sagen, wo es mit den Milchpreisen in den nächsten Jahren hingeht.“ MT-Serie Stallgeruch: Bauern sind derzeit in Proteststimmung und haben teils mit harten Marktbedingungen zu kämpfen. Das Mindener Tageblatt begleitet eine Familie aus Hille, die von der Landwirtschaft lebt, ein Jahr lang. Was bereitet ihr Sorgen und was sind ihre Hoffnungen? Was hat die Arbeit leichter gemacht und was schwerer? Was passiert von Monat zu Monat auf dem Hof? In zwölf Teilen erzählt das Mindener Tageblatt, wie die Familienmitglieder ihren Alltag zwischen Stallarbeit, Bewirtschaftung der Ackerflächen, Bürojob und Familienleben meistern.

Landwirte aus Leidenschaft: Hiller Bauern geben Einblicke in ihre Arbeit

Die Rinderzucht und die Milchkühe sind nicht das einzige Standbein. Auf dem Hof gibt es auch eine Biogasanlage. MT-Luftbild: Malina Reckordt

Hille. In den Medien sind Landwirte derzeit überwiegend zu sehen, wenn sie für faire Lebensmittelpreise und gegen das Agrarpaket der Bundesregierung auf die Straße gehen. Dass es einmal so weit kommen würde, hätte Andreas Schwenker nicht gedacht. Der 55-Jährige leitet einen landwirtschaftlichen Betrieb in Hille-Neuenbaum seit 1985 im Haupterwerb. Nach dem Ältestenrecht habe er den Rinderzucht- und Milchviehbetrieb von seinem Vater übernommen. Schwenker selbst hat an einigen Protestaktionen teilgenommen – und das aus einem für ihn guten Grund: Mit seiner Tochter Tabea ist die nächste Generation bereits zusammen mit ihrem Mann Helge in den Betrieb eingestiegen. „Und da steht schon der nächste Bauer“, sagt Schwenker und zeigt auf seinen gerade einmal ein Jahr alten Enkel Lasse.

Der Hiller führt seinen Hof an der Rahdener Straße zusammen mit seiner Frau Simone, seiner Tochter Tabea und seinem Schwiegersohn Helge, die mit Sohn Lasse ein paar Häuser entfernt wohnen. Mit auf dem Hof lebt Oma Anneliese. „Ich bin froh, dass wir nicht mehr in einem klassischen Mehrgenerationenhaus leben“, gibt Andreas Schwenker zu. Wenn man den ganzen Tag zusammenarbeite, gebe es natürlich mal Reibereien. „Und da ist es gut, wenn jeder am Ende des Tages seine Tür zumachen kann.“

Allerdings profitieren die Familien Schwenker und Wengenroth auch von der Situation. Sie haben die Arbeit auf dem Hof eingeteilt – Helge und Tabea Wengenroth kümmern sich hauptsächlich um die Tiere, Andreas Schwenker um die Biogasanlage. Und die tägliche Stallarbeit haben sie in Schichten aufgeteilt. „So kann jeder mal sonntags ausschlafen, oder sich abends verabreden“, sagt Tochter Tabea. Und auch in den Urlaub fahren sei möglich, ergänzt ihr Vater. Gerade jetzt im Januar, wo draußen sowieso nicht viel anfällt. Das sei ein großer Luxus – im Gegensatz zu früher, als Andreas Schwenker in den Betrieb einstieg.

Vier Generationen auf einem - © Bild: (von links) Andreas Schwenker, Anneliese Schwenker, Tabea und Helge Wengenroth mit Lasse und Simone Schwenker. MT-Foto: Stefanie Dullweber
Vier Generationen auf einem - © Bild: (von links) Andreas Schwenker, Anneliese Schwenker, Tabea und Helge Wengenroth mit Lasse und Simone Schwenker. MT-Foto: Stefanie Dullweber

Er habe schon früh auf dem elterlichen Hof Verantwortung übernehmen müssen. „Ich hatte keine Wahl“, erinnert er sich. Weil sein Vater erkrankt war, habe er die letzten Monate seiner Lehrzeit bereits zu Hause absolviert – mit Nachbar Friedhelm Lange als Lehrherren. Weil er zunächst keine zwei erfolgreichen Wirtschaftsjahre nachweisen konnte, habe ihm niemand geglaubt, dass er erfolgreich wirtschaften könne. Erst 1991 habe er die nötigen Fördermittel bewilligt bekommen, um einen neuen Stall bauen zu können. 2002 wurde dieser Stall bereits erweitert – der Hof lief gut.

