Dreifachmord Hille: Für die Familie stirbt Fadi S. an jedem Prozesstag ein weiteres Mal

Stefanie Dullweber

Unter welchen Umständen wurde der 30-jährige Fadi S. am 4. März ermordet? Weitere Aufschlüsse könnte ein Gutachten bringen, das von den Verteidigern von Jörg W. beantragt wurde. MT- - © Foto: Stefanie Dullweber
Unter welchen Umständen wurde der 30-jährige Fadi S. am 4. März ermordet? Weitere Aufschlüsse könnte ein Gutachten bringen, das von den Verteidigern von Jörg W. beantragt wurde. MT- (© Foto: Stefanie Dullweber)

Hille/Bielefeld (mt). Der 4. März 2018 habe sein Leben und das seiner Angehörigen zerstört, sagt Imad S. am Rande des Prozesses um die Dreifachmorde in Hille. Der Bruder des getöteten Libanesen Fadi S. verfolgt jeden Prozesstag vor dem Landgericht Bielefeld, nimmt sich dafür extra Urlaub. Er wolle nur, dass die Angeklagten ihre gerechte Strafe bekommen, sagt der Hannoveraner und kämpft genau wie seine Eltern und Geschwister immer wieder mit den Tränen. Zu sehen, wie die beiden Angeklagten Jörg W. und Kevin R. ohne Handschellen im Gerichtssaal sitzen und ihn und seine Familie teilweise sogar angrinsen würden, mache die Sache unerträglich. „Es ist eine Frechheit, dass die beiden keine Reue zeigen“, sagt Imad S. und schüttelt den Kopf.

Dass sich der Prozess wegen einer möglichen Befangenheit des Richters verzögert (das MT berichtete), koste zusätzlich Nerven, schildert der Bruder seine Gefühlslage. Seine Familie lebe seit 34 Jahren in Deutschland und halte sich an die deutschen Gesetze. „Wer drei Menschen auf dem Gewissen hat, hat meiner Meinung nach nicht das Recht, weiter unter Menschen zu leben.“ An jedem Prozesstag sterbe sein Bruder ein weiteres Mal.

Fadi sei der Jüngste der Geschwister gewesen, das Baby – von allen verwöhnt, jemand, der gerne mal einen Scherz machte und für den Familie über alles ging. Niemals hätte er Frau und Kinder verlassen – und er habe sein Geld mit Stolz verdient, betont der große Bruder, der häufig das Grab des 30-Jährigen besucht, um mit dem Verstorbenen zu sprechen. Nichts sei mehr wie es vorher war. An Ramadan – dem Fastenmonat der Muslime – sei Fadis Platz am Tisch leer geblieben. „Die Angeklagten haben uns das Leben zur Hölle gemacht“, sagt Imad S.

Die genauen Todesumstände von Fadi S. sind nach wie vor unklar – zumal die beiden Angeklagten sich mit ihren Aussagen gegenseitig belasten. Weitere Erkenntnisse könnte eine sogenannte Blutspurenmuster-Verteilungsanalyse bringen, die die Verteidiger von Jörg W. am gestrigen neunten Prozesstag beantragten. Ein Sachverständiger aus München soll die Blutspuren an der Jacke von Kevin R. sowie auf dem Stallboden und an den Wänden der Scheune untersuchen, in der die Leiche des 30-Jährigen gefunden wurde. Die Analyse soll Aufschluss darüber geben, wer dem Opfer die tödlichen Schläge zugefügt hat. Die Verteidiger von Jörg W. gehen davon aus, dass eine solche Untersuchung zu dem Schluss kommt, dass der Träger der gelben Jacke – also Kevin R. – wiederholt auf den Kopf von Fadi S. eingeschlagen hat.

Der Vorsitzende Richter Dr. Georg Zimmermann wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass möglicherweise zunächst geklärt werden müsse, bei welchen Spuren in der Scheune es sich überhaupt um Blut handelt – und bei welchen nicht. Staatsanwalt Christopher York ergänzte, dass auch die sichergestellte Kleidung von Jörg W. entsprechend untersucht werden muss. Ob die Blutspuren detailliert analysiert werden, entscheidet das Gericht.

