Männer heuerten auf Heringsfängern an

Holger Buhre

Den schweren Ölrock (hier im Heringsfängermuseum) hängten die letzten Rosenhäger 1962 an den Nagel. - © Foto: Archiv/R. Graff
Den schweren Ölrock (hier im Heringsfängermuseum) hängten die letzten Rosenhäger 1962 an den Nagel. (© Foto: Archiv/R. Graff)

1900: Ein vierarmiger Draggen-Anker, ein in den Boden eingemauerter Kompass und ein Stein mit der Inschrift „Seemannsverein Rosenhagen 1900“: Diese Kombination auf dem Areal des Dorfgemeinschaftshauses erinnert an die große Heringsfänger-Tradition der kleinen Ortschaft im Osten der Stadt Petershagen.

Seit Juli 1983 ist der Gedenkplatz nicht mehr aus dem Ortsbild wegzudenken und weist darauf hin, dass in Rosenhagen im letzten Jahr des 19. Jahrhunderts der kreisweit erste Verein dieser Art gegründet wurde, der außerdem einem Bremer Zeitungsbericht von 1957 zufolge „einer der ältesten im Bundesgebiet“ sein dürfte. Und er existiert nach wie vor, obwohl bereits seit 1962 kein Rosenhäger mehr zur Besatzung eines Heringsloggers gehörte.

Männer heuerten auf Heringsfängern an

Akutell zählt der Verein rund 70 Mitglieder. Zwei der letzten aktiven Seeleute sind dessen Vorsitzender Karl-Heinz Krome und Kassierer Fritz Koch. Letzterer schnupperte 1951 als 13-Jähriger in den Schulferien erstmals Meeresluft - damals an der Seite seines sechs Jahre älteren Bruders Erwin, der von 1963 bis 2015 mehr als ein halbes Jahrhundert an der Spitze des Vereins stand. Zum Gedenken an ihren ehemaligen und im Sommer 2015 verstorbenen Steuermann hat der aktuelle Vorstand kürzlich eine Erinnerungsplakette auf der Steinbank neben dem Gedenkplatz angebracht.

Während Fritz Koch - wie aus seinem Seefahrtbuch ersichtlich ist - erstmals am 24. Mai 1954 auf dem Logger Hannover der Bremen-Vegesacker Fischereigesellschaft „anmusterte“ und als Schiffsjunge unter dem ebenfalls aus Rosenhagen stammenden Kapitän und fünfmaligen Heringskönig Heinrich Nagel zu den Fanggründen in der Nordsee aufbrach, begann Karl-Heinz Krome 1960 als 14-Jähriger seine kurze Karriere als Heringsfänger: „Ende 1962 habe ich aber schon wieder aufgehört und mich beruflich umorientiert“, erzählt er.

Bereits sechs Monate vor ihm kehrten die Gebrüder Koch von ihrer letzten Fangreise auf der BV 107 Paderborn heim und hängten den schweren Ölrock an den Nagel, um ihren Lebensunterhalt angesichts der niedergehenden Hochseefischerei auf andere Weise zu verdienen.

Ganz anders stellt sich die Situation hingegen am 30. April 1900 dar. An jenem Montag gründen 32 Männer im örtlichen Gasthaus Bulmahn den „Seemanns-Vereins zu Rosenhagen und Umgebung“. Das geht aus dem Versammlungsprotokoll und der zugehörigen Anwesenheitsliste hervor - beides archiviert von Ortsheimatpfleger Gerhard Jacke. Zudem wählen die überwiegend bereits als Fahrensleute tätigen Teilnehmer sofort ihren ersten Vorstand, bestehend aus Kapitän Heinrich Koch (Vorsitzender), Gastwirt Christian Bulmahn (Schriftführer) und Kassierer Friedrich Dehne.

