Hille

30 Jahre nach dem Mauerfall erinnern sich Menschen aus Ost und West

Stefanie Dullweber

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(© pr)

Hille (mt). Am Abend des 9. November 1989 gehen die ersten Schlagbäume an der deutsch-deutschen Grenze hoch – die Mauer ist offen. „Meine Eltern haben mich nachts geweckt, um mir davon zu erzählen. Mir war das in dem Moment völlig egal", sagt Romy Blanke, die seinerzeit mit ihren Eltern in der Nähe von Magdeburg lebte. Im April 1990 zog die damals Zehnjährige mit ihrer Familie nach Lübbecke. Ihr Vater habe im Osten keine berufliche Perspektive gesehen. „Es war eine verrückte Zeit", sagt die junge Frau, die strikt gegen den Umzug war. „Ich hatte eine glückliche Kindheit, habe nichts vermisst. Und dann kam ich in eine mir völlig fremde Welt".

Heute lebt Romy mit ihrer Familie in Minderheide. Zusammen mit ihrem Mann Dennis engagiert sie sich beim SC Hille, dort spielen auch die beiden Kinder Fußball. Die Familie ist auf der Suche nach einem Haus in der Gemeinde, hier fühlen sie sich wohl. Doch das Gefühl hatte Romy Blanke nicht von Anfang an.

Sehr genau erinnert sie sich noch an den ersten Besuch bei Verwandten in Dortmund im Dezember 1990. „Mein Onkel ist mit mir in ein Spielwarengeschäft gefahren. In der Abteilung mit Barbie-Sachen sollte ich mir etwas aussuchen. Vor Überforderung habe ich angefangen zu weinen", erzählt Romy Blanke. Auch in der Grundschule gab es zunächst Probleme. „Der Lehrer wollte meine Zeugnisse nicht anerkennen und die Mädchen wollten nicht mit mir spielen, weil ich aus der DDR kam."

Durch ein Loch im Zaun spazierte das Ehepaar von Behren im Dezember 1990 in den Osten des Landes. - © Foto: pr
Durch ein Loch im Zaun spazierte das Ehepaar von Behren im Dezember 1990 in den Osten des Landes. (© Foto: pr)

Von diesen Erlebnissen erzählt Romy Blanke auch ihren Kindern. „Geschichte versteht man nur, wenn man sie kennt", ist sie überzeugt. Wichtig sei ihr auch der Austausch mit anderen. Mit zwei befreundeten Ehepaaren – ebenfalls mit ostdeutschen Wurzeln – treffen sich die Blankes jedes Jahr am Tag der deutschen Einheit – nicht nur um Rotkäppchen-Sekt und Knusperflocken zu verzehren, sondern um sich zu erinnern. „Das ist unser Feiertag", sagt Romy Blanke. Den heute wieder sehr aktuellen Themen Flucht und Migration fühle sie sich sehr nahe, sagt sie und ist dankbar, dass ihre Familie letztlich ein „Wende-Gewinner" war.

Elisabeth und Heinrich von Behren aus Hartum haben ebenfalls besondere Erinnerungen an die Zeit vor 30 Jahren. Im Dezember 1990 machte das Ehepaar Urlaub im Harz und entdeckte bei einem Spaziergang ein Schild mit dem Hinweis „Der Zaun ist offen". „Viele kennen nur das Bild der Mauer", sagt Heinrich von Behren – die Lücke im Zaun und der Gang in den Osten des Landes haben sich daher eingeprägt.

Da ein Cousin Heinrich von Behrens in Mecklenburg-Vorpommern lebt, hatten die Hartumer auch zu DDR-Zeiten immer Kontakt dorthin. „Die Fahrten nach Ostdeutschland waren immer eine Belastung", sagt Elisabeth von Behren, die sich daran erinnert, dass auf der Rückfahrt auch mal die Koffer gefilzt wurden.

Einen Brief des Cousins haben die beiden bis heute aufgehoben. Dieser gratulierte 1989 zur Silberhochzeit und schrieb: „Wir hätten gerne mit euch gefeiert, aber es wird nicht mehr lange dauern, dann werden Besuche selbstverständlich sein." Da habe sein Verwandter bereits eine Vorahnung gehabt, ist sich Heinrich von Behren sicher.