Am neunten Prozesstag vor dem Bielefelder Landgericht hörten die Prozessbeobachter außerdem, was der letzte Arbeitgeber von Jörg W. über den Angeklagten zu sagen hat. In dem Betrieb für Land- und Gartentechnik in Hille hatte der 51-Jährige von Anfang Juni bis Ende Oktober 2017 gearbeitet. Anschließend hätte er dem Mitarbeiter leider kündigen müssen, weil es nicht mehr genügend Aufträge gab, erklärte der Hiller.

Eingestellt habe er den ehemaligen Fremdenlegionär, weil dieser arbeitssuchend gewesen sei und er einen Mitarbeiter gebraucht habe. „Ich kann nichts Negatives über ihn sagen. Er hat seine Arbeit gemacht. Wir hatten ein gutes Verhältnis“, äußerte sich der 50-jährige Metallbaumeister über seinen Ex-Kollegen. Den zunächst vereinbarten Lohn von 14 Euro pro Stunde habe er jedoch auf elf Euro kürzen müssen, weil Jörg W. nicht alle Arbeiten ausführen konnte, wie zuvor behauptet. Deshalb habe er ihn nicht wie einen Facharbeiter bezahlen können.

Die finanzielle Situation von Jörg W. sei auch über seinen Lohn hinaus Thema gewesen. Die Firma habe Jörg W. 2500 Euro geliehen. Der 51-Jährige habe angegeben, dass ein früherer Arbeitgeber seinen noch ausstehenden Lohn nicht zahlt. „Ich wollte ihn nicht hängen lassen“, begründete der Firmeninhaber die Finanzspitze. Immerhin habe Jörg W. einen Hof und Tiere zu versorgen gehabt. Das Geld habe der Angeklagte in Raten zurückgezahlt. Im Übrigen sei der Beschuldigte immer sehr großzügig gewesen, auch wenn das Geld bei ihm laut eigenen Angaben immer ein bisschen knapp gewesen sei.

Ebenso wie für die Familie des getöteten Fadi S. wird der Prozess auch für eine weitere Nebenklägerin immer mehr zur Belastung. Die Schwester des getöteten landwirtschaftlichen Helfers Jochen K. versteht mittlerweile die Welt nicht mehr. In vielen Aussagen erkenne sie ihren Bruder einfach nicht wieder – und sie habe ihn doch schließlich ein Leben lang begleitet. „Ich wollte den Tod meines Bruders aufarbeiten, aber ich habe das Gefühl, ich höre immer mehr Lügen“, sagte die 63-Jährige gestern am Rand des Prozesses.

