Hille

„Wie im Wilden Westen“: Lkw-Fahrer Gerhard Lichtsinn über die L770 als Unfallschwerpunkt

Stefanie Dullweber

Immer wieder kommt es auf der L770 zu schweren Verkehrsunfällen. MT-Archivfoto: Doris Christoph
Immer wieder kommt es auf der L770 zu schweren Verkehrsunfällen. MT-Archivfoto: Doris Christoph

Hille (mt). „Das ist lebensgefährlich“, sagt Gerhard Lichtsinn. Sofort fallen dem Petershäger etliche Situationen ein, in denen er einen Unfall durch vorausschauendes Fahren nur knapp verhindern konnte. Lichtsinn ist Lastwagenfahrer – und eigentlich seit einem Jahr im Ruhestand. Aber weil er immer noch Spaß an dem Beruf hat, und seine Firma dringend Fahrer sucht, arbeitet er weiter auf 450-Euro-Basis. Zu den meist gefahrenen Strecken gehören die Landesstraße 770 und die Bundesstraße 482.

Den jüngsten Unfall auf der L770, bei dem in Höhe Wickriede ein Auto zunächst mit einem Lastwagen kollidierte und dann frontal mit einem entgegenkommenden Wagen zusammenkrachte, nahm Gerhard Lichtsinn zum Anlass, um über seine Erfahrungen und den Gefahrenschwerpunkt auf dieser Straße zu berichten. Wie die Polizei berichtete, war bei dem Unfall Ende Juli vermutlich die tief stehende Sonne die Ursache dafür, dass das Auto auf die Gegenfahrbahn kam.

Im morgendlichen Berufsverkehr hat Gerhard Lichtsinn ganz andere Erfahrungen gemacht. Dort ginge es zu wie im „Wilden Westen“, sagt er. Verkehrsregeln würden außer Kraft gesetzt. Durchgezogene Linien, Abbiegespuren und Gegenverkehr hinderten kaum jemanden am Überholen. Und viele Fahrer hätten auch noch ein Handy am Ohr – oder würden während der Fahrt Nachrichten schreiben. „Wenn ich mit meinem Lastwagen die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit einhalte, bin ich eine Belästigung für die anderen Verkehrsteilnehmer“, sagt er. Oft hat er schon einen Stinkefinger gesehen – Gerhard Lichtsinn hat aufgehört zu zählen. Im Übrigen würde er nicht nur von Autofahrern als Verkehrshindernis gesehen, sondern auch von anderen Lastwagen.

Gerhard Lichtsinn ist seit vielen Jahren Lkw-Fahrer. Viele Verkehrsteilnehmer würden die Regeln missachten und dabei schwere Unfälle in Kauf nehmen, sagt er. MT- - © Foto: Alex Lehn
Gerhard Lichtsinn ist seit vielen Jahren Lkw-Fahrer. Viele Verkehrsteilnehmer würden die Regeln missachten und dabei schwere Unfälle in Kauf nehmen, sagt er. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Damit es mehr Sicherheit auf den Straßen gibt, wünscht sich der Petershäger eine höhere Polizeipräsenz, vor allem von Beamten in Zivil. Bei Vergehen sollte es höhere Strafen, aber auch Fahrverbote geben, sagt er. Neulich habe ihn ein Motorradfahrer rechts auf der Standspur überholt. Der junge Fahrer habe außerdem eine Helmkamera getragen und seine Fahrt vermutlich gefilmt. Kurze Zeit später habe ihn eine Zivilstreife der Polizei in Empfang genommen. „Im ersten Moment hatte ich schon ein bisschen Mitleid, schließlich war ich auch mal jung“, gibt Lichtsinn zu.

Ein gutes Vorbild, so der 64-Jährige, seien die Niederlande. Dort gelte auf Nationalstraßen – vergleichbar mit Bundesstraßen – die Höchstgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern. „Da überholt keiner“, sagt Lichtsinn. Außerdem gebe es dort intelligente Ampeln, die den Verkehr steuern. Dadurch kann beispielsweise die Grünlicht-Phase an die Verkehrssituation angepasst werden und bestimmten Verkehrsteilnehmern Vorfahrt gewährt werden.

Im Vergleich mit anderen Ländern, in denen Lichtsinn während seines Berufslebens unterwegs war, findet er in Deutschland alles zu hektisch. „Die Leute müssten sich umstellen, weniger egoistisch sein“, sagt der Pensionär. So oft habe er schon die Erfahrung gemacht, dass Verkehrsteilnehmer mit Überholen nichts erreichen. Hier bewahrheite sich der Spruch: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben – in der Regel schon an der nächsten Ampel.

Ans Aufhören denkt Gerhard Lichtsinn allerdings noch nicht. Im Gegensatz zu früher, wo er häufig die ganze Woche unterwegs war, verbringt er heute die Abende zu Hause. „Die Familie leidet sehr darunter, dass man so viel unterwegs ist“, sagt der Petershäger rückblickend. Aus diesem Grund und auch wegen des enormen Drucks, immer rechtzeitig von A nach B zu kommen, würde er den Beruf nicht noch einmal ergreifen. „Früher gab es noch viel mehr Zulagen. Heute ist die Bezahlung häufig nicht gut. Mit 24 Euro Spesen am Tag können Fahrer sich gerade noch eine Dusche und eine warme Mahlzeit leisten – wenn überhaupt.“

Gerhard Lichtsinn weiß es heute zu schätzen, mehr Zeit für Privates und Hobbys zu haben. Gerne sind seine Frau und er mit dem Reisemobil unterwegs oder unternehmen Ausflüge mit ihren E-Bikes. Und wenn es dann morgens im Berufsverkehr mal wieder „wild zugegangen“ ist, kommt er zu Hause im beschaulichen Meßlingen zur Ruhe.

