Arbeitgeberpräsident entführt und ermordet

Ilja Regier

Mit diesem Schild wurde Hanns Martin Schleyer während der Geiselnahme gezeigt. Bevor er zum Gefangenen der RAF wurde, hatte er seinen letzten öffentlichen Auftritt im Mindener Rathaus. - © Foto: dpa
Mit diesem Schild wurde Hanns Martin Schleyer während der Geiselnahme gezeigt. Bevor er zum Gefangenen der RAF wurde, hatte er seinen letzten öffentlichen Auftritt im Mindener Rathaus. (© Foto: dpa)

1977: Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Hanns Martin Schleyer am 1. September 1977 im Mindener Rathaus. Vier Tage später wurde der deutsche Arbeitgeberpräsident und Vorsitzende des Bundesverbandes der Deutschen Industrie von der RAF in Köln entführt und später ermordet.

Mindens tausendjähriges Jubiläum sollte 1977 groß gefeiert werden, denn mit der Wiederkehr der Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechts durch Kaiser Otto II. an den Mindener Bischof Milo wurde die Voraussetzung zur Stadtwerdung erfüllt. Überschattet wurde die Feier durch das Kidnapping. Zuvor hatte Schleyer noch im sanierten Rathaus am Donnerstag, 1. September, einen Vortrag zum Thema „Unternehmerische Verantwortung in unserer Zeit“ gehalten und sich ins Goldene Buch eingetragen.

Dr. Schleyer trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Minden ein. Bürgermeister Heinz Röthemeier schaut zu. - © Foto: MT-Archiv
Dr. Schleyer trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Minden ein. Bürgermeister Heinz Röthemeier schaut zu. (© Foto: MT-Archiv)

Der damalige Bürgermeister Heinz Röthemeier (92) erinnert sich: „Im Anschluss saßen wir gemeinsam im Ratskeller und Schleyer erzählte von einem Gespräch mit Helmut Schmidt. Schleyer habe sich beim Kanzler beschwert, dass die Bodyguards lästig seien, zumal sie ihm sogar auf die Toilette folgten.“ Außerdem hätten laut Röthemeier ihm Unbekannte auf dem Marktplatz „Schleyer, wir kriegen dich noch“ skandiert. Schleyers Vortrag dagegen wäre begeistert aufgenommen worden, sagte der 93-jährige Rudolf Pape, damals Mitglied des Ältestenrates.

Kurz vor seinem letzten Auftritt traf auch Günther Becker, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Stadtrat, Hanns Martin Schleyer. „Ich war früher im Rathaus, begegnete ihm dort und lud ihn auf einen Kaffee in der „Tonne“ ein. Ich sehe uns zwei noch vor mir.“ Beide führten eine etwa halbstündige, private Unterhaltung. „Ich fragte ihn, ob er angesichts des Terrors Angst hätte. Selbstverständlich hätte er diese, antwortete Schleyer mir .“ Wie Becker bemerkte, sei ihm schon bewusst gewesen, dass er in Gefahr war. Der damalige, hauptberufliche Polizist glaubt, dass das Attentat auch in Minden hätte passieren können, wenn Maskierte mit Maschinenpistolen es unbedingt darauf angelegt hätten.

All die Sorgen und möglichen Szenarien wurden dann wenige Tage später zur Realität. Das RAF-Kommando „Siegfried Hausner“ tötete am Montag, 5. September, Schleyers Chauffeur, seine drei Leibwächter und entführte den Politiker. Bundeskanzler Schmidt kommentierte: „Der Staat muss mit notwendiger Härte antworten.“ Bundespräsident Walter Scheel, Landwirtschaftsminister Dr. Horst Ludwig Riemer und NRW-Innenminister Dr. Burkhard Hirsch sagten ihren Besuch für Donnerstag, 8. September 1977, zum Festakt in Minden kurzfristig ab. „In Minden war das Thema Schleyer in aller Munde“, sagte Ratsmitglied Rudolf Pape, der nach der Entführung erschüttert war.

Im Zeitzeugen-Gespräch mit dem MT blickte Burkhard Hirsch (86) zurück: „Ich hörte von einer Entführung in Köln, wusste aber nicht, um wen es sich handelte. Erst später wurde mir klar, welche Dimensionen es eingenommen hatte.“ Unmittelbar danach wurde der Innenminister zum Krisenstab einberufen und stellte unter anderem eine Anti-Terror-Einheit auf. Dass seine Präsenz zum Jubiläum in Minden vorgesehen war, daran erinnert sich Hirsch nicht mehr.