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Dreifachmord Hille: Für die Familie stirbt Fadi S. an jedem Prozesstag ein weiteres MalStefanie DullweberHille/Bielefeld (mt). Der 4. März 2018 habe sein Leben und das seiner Angehörigen zerstört, sagt Imad S. am Rande des Prozesses um die Dreifachmorde in Hille. Der Bruder des getöteten Libanesen Fadi S. verfolgt jeden Prozesstag vor dem Landgericht Bielefeld, nimmt sich dafür extra Urlaub. Er wolle nur, dass die Angeklagten ihre gerechte Strafe bekommen, sagt der Hannoveraner und kämpft genau wie seine Eltern und Geschwister immer wieder mit den Tränen. Zu sehen, wie die beiden Angeklagten Jörg W. und Kevin R. ohne Handschellen im Gerichtssaal sitzen und ihn und seine Familie teilweise sogar angrinsen würden, mache die Sache unerträglich. „Es ist eine Frechheit, dass die beiden keine Reue zeigen“, sagt Imad S. und schüttelt den Kopf. Dass sich der Prozess wegen einer möglichen Befangenheit des Richters verzögert (das MT berichtete), koste zusätzlich Nerven, schildert der Bruder seine Gefühlslage. Seine Familie lebe seit 34 Jahren in Deutschland und halte sich an die deutschen Gesetze. „Wer drei Menschen auf dem Gewissen hat, hat meiner Meinung nach nicht das Recht, weiter unter Menschen zu leben.“ An jedem Prozesstag sterbe sein Bruder ein weiteres Mal. Fadi sei der Jüngste der Geschwister gewesen, das Baby – von allen verwöhnt, jemand, der gerne mal einen Scherz machte und für den Familie über alles ging. Niemals hätte er Frau und Kinder verlassen – und er habe sein Geld mit Stolz verdient, betont der große Bruder, der häufig das Grab des 30-Jährigen besucht, um mit dem Verstorbenen zu sprechen. Nichts sei mehr wie es vorher war. An Ramadan – dem Fastenmonat der Muslime – sei Fadis Platz am Tisch leer geblieben. „Die Angeklagten haben uns das Leben zur Hölle gemacht“, sagt Imad S. Die genauen Todesumstände von Fadi S. sind nach wie vor unklar – zumal die beiden Angeklagten sich mit ihren Aussagen gegenseitig belasten. Weitere Erkenntnisse könnte eine sogenannte Blutspurenmuster-Verteilungsanalyse bringen, die die Verteidiger von Jörg W. am gestrigen neunten Prozesstag beantragten. Ein Sachverständiger aus München soll die Blutspuren an der Jacke von Kevin R. sowie auf dem Stallboden und an den Wänden der Scheune untersuchen, in der die Leiche des 30-Jährigen gefunden wurde. Die Analyse soll Aufschluss darüber geben, wer dem Opfer die tödlichen Schläge zugefügt hat. Die Verteidiger von Jörg W. gehen davon aus, dass eine solche Untersuchung zu dem Schluss kommt, dass der Träger der gelben Jacke – also Kevin R. – wiederholt auf den Kopf von Fadi S. eingeschlagen hat. Der Vorsitzende Richter Dr. Georg Zimmermann wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass möglicherweise zunächst geklärt werden müsse, bei welchen Spuren in der Scheune es sich überhaupt um Blut handelt – und bei welchen nicht. Staatsanwalt Christopher York ergänzte, dass auch die sichergestellte Kleidung von Jörg W. entsprechend untersucht werden muss. Ob die Blutspuren detailliert analysiert werden, entscheidet das Gericht. Am neunten Prozesstag vor dem Bielefelder Landgericht hörten die Prozessbeobachter außerdem, was der letzte Arbeitgeber von Jörg W. über den Angeklagten zu sagen hat. In dem Betrieb für Land- und Gartentechnik in Hille hatte der 51-Jährige von Anfang Juni bis Ende Oktober 2017 gearbeitet. Anschließend hätte er dem Mitarbeiter leider kündigen müssen, weil es nicht mehr genügend Aufträge gab, erklärte der Hiller. Eingestellt habe er den ehemaligen Fremdenlegionär, weil dieser arbeitssuchend gewesen sei und er einen Mitarbeiter gebraucht habe. „Ich kann nichts Negatives über ihn sagen. Er hat seine Arbeit gemacht. Wir hatten ein gutes Verhältnis“, äußerte sich der 50-jährige Metallbaumeister über seinen Ex-Kollegen. Den zunächst vereinbarten Lohn von 14 Euro pro Stunde habe er jedoch auf elf Euro kürzen müssen, weil Jörg W. nicht alle Arbeiten ausführen konnte, wie zuvor behauptet. Deshalb habe er ihn nicht wie einen Facharbeiter bezahlen können. Die finanzielle Situation von Jörg W. sei auch über seinen Lohn hinaus Thema gewesen. Die Firma habe Jörg W. 2500 Euro geliehen. Der 51-Jährige habe angegeben, dass ein früherer Arbeitgeber seinen noch ausstehenden Lohn nicht zahlt. „Ich wollte ihn nicht hängen lassen“, begründete der Firmeninhaber die Finanzspitze. Immerhin habe Jörg W. einen Hof und Tiere zu versorgen gehabt. Das Geld habe der Angeklagte in Raten zurückgezahlt. Im Übrigen sei der Beschuldigte immer sehr großzügig gewesen, auch wenn das Geld bei ihm laut eigenen Angaben immer ein bisschen knapp gewesen sei. Ebenso wie für die Familie des getöteten Fadi S. wird der Prozess auch für eine weitere Nebenklägerin immer mehr zur Belastung. Die Schwester des getöteten landwirtschaftlichen Helfers Jochen K. versteht mittlerweile die Welt nicht mehr. In vielen Aussagen erkenne sie ihren Bruder einfach nicht wieder – und sie habe ihn doch schließlich ein Leben lang begleitet. „Ich wollte den Tod meines Bruders aufarbeiten, aber ich habe das Gefühl, ich höre immer mehr Lügen“, sagte die 63-Jährige gestern am Rand des Prozesses.