Hille

Heute ist „Sünnematen“: Kinder gehen von Haus zu Haus und singen für Süßes

Stefanie Dullweber

Foto: dpa - © Felix Kästle
Foto: dpa (© Felix Kästle)

Hille(mt). Wer keine Kinder im fraglichen Alter hat, kommt in diesen Tagen unter Umständen ins Schleudern. Wann war jetzt noch einmal der verflixte Termin, an dem man unbedingt Süßigkeiten im Haus haben sollte?

Dazu kommt: In der Region werden unterschiedliche Bräuche gepflegt. Martinssingen, Nikolaussingen, neuerdings noch Halloween. Zwar liegen nur ein paar Kilometer zwischen den Ortsteilen oder Dörfern, trotzdem sind die Gepflogenheiten vollkommen anders.

In der Gemeinde Hille gibt es überwiegend das Martinssingen – auch bekannt unter dem plattdeutschen Namen „Sünnematen". Die Kinder gehen von Haus zu Haus, singen das traditionelle Lied „Sünnematen Oabend" und bekommen Süßigkeiten, Obst, ein Trinkpäckchen oder ähnliches. Hermann Böhne vom Heimat- und Gartenbauverein kennt das „Sünnematen-Lied" schon aus seiner Kindheit. Nach dem Singen hätten sie damals Nüsse und Äpfel als Belohnung bekommen – ganz selten gab es auch mal ein Stück Schokolade.

- © friedhelm.kleine
(© friedhelm.kleine)

„Bekamen wir an einem Haus gar nichts, haben wir ein plattdeutsches Schmählied gesungen", erinnert sich Böhne und lacht. Ungern denkt er sich daran, dass manche noch einen Eimer kaltes Wasser über den Kindern ausschütteten. Wer sich hingegen großzügig zeigte und den Kindern etwas überreichte, dem sangen die Kleinen als Dankeschön das Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott", so Böhne.

Martinisingen ist ein evangelischer Brauch zum Martinstag, der vor allem in den lutherisch geprägten Gebieten Nordwestdeutschlands und Nordostdeutschlands am Geburtstag von Martin Luther, dem 10. November, gepflegt wird. Das Sünnematen-Lied – wie es in Hille gesungen wird – gebe es so auch in Ostfriesland, hat Helmut Möller vom Plattdeutschen Arbeitskreis aus Hille herausgefunden.

Entstanden ist das Martinssingen der Überlieferung zufolge wohl im 19. Jahrhundert. Wie Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der „Volkskundlichen Kommission" beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) erklärt, werden in den Martiniliedern unterschiedliche Martins besungen. Älter ist in diesem Fall die eher katholische Verehrung für den Heiligen Martin von Tours – also den, der seinen Mantel mit dem Bettler teilte. Sein Gedenktag ist der 11. November, der in einigen Gegenden auch den Beginn des Adventsfastens markierte, das Ende des Herbstes und der Erntezeit und damit den Termin für Pachtzahlungen und Gesindewechsel.

Im 19. Jahrhundert rückte die Gestalt Martin Luthers selbst ins Zentrum des Martinsbrauchtums. Martin-von-Tours-Lieder wurden zu Martin-Luther-Liedern umgedichtet – das Brauchtum wie das Bitten um Gaben wurde mit Laternenumzügen verknüpft. Hören kann man nur noch selten, um welchen Martin es jetzt geht: Die Lieder haben sich weitgehend angeglichen, sagt Christiane Cantauw.

Das Nikolaussingen, das es unter anderem in Hartum und Teilen von Holzhausen gibt, ist laut der Expertin wohl bereits im 17. Jahrhundert entstanden. Ursprünglich war es eine alte Form der Umverteilung von Gütern: Personen mit wenig Einkommen gingen von Tür zu Tür und baten um Nahrung. Vor allem in katholischen Gebieten waren die Menschen überzeugt, mit dieser Art von milden Gaben etwas für das eigene Seelenheil zu tun und die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen.