Doch die erste Milchkrise 2009 sei an die Substanz gegangen, sagt der Betriebsleiter rückblickend. „Wir waren viel zu abhängig von den Preisen, die plötzlich zwischen 21 und 39 Cent für den Liter Milch schwankten.“ Sich ganz von seinen Kühen zu trennen, kam für Schwenker nicht in Frage. Deshalb schaffte er sich mit dem Bau einer Biogasanlage ein zweites Standbein. Die Anlage war zunächst auf 250 Kilowatt ausgelegt, wurde bis Ende 2011 auf die doppelte Leistung gebracht. „Das war learning by doing“, sagt Andreas Schwenker rückblickend. Heute versorgt die Anlage drei nahegelegene Unternehmen und sechs Wohnhäuser mit Wärme. Außerdem liefert sie Energie für ein Satelliten-Blockheizkraftwerk am Schulzentrum Hille.

Für Tochter Tabea, die in wenigen Tagen 27 Jahre alt wird, stand schon immer fest, dass sie Landwirtin werden möchte. Zum Glück hätte sie mit Helge Wengenroth einen Mann mit dem gleichen Beruf kennengelernt. „Jemand anders hätte wohl kaum Verständnis dafür“, sagt sie. Nach dem Abitur, der Ausbildung und einem praktischen Jahr besuchte die Hillerin zwei Jahre die Fachschule für Agrarwirtschaft in Herford. Seitdem darf sie sich geprüfte Agrarbetriebswirtin nennen und hat auch den Ausbilderschein in der Tasche. Aktuell bildet sie mit Leon Dullweber einen Lehrling aus.

Insgesamt 240 Tiere leben auf dem Hof – 70 Milchkühe, 70 Bullen und die Nachzucht. Wenn sie über ihre Tiere spricht, ist Tabea Wengenroth in ihrem Element. Nicht nur, dass sie alle auseinanderhalten kann, jedes Tier hat auch einen Namen. Mehrmals täglich schaut sie nach den Kälbchen, nach den tragenden Kühen und sorgt sich vor allem um die kranken Tiere. Einen Melkroboter gibt es auf dem Hof noch nicht. „Dafür mache ich das viel zu gerne selbst“, sagt die junge Mutter, die im Juni ihr zweites Kind erwartet. Am liebsten möchte sie bis zum letzten Tag vor der Geburt im Stall arbeiten. „Sonst bekomme ich schlechte Laune“, sagt sie und lacht.

Neben dem Nachwuchs beschäftigt die Familie noch ein weiteres zukunftsweisendes Thema. „Wir planen den Bau eines neuen Kuhstalls“, sagt Andreas Schwenker. Die Baugenehmigung hätten sie zwar schon, allerdings stelle sich die Frage, ob solch eine Investition wirtschaftlich sei. Hilfe hat sich die Familie bei einem Unternehmensberater der Landwirtschaftskammer geholt. „Wir sind gespannt auf das Ergebnis“, hofft Tabea Wengenroth auf ein positives Signal des Experten. Aber vieles lasse sich einfach nicht vorhersagen. „Keiner kann sagen, wo es mit den Milchpreisen in den nächsten Jahren hingeht.“

MT-Serie Stallgeruch:

Bauern sind derzeit in Proteststimmung und haben teils mit harten Marktbedingungen zu kämpfen. Das Mindener Tageblatt begleitet eine Familie aus Hille, die von der Landwirtschaft lebt, ein Jahr lang.

Was bereitet ihr Sorgen und was sind ihre Hoffnungen? Was hat die Arbeit leichter gemacht und was schwerer? Was passiert von Monat zu Monat auf dem Hof?

In zwölf Teilen erzählt das Mindener Tageblatt, wie die Familienmitglieder ihren Alltag zwischen Stallarbeit, Bewirtschaftung der Ackerflächen, Bürojob und Familienleben meistern.

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