Darüber hinaus formulieren die Vereinsgründer ein aus elf Paragraphen bestehendes „Statut“. Darin heißt es unter anderem: „Der Seemannsverein bezweckt die Förderung des Seemannsberufes, der Kameradschaft und die Veranstaltung geselliger Vergnügen.“ Als Mitglied beitreten kann „jeder unbescholtene Seemann, welcher das 17. Lebensjahr vollendet hat“. Paragraph 11 regelt unmissverständlich: „Politische, soziale oder religiöse Verhandlungen oder Gespräche dürfen im Verein nicht stattfinden.“

Warum im tiefsten Binnenland überhaupt ein solcher Zusammenschluss erfolgte, hat der ehemalige Ortsheimatpfleger Werner Nahrwold in seinem anno 2000 veröffentlichten Buch „750 Jahre Rosenhagen - Ein Dorf im Wandel der Zeit“ beschrieben: „Aus Existenznot entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts in allen kleinen Gemeinden der Unterweser-Region die Hollandgängerei.“ Die Grasmäher seien mit Hochseefischern des Nachbarlandes in Berührung gekommen. „Sie versprachen ihnen abwechslungsreiche Arbeit auf See und guten Lohn“, schreibt Nahrwold, der 2004 verstarb.

Immer mehr Männer aus dem Binnenland heuerten seinen Ausführungen zufolge auf holländischen Schiffen an. Mit dem Aufkommen deutscher Fischerei-Gesellschaften sparten sich die Hollandgänger jedoch den weiten Weg ins Nachbarland und stachen verstärkt auf deutschen Schiffen in See - bevorzugt vom nächstgelegenen Hafen in Bremen-Vegesack aus.

Aus Saisonarbeitern wurden also Hochseefischer, die die Sense gegen das Fischernetz tauschten und sich damit einer knochenharten Arbeit zuwandten. „Die Fangsaison für Heringe dauerte üblicherweise von Mai bis Mitte Dezember“, schildert Fritz Koch. „Wir waren oft sechs Wochen ununterbrochen auf hoher See unterwegs.“ Die Liege- und Entladezeit im Heimathafen betrug seinen Angaben zufolge normalerweise 24 bis 72 Stunden - eine Spanne, die genutzt wurde, um zumindest mal für kurze Zeit nach Hause zu fahren und die Familie zu sehen. „Meist mit mehreren Kameraden per Autobus.“

Wie anstrengend und beschwerlich das Dasein als Teil der 17-köpfigen Besatzung eines Heringsloggers mit Kapitän, Steuermann, zwölf Matrosen, drei Leichtmatrosen und zwei Schiffsjungen war, beschreibt der „Bote an der Weser“ 1933 in einem Zeitungsbericht. Anlässlich des 33. Stiftungsfestes des Rosenhäger Seemannsvereins wird Festredner Friedrich Vent so zitiert: „Wenn der Seemann im Frühjahr seinen heimatlichen Herd, Weib und Kind verlässt, um da draußen auf dem Meere im Sturm der Wellen für sich und die Seinen das tägliche Brot zu schaffen, dann beginnt für ihn ein Leben voller Entbehrungen.“ Hinzu kam bisweilen der ungemütliche Seegang. „Am härtesten war es einmal 1962“, erinnert sich Fritz Koch. „Da hatten wir es im Bereich der norwegischen Küste mit haushohen Wellen zu tun, die unser Schiff bedrohten.“ Um solche und viele weitere Anekdoten ging es 20 Jahre später: Am 23. Oktober 1982 gastierte ein WDR-Fernsehteam im passend dekorierten Rosenhäger Dorfgemeinschaftshaus, um unter den Augen von 40 ehemaligen Fahrensleuten aus der Region Aufnahmen für die Dokumentation „Seefahrt und Heringsfang heute und wie es früher einmal war“ zu machen.

Bereits damals befand sich der älteste Seemannsverein des heutigen Kreises Minden-Lübbecke in ruhigem Fahrwasser. Geht es nach den aktuell Verantwortlichen, soll dies auch in Zukunft so bleiben. „Wir wollen die Erinnerung an das berufliche Schaffen unserer Vorgänger und die Tradition unseres Vereins möglichst lange aufrechterhalten“, ist sich der amtierende Vorstand einig - im mittlerweile 117. Jahr des Bestehens.