Röthemeier beschrieb Schleyer als herben Typen, dem das Lächeln schwer fiel, der aber kompetent wirkte. Aufgrund der Ereignisse verfasste Röthemeier auch eine Ersatzrede zum Festakt. „Ich musste davon ausgehen, dass Schleyer bis dahin vielleicht schon tot gewesen sein könnte.“ Wie der Inhalt dieser Rede lautete, weiß Röthemeier nicht mehr. Genauso wenig, wo sich die Ersatzrede befindet und ob sie noch existiert. Sie war nicht notwendig. Schleyer lebte noch einen Monat als Geisel der RAF, bis er mit drei Schüssen in den Hinterkopf am 18. Oktober umgebracht wurde.

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Arbeitgeberpräsident entführt und ermordetIlja Regier1977: Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Hanns Martin Schleyer am 1. September 1977 im Mindener Rathaus. Vier Tage später wurde der deutsche Arbeitgeberpräsident und Vorsitzende des Bundesverbandes der Deutschen Industrie von der RAF in Köln entführt und später ermordet.Mindens tausendjähriges Jubiläum sollte 1977 groß gefeiert werden, denn mit der Wiederkehr der Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechts durch Kaiser Otto II. an den Mindener Bischof Milo wurde die Voraussetzung zur Stadtwerdung erfüllt. Überschattet wurde die Feier durch das Kidnapping. Zuvor hatte Schleyer noch im sanierten Rathaus am Donnerstag, 1. September, einen Vortrag zum Thema „Unternehmerische Verantwortung in unserer Zeit“ gehalten und sich ins Goldene Buch eingetragen.Der damalige Bürgermeister Heinz Röthemeier (92) erinnert sich: „Im Anschluss saßen wir gemeinsam im Ratskeller und Schleyer erzählte von einem Gespräch mit Helmut Schmidt. Schleyer habe sich beim Kanzler beschwert, dass die Bodyguards lästig seien, zumal sie ihm sogar auf die Toilette folgten.“ Außerdem hätten laut Röthemeier ihm Unbekannte auf dem Marktplatz „Schleyer, wir kriegen dich noch“ skandiert. Schleyers Vortrag dagegen wäre begeistert aufgenommen worden, sagte der 93-jährige Rudolf Pape, damals Mitglied des Ältestenrates.Kurz vor seinem letzten Auftritt traf auch Günther Becker, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Stadtrat, Hanns Martin Schleyer. „Ich war früher im Rathaus, begegnete ihm dort und lud ihn auf einen Kaffee in der „Tonne“ ein. Ich sehe uns zwei noch vor mir.“ Beide führten eine etwa halbstündige, private Unterhaltung. „Ich fragte ihn, ob er angesichts des Terrors Angst hätte. Selbstverständlich hätte er diese, antwortete Schleyer mir .“ Wie Becker bemerkte, sei ihm schon bewusst gewesen, dass er in Gefahr war. Der damalige, hauptberufliche Polizist glaubt, dass das Attentat auch in Minden hätte passieren können, wenn Maskierte mit Maschinenpistolen es unbedingt darauf angelegt hätten.All die Sorgen und möglichen Szenarien wurden dann wenige Tage später zur Realität. Das RAF-Kommando „Siegfried Hausner“ tötete am Montag, 5. September, Schleyers Chauffeur, seine drei Leibwächter und entführte den Politiker. Bundeskanzler Schmidt kommentierte: „Der Staat muss mit notwendiger Härte antworten.“ Bundespräsident Walter Scheel, Landwirtschaftsminister Dr. Horst Ludwig Riemer und NRW-Innenminister Dr. Burkhard Hirsch sagten ihren Besuch für Donnerstag, 8. September 1977, zum Festakt in Minden kurzfristig ab. „In Minden war das Thema Schleyer in aller Munde“, sagte Ratsmitglied Rudolf Pape, der nach der Entführung erschüttert war.Im Zeitzeugen-Gespräch mit dem MT blickte Burkhard Hirsch (86) zurück: „Ich hörte von einer Entführung in Köln, wusste aber nicht, um wen es sich handelte. Erst später wurde mir klar, welche Dimensionen es eingenommen hatte.“ Unmittelbar danach wurde der Innenminister zum Krisenstab einberufen und stellte unter anderem eine Anti-Terror-Einheit auf. Dass seine Präsenz zum Jubiläum in Minden vorgesehen war, daran erinnert sich Hirsch nicht mehr.Röthemeier beschrieb Schleyer als herben Typen, dem das Lächeln schwer fiel, der aber kompetent wirkte. Aufgrund der Ereignisse verfasste Röthemeier auch eine Ersatzrede zum Festakt. „Ich musste davon ausgehen, dass Schleyer bis dahin vielleicht schon tot gewesen sein könnte.“ Wie der Inhalt dieser Rede lautete, weiß Röthemeier nicht mehr. Genauso wenig, wo sich die Ersatzrede befindet und ob sie noch existiert. Sie war nicht notwendig. Schleyer lebte noch einen Monat als Geisel der RAF, bis er mit drei Schüssen in den Hinterkopf am 18. Oktober umgebracht wurde.