Rothenuffeln

Unter die Haut: Rudi Förster hat sich mit 89 Jahren das Schalke-Logo tätowieren lassen

Patrick Schwemling

Am linken Oberarm prangt seit ein paar Monaten das Logo von Rudi Försters Heimat- und Herzensverein, dem FC Schalke 04. MT- - © Foto: Patrick Schwemling
Am linken Oberarm prangt seit ein paar Monaten das Logo von Rudi Försters Heimat- und Herzensverein, dem FC Schalke 04. MT- (© Foto: Patrick Schwemling)

Hille-Rothenuffeln (mt). Immer wieder wechseln sich strahlende Augen mit einer nachdenklichen Miene ab: Wenn Rudolf Förster über seinen Heimat- und Herzensverein FC Schalke 04 spricht, erinnert sich der 90-jährige Rothenuffelner unweigerlich an den Zweiten Weltkrieg. Bombenangriffe auf Gelsenkirchen und die anschließende Flucht in den Kreis Minden-Lübbecke wird er nie vergessen. Zuvor erlebt er als Kind und Jugendlicher allerdings die großen Erfolge der Schalker in der Glückauf-Kampfbahn mit. Das sind Erinnerungen, die er nie vergessen wird. Auch deswegen hat er sich mit 89 Jahren das Vereinsemblem auf den Oberarm tätowieren lassen.

„Ab dem zweiten oder dritten Schuljahr sind wir in das Stadion gegangen", schätzt Förster. Damals hat er mit seinen Freunden die Glückauf-Kampfbahn besucht. Für sie war der Eintritt gratis. „Aber nur mit einer Begleitperson", erinnert er sich. Da sein Vater im Bergbau tätig war und kaum Zeit hatte, musste er einen anderen Weg finden. „Wir sind dann an den Händen von wildfremden Männern – Frauen gab es gar nicht im Stadion – reingegangen."

Der FC Schalke 04 kürte Rudi Förster in seinem Vereinsmagazin zum „Schalker des Monats“. MT- - © Foto: Patrick Schwemling
Der FC Schalke 04 kürte Rudi Förster in seinem Vereinsmagazin zum „Schalker des Monats“. MT- (© Foto: Patrick Schwemling)

Da sieht er das, wonach sich so viele Schalke-Fans heute sehnen: Sechs Meisterschaften von 1934 bis 1942, angeführt von Ernst Kuzorra und Fritz Szepan, um die sich der sogenannte Schalker Kreisel drehte. „Da war schon immer was los, auf Schalke. Früher wie auch heute", sagt Förster. Und wenn es einer wissen muss, dann der 90-jährige Rothenuffelner.

Fast 75 Jahre nach seinem letzten Stadionbesuch fährt er im März 2018 zusammen mit Tochter Barbara und Enkelin Joline nach Gelsenkirchen. Er schaut sich die Gegend an, in der er aufgewachsen ist, und später noch das Bundesliga-Spiel zwischen Schalke und Stuttgart. „Was für eine tolle Stimmung", schwärmt Förster noch heute von dem Besuch, dem er im Mai 2019 einen weiteren folgen ließ – per Bustour mit einem Fanclub.

„Ich hatte erst Angst und Bedenken, ihn da mitfahren zu lassen", sagt seine Tochter. Doch für den inzwischen 90-Jährigen war die Tour kein Problem. „Ich musste mich zwischen Bierkisten durchquetschen. Aber sonst war alles super", erinnert sich Förster. Besonders das Gemeinschaftsgefühl hatte es dem Rentner angetan.

„Ob auf dem Rastplatz oder im Stadion – überall kamen fremde Menschen zu mir, sagten Glück auf und waren wie eine Einheit", beschreibt er seine jüngsten Eindrücke. Dass die Schalker im Jahr 2019 bei weitem nicht mehr so glänzen wie zu Kuzorras Zeiten – geschenkt.

Warum es so lange gedauert hat, bis er wieder „auf Schalke" gegangen ist, erklärt Förster ganz pragmatisch. „Da gab es einfach wichtigere Dinge." Denn als heute 90-Jähriger hat er den Zweiten Weltkrieg miterlebt, nach der Schalker Meisterschaft 1942 rückte der Sport in den Hintergrund. Mit 15 Jahren, einige Monate nachdem am 6. November 1944 mehr als 700 Flugzeuge den größten Bombenangriff auf seine Heimatstadt fliegen, flüchtet er nach Bergkirchen.

„Meine Mutter und meine jüngste Schwester sind nach den Angriffen dorthin gekommen." Er selbst hat zu der Zeit in einer Gelsenkirchener Fabrik gearbeitet, ein Job im Bergbau kommt nicht in Frage. „Das wollte ich nie, das war nichts für mich."