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Hille„Wie im Wilden Westen“: Lkw-Fahrer Gerhard Lichtsinn über die L770 als UnfallschwerpunktStefanie DullweberHille (mt). „Das ist lebensgefährlich“, sagt Gerhard Lichtsinn. Sofort fallen dem Petershäger etliche Situationen ein, in denen er einen Unfall durch vorausschauendes Fahren nur knapp verhindern konnte. Lichtsinn ist Lastwagenfahrer – und eigentlich seit einem Jahr im Ruhestand. Aber weil er immer noch Spaß an dem Beruf hat, und seine Firma dringend Fahrer sucht, arbeitet er weiter auf 450-Euro-Basis. Zu den meist gefahrenen Strecken gehören die Landesstraße 770 und die Bundesstraße 482. Den jüngsten Unfall auf der L770, bei dem in Höhe Wickriede ein Auto zunächst mit einem Lastwagen kollidierte und dann frontal mit einem entgegenkommenden Wagen zusammenkrachte, nahm Gerhard Lichtsinn zum Anlass, um über seine Erfahrungen und den Gefahrenschwerpunkt auf dieser Straße zu berichten. Wie die Polizei berichtete, war bei dem Unfall Ende Juli vermutlich die tief stehende Sonne die Ursache dafür, dass das Auto auf die Gegenfahrbahn kam. Im morgendlichen Berufsverkehr hat Gerhard Lichtsinn ganz andere Erfahrungen gemacht. Dort ginge es zu wie im „Wilden Westen“, sagt er. Verkehrsregeln würden außer Kraft gesetzt. Durchgezogene Linien, Abbiegespuren und Gegenverkehr hinderten kaum jemanden am Überholen. Und viele Fahrer hätten auch noch ein Handy am Ohr – oder würden während der Fahrt Nachrichten schreiben. „Wenn ich mit meinem Lastwagen die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit einhalte, bin ich eine Belästigung für die anderen Verkehrsteilnehmer“, sagt er. Oft hat er schon einen Stinkefinger gesehen – Gerhard Lichtsinn hat aufgehört zu zählen. Im Übrigen würde er nicht nur von Autofahrern als Verkehrshindernis gesehen, sondern auch von anderen Lastwagen. Damit es mehr Sicherheit auf den Straßen gibt, wünscht sich der Petershäger eine höhere Polizeipräsenz, vor allem von Beamten in Zivil. Bei Vergehen sollte es höhere Strafen, aber auch Fahrverbote geben, sagt er. Neulich habe ihn ein Motorradfahrer rechts auf der Standspur überholt. Der junge Fahrer habe außerdem eine Helmkamera getragen und seine Fahrt vermutlich gefilmt. Kurze Zeit später habe ihn eine Zivilstreife der Polizei in Empfang genommen. „Im ersten Moment hatte ich schon ein bisschen Mitleid, schließlich war ich auch mal jung“, gibt Lichtsinn zu. Ein gutes Vorbild, so der 64-Jährige, seien die Niederlande. Dort gelte auf Nationalstraßen – vergleichbar mit Bundesstraßen – die Höchstgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern. „Da überholt keiner“, sagt Lichtsinn. Außerdem gebe es dort intelligente Ampeln, die den Verkehr steuern. Dadurch kann beispielsweise die Grünlicht-Phase an die Verkehrssituation angepasst werden und bestimmten Verkehrsteilnehmern Vorfahrt gewährt werden. Im Vergleich mit anderen Ländern, in denen Lichtsinn während seines Berufslebens unterwegs war, findet er in Deutschland alles zu hektisch. „Die Leute müssten sich umstellen, weniger egoistisch sein“, sagt der Pensionär. So oft habe er schon die Erfahrung gemacht, dass Verkehrsteilnehmer mit Überholen nichts erreichen. Hier bewahrheite sich der Spruch: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben – in der Regel schon an der nächsten Ampel. Ans Aufhören denkt Gerhard Lichtsinn allerdings noch nicht. Im Gegensatz zu früher, wo er häufig die ganze Woche unterwegs war, verbringt er heute die Abende zu Hause. „Die Familie leidet sehr darunter, dass man so viel unterwegs ist“, sagt der Petershäger rückblickend. Aus diesem Grund und auch wegen des enormen Drucks, immer rechtzeitig von A nach B zu kommen, würde er den Beruf nicht noch einmal ergreifen. „Früher gab es noch viel mehr Zulagen. Heute ist die Bezahlung häufig nicht gut. Mit 24 Euro Spesen am Tag können Fahrer sich gerade noch eine Dusche und eine warme Mahlzeit leisten – wenn überhaupt.“ Gerhard Lichtsinn weiß es heute zu schätzen, mehr Zeit für Privates und Hobbys zu haben. Gerne sind seine Frau und er mit dem Reisemobil unterwegs oder unternehmen Ausflüge mit ihren E-Bikes. Und wenn es dann morgens im Berufsverkehr mal wieder „wild zugegangen“ ist, kommt er zu Hause im beschaulichen Meßlingen zur Ruhe.