Hille

Nach dem Supersommer 2018: Das Hiller Moor trocknet aus

Stefanie Dullweber

Das ist der aktuelle Wasserstand. - © G.H. Nahrwold
Das ist der aktuelle Wasserstand. (© G.H. Nahrwold)

Hille (mt). Wenn Rainer Eschedor im Moor spazieren geht, oder auf einer seiner Führungen unterwegs ist, bereitet ihm der Anblick Sorge. „Das Moor ist knochentrocken", sagt der zertifizierte Moor- und Landschaftsführer im MT-Gespräch. Seiner Ansicht nach setze sich das fort, was im vergangenen Jahr begonnen habe. Aufgrund des zu geringen Niederschlages sei der Wasserstand auf vielen Flächen sichtbar gesunken.

Ein Hochmoor speise sich nun einmal mit Regenwasser, erklärt Eschedor. Er vergleicht das Gelände mit einem Schwamm, der austrocknet und zusammensackt. „Ein Regenschauer reicht nicht, damit dieser Schwamm sich wieder vollsaugt", sagt der Hiller.

Welche Auswirkungen die anhaltende Trockenheit für das Große Torfmoor habe, kann und will Rainer Eschedor nicht abschätzen und verweist an die Experten von der Biologischen Station. Er könne nur schildern, welche sichtbaren Eindrücke er aus seinen Moorspaziergängen mitnimmt. Ein eindrucksvolles Beispiel seien die Bänke, die um 2006 aufgestellt worden sind. Diese seien seinerzeit mit Betonfüßen im Boden eingesetzt worden. Heute liegen diese Betonfüße frei – heißt, der Torfkörper ist zusammengesackt.

Die Tabelle zeigt die Wasserstände im Großen Torfmoor. - © MT
Die Tabelle zeigt die Wasserstände im Großen Torfmoor. (© MT)

Sichtbare Veränderungen hat der Moorführer auch bei den Pflanzen bemerkt. Die Torfmoose und die Wollgräser würden sich zurückziehen, meint Eschedor. Die weißen Flächen, die sonst im Frühjahr zu beobachten seien, wenn das Wollgras Früchte trägt, hätten in diesem Jahr gefehlt. Und auch der Sonnentau sei in diesem Jahr nur „sehr mickrig" vorhanden.

Nabu-Mitglied Gerd-Heinrich Nahrwold beschäftigt sich ebenfalls mit den Wasserständen im Großen Torfmoor und hat die Entwicklungen fotografisch festgehalten. Seine Bilder hat er vom Nordturm aus mit Blick in Richtung Nettelstedt aufgenommen. Wie seine Fotos dokumentieren, hat sich der Wasserstand in den Moorseen im Vergleich zu 2013 sichtbar reduziert. Weite, moorschlammige Flächen seien der Sonne ausgesetzt und torfbildende Pflanzen könnten ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen, schreibt Nahrwold in einem Artikel in der Neuen Westfälischen.

Dieses Foto zeigt den Wasserstand im Torfmoor im Jahr 2013. - © G. H. Nahrwold
Dieses Foto zeigt den Wasserstand im Torfmoor im Jahr 2013. (© G. H. Nahrwold)

Fehle das saure Moorwasser, könne es die Jahrtausende alten Torfschichten nicht mehr konservierend schützen. Durch Sauerstoffkontakt können Mikroorganismen den Torf viel schneller zersetzen. Dabei entstehe viel Kohlendioxid, so Nahrwold weiter.

Dirk Esplör von der Biologischen Station Minden-Lübbecke liest regelmäßig die Pegel der Oberflächengewässer im Großen Torfmoor ab. Während es für das Grundwasser sogenannte Datenlogger – das sind digitale Speichermedien – gibt, werden die Oberflächengewässer anhand einer Messlatte erfasst.

Sein Fazit: Legt man die Pegel des vergleichsweise nassen Jahres 2016 mit den aktuellen Wasserständen nebeneinander, ergibt sich eine Differenz von etwa 30 bis 60 Zentimetern. „Grob geschätzt liegt der Wasserspiegel in den Moorgewässern derzeit also rund 50 Zentimeter tiefer als in früheren Jahren. Im Vergleich zum sehr trockenen Vorjahr 2018 liegen die Wasserstände in diesem Jahr noch etwas tiefer", sagt Esplör.

Seine Erkenntnisse bezieht der Experte aus der Betrachtung von neun Meßstellen, die verteilt im Zentrum des Großen Torfmoores liegen und deren Daten er im Zeitraum von 2015 bis 2019 für den Monat August verglichen hat.

Ursächlich für die extrem niedrigen Wasserstände ist laut Angaben des Experten der vergleichsweise regenarme Winter 2018/19. Normalerweise hätten die winterlichen Niederschläge das Defizit aus dem vergangenen Jahr zumindest teilweise wieder aufgefüllt, so Esplör. Durch deren Ausbleiben sei das Torfmoor bereits mit einem großen Defizit in die diesjährige Vegetationsperiode gegangen.

Allerdings rät Dirk Esplör auch davon ab, angesichts der jüngsten Ereignisse in Panik zu verfallen. „Wie die moortypische Vegetation auf die derzeitige Entwicklung reagiert, lässt sich nicht seriös abschätzen." Vegetation reagiere eben nicht spontan. Und, so ist sich der Landschaftsarchitekt sicher, einzelne Trockenjahre führten nicht dazu, dass Arten komplett verschwänden. Die meisten Hochmoorpflanzen könnten sicherlich einige ungünstige Jahre überdauern.

Problematisch für die Moorpflege sei allerdings die vermehrte Ausbreitung von Gehölzen auf den abgetrockneten Moorflächen. Dies werde voraussichtlich in den nächsten Jahren dazu führen, dass beispielsweise Birken im größerem Umfang als bisher geplant entfernt werden müssten.

Vor dem Hintergrund der prognostizierten klimatischen Veränderungen müssten, findet Esplör, die Bemühungen zur Wasserrückhaltung und Wiedervernässung in der gesamten Bastauniederung – also Bastauwiesen, Großes Torfmoor, Neuenbaumer und Altes Moor – intensiviert werden. Nur so könne ausreichend Wasser in der Moorniederung zurückgehalten werden. Wichtig sei, dass die winterlichen Niederschläge in größerem Umfang als bisher in den Flächen „geparkt würden" – um die vermehrten sommerlichen Trockenphasen zumindest teilweise auszugleichen.

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