Hille

Das Hiller Containerdorf und der Alltag der Flüchtlinge

Carsten Korfesmeyer

Sidar (von links), Jihan und Sami sind mit ihrer Familie seit sieben Monaten in Hille. Ihr Asylbewerberverfahren läuft, was emotional sehr belastend sei. MT- - © Foto: Carsten Korfesmeyer
Sidar (von links), Jihan und Sami sind mit ihrer Familie seit sieben Monaten in Hille. Ihr Asylbewerberverfahren läuft, was emotional sehr belastend sei. MT- (© Foto: Carsten Korfesmeyer)

Hille (mt). Die Flüchtlingssituation hat sich auch in der Gemeinde entspannt. Weit weg ist man von den Problemen im Jahr 2015, als sich die Kommune mit enormen Unterbringungsproblemen konfrontiert sah. Bürgermeister Michael Schweiß (SPD) gibt trotzdem keine Entwarnung. Zwar lebe der überwiegende Teil der Geflüchteten inzwischen in Wohnungen, die von der Verwaltung angemietet sind, doch zum vergleichsweise weniger komfortabelen Containerdorf am früheren Hiller Wohnmobilstellplatz sieht er aktuell keine Alternative. Soziale Probleme gibt es dort nicht, allerdings: „Die Menschen sind durch das lange Asylverfahren enorm angespannt“, sagt Schweiß. Das spürt man vor Ort.

Sami beispielsweise lebt mit seiner sechsköpfigen Familie in einem der großen Zimmer. Es gibt Betten, Schränke, einen Tisch sowie einen Kühlschrank. Eng ist es trotzdem und die Stimmung gemäßigt. Seit sieben Monaten sind die Iraker in Hille und hätten gerne eine Wohnung. Ihr Asylverfahren läuft – und wie es für sie weiter geht, ist offen. „Das ist schon zermürbend“, sagt Ralf Watermann am Freitag gegenüber dem MT. Der Mann vom Sozialamt kennt viele solcher Fälle. Und zu der Ungewissheit gesellen sich dann noch die typischen Alltagsprobleme.

So tritt Sabhi im nächsten Moment an Watermann heran und drückt ihm einen Zettel in die Hand. „Ich habe Zahnschmerzen“, sagt der 39-Jährige, der vor vier Jahren aus dem Irak floh. 125 Euro soll die Behandlung kosten – Geld das er nicht hat. Der Mann aus dem Rathaus beruhigt ihn – und verspricht Klärung. „Gezahlt wird allerdings nur, was notwendig ist“, sagt er. Das entscheide der Arzt. Für Sabhi sehe die Kostenübernahme somit eher gut aus. Im Falle der 17-jährigen Midia, die Watermann nur wenige Momente später mit ihrem Wunsch nach einer Zahnspange wiederholt konfrontiert, sei das womöglich komplizierter.

In der Wohnanlage geht es keineswegs anonym zu. An den Zimmertüren im Trakt der alleinlebenden Männer stehen die Namen der jeweiligen Bewohner – und aufgrund der entspannten Lage können die Doppelzimmer zurzeit einzeln belegt sein. „Alleinstehende Frauen und Familien haben einen eigenen Bereich“, sagt Watermann. Beim Rundgang trifft man immer wieder auf Bewohner die freundlich sind, aber nicht fröhlich wirken. „Meine Mutter ist krank“, erzählt Saman (16) – und auch Abbas Ali aus Bangladesch ist gesundheitlich angeschlagen. Er, der täglich bei der Reinigung der Räumlichkeiten mitarbeitet, leidet unter einer Augenkrankheit. 4.500 Euro kostet die Laserbehandlung. Ob diese Kosten übernommen werden, weiß er nicht.

Dass es die Menschen so angenehm wie möglich haben sollen, ist unverkennbar. Eine eigene Wohnung kann die Anlage allerdings nicht ersetzen – und das weiß auch Watermann. Integration funktioniere nur, wenn man am Alltag teilnehmen kann, sagt er. Eigene Wohnungen für Familien seien deshalb das Ziel der Gemeinde.

Eine dreiköpfige Familie, die bald in den eigenen Wänden lebt, nennt ihren Namen aus Angst vor Verfolgung nicht. Sie stammt aus der Türkei, ist anerkannt und freut sich darüber, bleiben zu dürfen. Aktuell nehmen der Vater und die Mutter eines kleinen Jungen am Integrationskurs in Lübbecke teil – und bekommen Geld vom Jobcenter. Später hoffen der Professor und die Lehrerin, Arbeit zu finden.