Aileen Hoppmann, die mit ihrer Familie in Hille lebt, geht am morgigen Sonntag traditionell „Sünnematen-Singen". „Seitdem ich mich erinnern kann, sind wir am 10. November von Haus zu Haus gegangen und haben das plattdeutsche Lied gesungen", sagt sie. Auf diesen Tag habe sie sich das ganze Jahr gefreut. Abends hätten sie und ihre Freundinnen dann gezählt, wer die meisten Süßigkeiten bekommen hat. Morgen Abend zieht die junge Familie mit ihren drei Mädchen und anderen befreundeten Ehepaaren los. „Die Kleinen fragen schon seit Tagen, wie oft sie noch schlafen müssen bis endlich Sünnematen ist."

Sünnematen-Lied/Hiller Kinderlied zum Martinssingen:

Sünnematen Oabendgiff me geoe Goaben.Silberling (Ziepeling) es de Wert, schön es die Frau,schön es dat Reosenblatt,schöne Jungfrau giff mi wat,schön es de Frau. Eck höar de Büen klürten, eck glörbe et giff Nürte. Eck höer die Büen klappen, eck glörbe et giff Appel. Silberling (Ziepeling) es de Wert (...)Loat mi nich teo lange stoahn, eck mott nau bet noa Köln goahn. Köln es sau ferne,dor kurm eck nicht mähr herne. Silberling (Ziepeling) es de Wert (...)

Martinstag Abendgib mir gute Gaben. Silberling ist der Wert, schön ist die Frau, schön ist das Rosenblatt, schöne Jungfrau gib mir was,schön ist die Frau.Ich hör´ es auf dem Boden klappern, ich glaube es gibt Nüsse. Ich höre es auf den Boden schlagen, ich glaube es gibt Äpfel. Silberling ist der Wert (...)Lass mich nicht zu lange stehen, ich muss noch bis nach Köln gehen. Köln ist so weit weg, da komme ich nicht mehr hin. Silberling ist der Wert (...)