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Männer heuerten auf Heringsfängern anHolger Buhre1900: Ein vierarmiger Draggen-Anker, ein in den Boden eingemauerter Kompass und ein Stein mit der Inschrift „Seemannsverein Rosenhagen 1900“: Diese Kombination auf dem Areal des Dorfgemeinschaftshauses erinnert an die große Heringsfänger-Tradition der kleinen Ortschaft im Osten der Stadt Petershagen.Seit Juli 1983 ist der Gedenkplatz nicht mehr aus dem Ortsbild wegzudenken und weist darauf hin, dass in Rosenhagen im letzten Jahr des 19. Jahrhunderts der kreisweit erste Verein dieser Art gegründet wurde, der außerdem einem Bremer Zeitungsbericht von 1957 zufolge „einer der ältesten im Bundesgebiet“ sein dürfte. Und er existiert nach wie vor, obwohl bereits seit 1962 kein Rosenhäger mehr zur Besatzung eines Heringsloggers gehörte.Akutell zählt der Verein rund 70 Mitglieder. Zwei der letzten aktiven Seeleute sind dessen Vorsitzender Karl-Heinz Krome und Kassierer Fritz Koch. Letzterer schnupperte 1951 als 13-Jähriger in den Schulferien erstmals Meeresluft - damals an der Seite seines sechs Jahre älteren Bruders Erwin, der von 1963 bis 2015 mehr als ein halbes Jahrhundert an der Spitze des Vereins stand. Zum Gedenken an ihren ehemaligen und im Sommer 2015 verstorbenen Steuermann hat der aktuelle Vorstand kürzlich eine Erinnerungsplakette auf der Steinbank neben dem Gedenkplatz angebracht.Während Fritz Koch - wie aus seinem Seefahrtbuch ersichtlich ist - erstmals am 24. Mai 1954 auf dem Logger Hannover der Bremen-Vegesacker Fischereigesellschaft „anmusterte“ und als Schiffsjunge unter dem ebenfalls aus Rosenhagen stammenden Kapitän und fünfmaligen Heringskönig Heinrich Nagel zu den Fanggründen in der Nordsee aufbrach, begann Karl-Heinz Krome 1960 als 14-Jähriger seine kurze Karriere als Heringsfänger: „Ende 1962 habe ich aber schon wieder aufgehört und mich beruflich umorientiert“, erzählt er.Bereits sechs Monate vor ihm kehrten die Gebrüder Koch von ihrer letzten Fangreise auf der BV 107 Paderborn heim und hängten den schweren Ölrock an den Nagel, um ihren Lebensunterhalt angesichts der niedergehenden Hochseefischerei auf andere Weise zu verdienen.Ganz anders stellt sich die Situation hingegen am 30. April 1900 dar. An jenem Montag gründen 32 Männer im örtlichen Gasthaus Bulmahn den „Seemanns-Vereins zu Rosenhagen und Umgebung“. Das geht aus dem Versammlungsprotokoll und der zugehörigen Anwesenheitsliste hervor - beides archiviert von Ortsheimatpfleger Gerhard Jacke. Zudem wählen die überwiegend bereits als Fahrensleute tätigen Teilnehmer sofort ihren ersten Vorstand, bestehend aus Kapitän Heinrich Koch (Vorsitzender), Gastwirt Christian Bulmahn (Schriftführer) und Kassierer Friedrich Dehne.Darüber hinaus formulieren die Vereinsgründer ein aus elf Paragraphen bestehendes „Statut“. Darin heißt es unter anderem: „Der Seemannsverein bezweckt die Förderung des Seemannsberufes, der Kameradschaft und die Veranstaltung geselliger Vergnügen.“ Als Mitglied beitreten kann „jeder unbescholtene Seemann, welcher das 17. Lebensjahr vollendet hat“. Paragraph 11 regelt unmissverständlich: „Politische, soziale oder religiöse Verhandlungen oder Gespräche dürfen im Verein nicht stattfinden.