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 237 oder Carsten.Korfesmeyer@MT.de

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HilleDas Hiller Containerdorf und der Alltag der FlüchtlingeCarsten KorfesmeyerHille (mt). Die Flüchtlingssituation hat sich auch in der Gemeinde entspannt. Weit weg ist man von den Problemen im Jahr 2015, als sich die Kommune mit enormen Unterbringungsproblemen konfrontiert sah. Bürgermeister Michael Schweiß (SPD) gibt trotzdem keine Entwarnung. Zwar lebe der überwiegende Teil der Geflüchteten inzwischen in Wohnungen, die von der Verwaltung angemietet sind, doch zum vergleichsweise weniger komfortabelen Containerdorf am früheren Hiller Wohnmobilstellplatz sieht er aktuell keine Alternative. Soziale Probleme gibt es dort nicht, allerdings: „Die Menschen sind durch das lange Asylverfahren enorm angespannt“, sagt Schweiß. Das spürt man vor Ort. Sami beispielsweise lebt mit seiner sechsköpfigen Familie in einem der großen Zimmer. Es gibt Betten, Schränke, einen Tisch sowie einen Kühlschrank. Eng ist es trotzdem und die Stimmung gemäßigt. Seit sieben Monaten sind die Iraker in Hille und hätten gerne eine Wohnung. Ihr Asylverfahren läuft – und wie es für sie weiter geht, ist offen. „Das ist schon zermürbend“, sagt Ralf Watermann am Freitag gegenüber dem MT. Der Mann vom Sozialamt kennt viele solcher Fälle. Und zu der Ungewissheit gesellen sich dann noch die typischen Alltagsprobleme. So tritt Sabhi im nächsten Moment an Watermann heran und drückt ihm einen Zettel in die Hand. „Ich habe Zahnschmerzen“, sagt der 39-Jährige, der vor vier Jahren aus dem Irak floh. 125 Euro soll die Behandlung kosten – Geld das er nicht hat. Der Mann aus dem Rathaus beruhigt ihn – und verspricht Klärung. „Gezahlt wird allerdings nur, was notwendig ist“, sagt er. Das entscheide der Arzt. Für Sabhi sehe die Kostenübernahme somit eher gut aus. Im Falle der 17-jährigen Midia, die Watermann nur wenige Momente später mit ihrem Wunsch nach einer Zahnspange wiederholt konfrontiert, sei das womöglich komplizierter. In der Wohnanlage geht es keineswegs anonym zu. An den Zimmertüren im Trakt der alleinlebenden Männer stehen die Namen der jeweiligen Bewohner – und aufgrund der entspannten Lage können die Doppelzimmer zurzeit einzeln belegt sein. „Alleinstehende Frauen und Familien haben einen eigenen Bereich“, sagt Watermann. Beim Rundgang trifft man immer wieder auf Bewohner die freundlich sind, aber nicht fröhlich wirken. „Meine Mutter ist krank“, erzählt Saman (16) – und auch Abbas Ali aus Bangladesch ist gesundheitlich angeschlagen. Er, der täglich bei der Reinigung der Räumlichkeiten mitarbeitet, leidet unter einer Augenkrankheit. 4.500 Euro kostet die Laserbehandlung. Ob diese Kosten übernommen werden, weiß er nicht. Dass es die Menschen so angenehm wie möglich haben sollen, ist unverkennbar. Eine eigene Wohnung kann die Anlage allerdings nicht ersetzen – und das weiß auch Watermann. Integration funktioniere nur, wenn man am Alltag teilnehmen kann, sagt er. Eigene Wohnungen für Familien seien deshalb das Ziel der Gemeinde. Eine dreiköpfige Familie, die bald in den eigenen Wänden lebt, nennt ihren Namen aus Angst vor Verfolgung nicht. Sie stammt aus der Türkei, ist anerkannt und freut sich darüber, bleiben zu dürfen. Aktuell nehmen der Vater und die Mutter eines kleinen Jungen am Integrationskurs in Lübbecke teil – und bekommen Geld vom Jobcenter. Später hoffen der Professor und die Lehrerin, Arbeit zu finden. Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 237 oder Carsten.Korfesmeyer@MT.de