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HilleHeute ist „Sünnematen“: Kinder gehen von Haus zu Haus und singen für SüßesStefanie DullweberHille(mt). Wer keine Kinder im fraglichen Alter hat, kommt in diesen Tagen unter Umständen ins Schleudern. Wann war jetzt noch einmal der verflixte Termin, an dem man unbedingt Süßigkeiten im Haus haben sollte? Dazu kommt: In der Region werden unterschiedliche Bräuche gepflegt. Martinssingen, Nikolaussingen, neuerdings noch Halloween. Zwar liegen nur ein paar Kilometer zwischen den Ortsteilen oder Dörfern, trotzdem sind die Gepflogenheiten vollkommen anders. In der Gemeinde Hille gibt es überwiegend das Martinssingen – auch bekannt unter dem plattdeutschen Namen „Sünnematen". Die Kinder gehen von Haus zu Haus, singen das traditionelle Lied „Sünnematen Oabend" und bekommen Süßigkeiten, Obst, ein Trinkpäckchen oder ähnliches. Hermann Böhne vom Heimat- und Gartenbauverein kennt das „Sünnematen-Lied" schon aus seiner Kindheit. Nach dem Singen hätten sie damals Nüsse und Äpfel als Belohnung bekommen – ganz selten gab es auch mal ein Stück Schokolade. „Bekamen wir an einem Haus gar nichts, haben wir ein plattdeutsches Schmählied gesungen", erinnert sich Böhne und lacht. Ungern denkt er sich daran, dass manche noch einen Eimer kaltes Wasser über den Kindern ausschütteten. Wer sich hingegen großzügig zeigte und den Kindern etwas überreichte, dem sangen die Kleinen als Dankeschön das Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott", so Böhne. Martinisingen ist ein evangelischer Brauch zum Martinstag, der vor allem in den lutherisch geprägten Gebieten Nordwestdeutschlands und Nordostdeutschlands am Geburtstag von Martin Luther, dem 10. November, gepflegt wird. Das Sünnematen-Lied – wie es in Hille gesungen wird – gebe es so auch in Ostfriesland, hat Helmut Möller vom Plattdeutschen Arbeitskreis aus Hille herausgefunden. Entstanden ist das Martinssingen der Überlieferung zufolge wohl im 19. Jahrhundert. Wie Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der „Volkskundlichen Kommission" beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) erklärt, werden in den Martiniliedern unterschiedliche Martins besungen. Älter ist in diesem Fall die eher katholische Verehrung für den Heiligen Martin von Tours – also den, der seinen Mantel mit dem Bettler teilte. Sein Gedenktag ist der 11. November, der in einigen Gegenden auch den Beginn des Adventsfastens markierte, das Ende des Herbstes und der Erntezeit und damit den Termin für Pachtzahlungen und Gesindewechsel. Im 19. Jahrhundert rückte die Gestalt Martin Luthers selbst ins Zentrum des Martinsbrauchtums. Martin-von-Tours-Lieder wurden zu Martin-Luther-Liedern umgedichtet – das Brauchtum wie das Bitten um Gaben wurde mit Laternenumzügen verknüpft. Hören kann man nur noch selten, um welchen Martin es jetzt geht: Die Lieder haben sich weitgehend angeglichen, sagt Christiane Cantauw. Das Nikolaussingen, das es unter anderem in Hartum und Teilen von Holzhausen gibt, ist laut der Expertin wohl bereits im 17. Jahrhundert entstanden. Ursprünglich war es eine alte Form der Umverteilung von Gütern: Personen mit wenig Einkommen gingen von Tür zu Tür und baten um Nahrung. Vor allem in katholischen Gebieten waren die Menschen überzeugt, mit dieser Art von milden Gaben etwas für das eigene Seelenheil zu tun und die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen. Aileen Hoppmann, die mit ihrer Familie in Hille lebt, geht am morgigen Sonntag traditionell „Sünnematen-Singen". „Seitdem ich mich erinnern kann, sind wir am 10. November von Haus zu Haus gegangen und haben das plattdeutsche Lied gesungen", sagt sie. Auf diesen Tag habe sie sich das ganze Jahr gefreut. Abends hätten sie und ihre Freundinnen dann gezählt, wer die meisten Süßigkeiten bekommen hat. Morgen Abend zieht die junge Familie mit ihren drei Mädchen und anderen befreundeten Ehepaaren los. „Die Kleinen fragen schon seit Tagen, wie oft sie noch schlafen müssen bis endlich Sünnematen ist." Sünnematen-Lied/Hiller Kinderlied zum Martinssingen: Sünnematen Oabendgiff me geoe Goaben.Silberling (Ziepeling) es de Wert, schön es die Frau,schön es dat Reosenblatt,schöne Jungfrau giff mi wat,schön es de Frau. Eck höar de Büen klürten, eck glörbe et giff Nürte. Eck höer die Büen klappen, eck glörbe et giff Appel. Silberling (Ziepeling) es de Wert (...)Loat mi nich teo lange stoahn, eck mott nau bet noa Köln goahn. Köln es sau ferne,dor kurm eck nicht mähr herne. Silberling (Ziepeling) es de Wert (...) Martinstag Abendgib mir gute Gaben. Silberling ist der Wert, schön ist die Frau, schön ist das Rosenblatt, schöne Jungfrau gib mir was,schön ist die Frau.Ich hör´ es auf dem Boden klappern, ich glaube es gibt Nüsse. Ich höre es auf den Boden schlagen, ich glaube es gibt Äpfel. Silberling ist der Wert (...)Lass mich nicht zu lange stehen, ich muss noch bis nach Köln gehen. Köln ist so weit weg, da komme ich nicht mehr hin. Silberling ist der Wert (...)