“Warum im tiefsten Binnenland überhaupt ein solcher Zusammenschluss erfolgte, hat der ehemalige Ortsheimatpfleger Werner Nahrwold in seinem anno 2000 veröffentlichten Buch „750 Jahre Rosenhagen - Ein Dorf im Wandel der Zeit“ beschrieben: „Aus Existenznot entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts in allen kleinen Gemeinden der Unterweser-Region die Hollandgängerei.“ Die Grasmäher seien mit Hochseefischern des Nachbarlandes in Berührung gekommen. „Sie versprachen ihnen abwechslungsreiche Arbeit auf See und guten Lohn“, schreibt Nahrwold, der 2004 verstarb.Immer mehr Männer aus dem Binnenland heuerten seinen Ausführungen zufolge auf holländischen Schiffen an. Mit dem Aufkommen deutscher Fischerei-Gesellschaften sparten sich die Hollandgänger jedoch den weiten Weg ins Nachbarland und stachen verstärkt auf deutschen Schiffen in See - bevorzugt vom nächstgelegenen Hafen in Bremen-Vegesack aus.Aus Saisonarbeitern wurden also Hochseefischer, die die Sense gegen das Fischernetz tauschten und sich damit einer knochenharten Arbeit zuwandten. „Die Fangsaison für Heringe dauerte üblicherweise von Mai bis Mitte Dezember“, schildert Fritz Koch. „Wir waren oft sechs Wochen ununterbrochen auf hoher See unterwegs.“ Die Liege- und Entladezeit im Heimathafen betrug seinen Angaben zufolge normalerweise 24 bis 72 Stunden - eine Spanne, die genutzt wurde, um zumindest mal für kurze Zeit nach Hause zu fahren und die Familie zu sehen. „Meist mit mehreren Kameraden per Autobus.“Wie anstrengend und beschwerlich das Dasein als Teil der 17-köpfigen Besatzung eines Heringsloggers mit Kapitän, Steuermann, zwölf Matrosen, drei Leichtmatrosen und zwei Schiffsjungen war, beschreibt der „Bote an der Weser“ 1933 in einem Zeitungsbericht. Anlässlich des 33. Stiftungsfestes des Rosenhäger Seemannsvereins wird Festredner Friedrich Vent so zitiert: „Wenn der Seemann im Frühjahr seinen heimatlichen Herd, Weib und Kind verlässt, um da draußen auf dem Meere im Sturm der Wellen für sich und die Seinen das tägliche Brot zu schaffen, dann beginnt für ihn ein Leben voller Entbehrungen.“ Hinzu kam bisweilen der ungemütliche Seegang. „Am härtesten war es einmal 1962“, erinnert sich Fritz Koch. „Da hatten wir es im Bereich der norwegischen Küste mit haushohen Wellen zu tun, die unser Schiff bedrohten.“ Um solche und viele weitere Anekdoten ging es 20 Jahre später: Am 23. Oktober 1982 gastierte ein WDR-Fernsehteam im passend dekorierten Rosenhäger Dorfgemeinschaftshaus, um unter den Augen von 40 ehemaligen Fahrensleuten aus der Region Aufnahmen für die Dokumentation „Seefahrt und Heringsfang heute und wie es früher einmal war“ zu machen.Bereits damals befand sich der älteste Seemannsverein des heutigen Kreises Minden-Lübbecke in ruhigem Fahrwasser. Geht es nach den aktuell Verantwortlichen, soll dies auch in Zukunft so bleiben. „Wir wollen die Erinnerung an das berufliche Schaffen unserer Vorgänger und die Tradition unseres Vereins möglichst lange aufrechterhalten“, ist sich der amtierende Vorstand einig - im mittlerweile 117. Jahr des Bestehens.