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Hille30 Jahre nach dem Mauerfall erinnern sich Menschen aus Ost und WestStefanie DullweberHille (mt). Am Abend des 9. November 1989 gehen die ersten Schlagbäume an der deutsch-deutschen Grenze hoch – die Mauer ist offen. „Meine Eltern haben mich nachts geweckt, um mir davon zu erzählen. Mir war das in dem Moment völlig egal", sagt Romy Blanke, die seinerzeit mit ihren Eltern in der Nähe von Magdeburg lebte. Im April 1990 zog die damals Zehnjährige mit ihrer Familie nach Lübbecke. Ihr Vater habe im Osten keine berufliche Perspektive gesehen. „Es war eine verrückte Zeit", sagt die junge Frau, die strikt gegen den Umzug war. „Ich hatte eine glückliche Kindheit, habe nichts vermisst. Und dann kam ich in eine mir völlig fremde Welt". Heute lebt Romy mit ihrer Familie in Minderheide. Zusammen mit ihrem Mann Dennis engagiert sie sich beim SC Hille, dort spielen auch die beiden Kinder Fußball. Die Familie ist auf der Suche nach einem Haus in der Gemeinde, hier fühlen sie sich wohl. Doch das Gefühl hatte Romy Blanke nicht von Anfang an. Sehr genau erinnert sie sich noch an den ersten Besuch bei Verwandten in Dortmund im Dezember 1990. „Mein Onkel ist mit mir in ein Spielwarengeschäft gefahren. In der Abteilung mit Barbie-Sachen sollte ich mir etwas aussuchen. Vor Überforderung habe ich angefangen zu weinen", erzählt Romy Blanke. Auch in der Grundschule gab es zunächst Probleme. „Der Lehrer wollte meine Zeugnisse nicht anerkennen und die Mädchen wollten nicht mit mir spielen, weil ich aus der DDR kam." Von diesen Erlebnissen erzählt Romy Blanke auch ihren Kindern. „Geschichte versteht man nur, wenn man sie kennt", ist sie überzeugt. Wichtig sei ihr auch der Austausch mit anderen. Mit zwei befreundeten Ehepaaren – ebenfalls mit ostdeutschen Wurzeln – treffen sich die Blankes jedes Jahr am Tag der deutschen Einheit – nicht nur um Rotkäppchen-Sekt und Knusperflocken zu verzehren, sondern um sich zu erinnern. „Das ist unser Feiertag", sagt Romy Blanke. Den heute wieder sehr aktuellen Themen Flucht und Migration fühle sie sich sehr nahe, sagt sie und ist dankbar, dass ihre Familie letztlich ein „Wende-Gewinner" war. Elisabeth und Heinrich von Behren aus Hartum haben ebenfalls besondere Erinnerungen an die Zeit vor 30 Jahren. Im Dezember 1990 machte das Ehepaar Urlaub im Harz und entdeckte bei einem Spaziergang ein Schild mit dem Hinweis „Der Zaun ist offen". „Viele kennen nur das Bild der Mauer", sagt Heinrich von Behren – die Lücke im Zaun und der Gang in den Osten des Landes haben sich daher eingeprägt. Da ein Cousin Heinrich von Behrens in Mecklenburg-Vorpommern lebt, hatten die Hartumer auch zu DDR-Zeiten immer Kontakt dorthin. „Die Fahrten nach Ostdeutschland waren immer eine Belastung", sagt Elisabeth von Behren, die sich daran erinnert, dass auf der Rückfahrt auch mal die Koffer gefilzt wurden. Einen Brief des Cousins haben die beiden bis heute aufgehoben. Dieser gratulierte 1989 zur Silberhochzeit und schrieb: „Wir hätten gerne mit euch gefeiert, aber es wird nicht mehr lange dauern, dann werden Besuche selbstverständlich sein." Da habe sein Verwandter bereits eine Vorahnung gehabt, ist sich Heinrich von Behren sicher.