Also entscheidet er sich für die Flucht, weg aus dem Ruhrgebiet. „Fünf, sechs Tage waren wir zu Fuß unterwegs. Auf dem Weg haben wir bei Bauern in Scheunen geschlafen und im Gegenzug für Kost und Logis auf dem Hof mitgeholfen", erinnert sich der 90-Jährige, der im Mühlenkreis schnell heimisch wird – auch weil seine Familie sich hier ansiedelt. „Mein Vater ist wegen der Arbeit im Ruhrgebiet aber erst viele Jahre später zu uns gekommen."

Förster sattelt beruflich um, macht erst eine Lehre als Maler und Anstreicher. Danach arbeitet er bis zur Rente mehr als 30 Jahre lang in einem großen Industriebetrieb in Bad Oeynhausen. „Ich musste ja Geld verdienen und eine große Familie ernähren. Da war keine Zeit für Fußball." Mit seiner Frau Marie-Sophie hat er fünf Kinder, Anfang der 1960er Jahre startet der Hausbau in Rothenuffeln. Noch heute wohnt er dort, seit 2015 als Witwer.

In dieser Zeit verfolgt er alles, was mit dem FC Schalke zu tun hat. „In der Sportschau oder im Radio. Aber nie vor Ort", sagt Förster. Da es im Familienkreis viele Fans der Königsblauen gibt, wird der Verein immer mehr zu seinem Hobby. Das Ganze gipfelt in einer verrückten Aktion, die niemand dem 90-Jährigen zugetraut hat: Er lässt sich mit 89 Jahren das Vereinsemblem des FC Schalke auf den linken Oberarm tätowieren.

„Die ganzen jungen Leute haben ja heutzutage überall die bunten Malereien auf dem Körper. Ich fand das auch schön", sagt er – und fährt eines Tages mit seiner Nichte in ein Tattoostudio nach Rahden. Dort nimmt er an einem Samstagmorgen auf dem Stuhl des Tätowierers Platz. „Und dann ging alles ganz schnell. Weh getan hat es nicht, aber warten musste ich vorher lange", beschreibt er die Situation, die sogar gefilmt wurde.

„Danach wollten es alle sehen", erinnert er sich an die ersten Tage und Wochen nach der Tätowierung. Egal, ob im Heimat- oder dem Gesangsverein, Rudi Förster war der gefragteste Mann im ganzen Dorf. „Vielleicht kommt noch eins hinzu", sagt er mit einem Augenzwinkern. Eine Sache ist jedoch jetzt schon klar: „Ich fahre in dieser Saison auf jeden Fall wieder auf Schalke."

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RothenuffelnUnter die Haut: Rudi Förster hat sich mit 89 Jahren das Schalke-Logo tätowieren lassenPatrick SchwemlingHille-Rothenuffeln (mt). Immer wieder wechseln sich strahlende Augen mit einer nachdenklichen Miene ab: Wenn Rudolf Förster über seinen Heimat- und Herzensverein FC Schalke 04 spricht, erinnert sich der 90-jährige Rothenuffelner unweigerlich an den Zweiten Weltkrieg. Bombenangriffe auf Gelsenkirchen und die anschließende Flucht in den Kreis Minden-Lübbecke wird er nie vergessen. Zuvor erlebt er als Kind und Jugendlicher allerdings die großen Erfolge der Schalker in der Glückauf-Kampfbahn mit. Das sind Erinnerungen, die er nie vergessen wird. Auch deswegen hat er sich mit 89 Jahren das Vereinsemblem auf den Oberarm tätowieren lassen. „Ab dem zweiten oder dritten Schuljahr sind wir in das Stadion gegangen", schätzt Förster. Damals hat er mit seinen Freunden die Glückauf-Kampfbahn besucht. Für sie war der Eintritt gratis. „Aber nur mit einer Begleitperson", erinnert er sich. Da sein Vater im Bergbau tätig war und kaum Zeit hatte, musste er einen anderen Weg finden. „Wir sind dann an den Händen von wildfremden Männern – Frauen gab es gar nicht im Stadion – reingegangen." Da sieht er das, wonach sich so viele Schalke-Fans heute sehnen: Sechs Meisterschaften von 1934 bis 1942, angeführt von Ernst Kuzorra und Fritz Szepan, um die sich der sogenannte Schalker Kreisel drehte. „Da war schon immer was los, auf Schalke. Früher wie auch heute", sagt Förster. Und wenn es einer wissen muss, dann der 90-jährige Rothenuffelner. Fast 75 Jahre nach seinem letzten Stadionbesuch fährt er im März 2018 zusammen mit Tochter Barbara und Enkelin Joline nach Gelsenkirchen. Er schaut sich die Gegend an, in der er aufgewachsen ist, und später noch das Bundesliga-Spiel zwischen Schalke und Stuttgart. „Was für eine tolle Stimmung", schwärmt Förster noch heute von dem Besuch, dem er im Mai 2019 einen weiteren folgen ließ – per Bustour mit einem Fanclub. „Ich hatte erst Angst und Bedenken, ihn da mitfahren zu lassen", sagt seine Tochter. Doch für den inzwischen 90-Jährigen war die Tour kein Problem. „Ich musste mich zwischen Bierkisten durchquetschen. Aber sonst war alles super", erinnert sich Förster. Besonders das Gemeinschaftsgefühl hatte es dem Rentner angetan. „Ob auf dem Rastplatz oder im Stadion – überall kamen fremde Menschen zu mir, sagten Glück auf und waren wie eine Einheit", beschreibt er seine jüngsten Eindrücke. Dass die Schalker im Jahr 2019 bei weitem nicht mehr so glänzen wie zu Kuzorras Zeiten – geschenkt. Warum es so lange gedauert hat, bis er wieder „auf Schalke" gegangen ist, erklärt Förster ganz pragmatisch. „Da gab es einfach wichtigere Dinge." Denn als heute 90-Jähriger hat er den Zweiten Weltkrieg miterlebt, nach der Schalker Meisterschaft 1942 rückte der Sport in den Hintergrund. Mit 15 Jahren, einige Monate nachdem am 6. November 1944 mehr als 700 Flugzeuge den größten Bombenangriff auf seine Heimatstadt fliegen, flüchtet er nach Bergkirchen. „Meine Mutter und meine jüngste Schwester sind nach den Angriffen dorthin gekommen." Er selbst hat zu der Zeit in einer Gelsenkirchener Fabrik gearbeitet, ein Job im Bergbau kommt nicht in Frage. „Das wollte ich nie, das war nichts für mich." Also entscheidet er sich für die Flucht, weg aus dem Ruhrgebiet. „Fünf, sechs Tage waren wir zu Fuß unterwegs. Auf dem Weg haben wir bei Bauern in Scheunen geschlafen und im Gegenzug für Kost und Logis auf dem Hof mitgeholfen", erinnert sich der 90-Jährige, der im Mühlenkreis schnell heimisch wird – auch weil seine Familie sich hier ansiedelt. „Mein Vater ist wegen der Arbeit im Ruhrgebiet aber erst viele Jahre später zu uns gekommen." Förster sattelt beruflich um, macht erst eine Lehre als Maler und Anstreicher. Danach arbeitet er bis zur Rente mehr als 30 Jahre lang in einem großen Industriebetrieb in Bad Oeynhausen. „Ich musste ja Geld verdienen und eine große Familie ernähren. Da war keine Zeit für Fußball." Mit seiner Frau Marie-Sophie hat er fünf Kinder, Anfang der 1960er Jahre startet der Hausbau in Rothenuffeln. Noch heute wohnt er dort, seit 2015 als Witwer. In dieser Zeit verfolgt er alles, was mit dem FC Schalke zu tun hat. „In der Sportschau oder im Radio. Aber nie vor Ort", sagt Förster. Da es im Familienkreis viele Fans der Königsblauen gibt, wird der Verein immer mehr zu seinem Hobby. Das Ganze gipfelt in einer verrückten Aktion, die niemand dem 90-Jährigen zugetraut hat: Er lässt sich mit 89 Jahren das Vereinsemblem des FC Schalke auf den linken Oberarm tätowieren. „Die ganzen jungen Leute haben ja heutzutage überall die bunten Malereien auf dem Körper. Ich fand das auch schön", sagt er – und fährt eines Tages mit seiner Nichte in ein Tattoostudio nach Rahden. Dort nimmt er an einem Samstagmorgen auf dem Stuhl des Tätowierers Platz. „Und dann ging alles ganz schnell. Weh getan hat es nicht, aber warten musste ich vorher lange", beschreibt er die Situation, die sogar gefilmt wurde. „Danach wollten es alle sehen", erinnert er sich an die ersten Tage und Wochen nach der Tätowierung. Egal, ob im Heimat- oder dem Gesangsverein, Rudi Förster war der gefragteste Mann im ganzen Dorf. „Vielleicht kommt noch eins hinzu", sagt er mit einem Augenzwinkern. Eine Sache ist jedoch jetzt schon klar: „Ich fahre in dieser Saison auf jeden Fall wieder auf Schalke."