Für Schwimmunterricht entstand das Sommerbad

Kerstin Rickert

Zirka 1920 entstand dieses Foto von der „Flussbadeanstalt an der Weser“ - © Foto: Kommunalarchiv
Zirka 1920 entstand dieses Foto von der „Flussbadeanstalt an der Weser“ (© Foto: Kommunalarchiv)

1930: „Hallenbad oder Sommerbad?", das war Ende der Zwanzigerjahre eine in Minden vieldiskutierte Frage.

Ein Ministerialerlass von 1924 sah die Einführung von Schwimmunterricht in Schulen als Pflichtfach vor. Auch die Mindener Sportvereine forderten die Schaffung eines geeigneten Schwimmbeckens. Doch sämtliche Pläne stießen zunächst auf Widerstand. Angesichts der angespannten finanziellen Lage der Stadt sprachen sich insbesondere Vertreter aus der Wirtschaft gegen den Bau eines Freibades aus. Der Turnverein Jahn reagierte und errichtete zwischen Jahn-Sportplatz und Kleinbahnbrücke auf der rechten Weserseite das nach dem damaligen Vorsitzenden benannte Ludwigsbad, eröffnet 1926. Zwar gab es nun drei Badeanstalten in Minden, für die Erteilung von Schwimmunterricht aber waren alle ungeeignet. Eine Lösung musste her.

Für Schwimmunterricht entstand das Sommerbad

Die Idee der Stadt Minden: auf dem Gelände des Hindenburgplatzes ein Freibad zu errichten. Ein nicht unumstrittener Plan, der sich im Stadtparlament aber schließlich aus verschiedenen Gründen gegen die Alternative Hallenbad durchsetzen konnte. 1930 wurde das Sommerbad eröffnet. Erst gut dreißig Jahre später kam ein Hallenbad, für dessen Bau die Stadt bereits 1916 einen Fonds eingerichtet hatte.

Die Weser lockte die Mindener aber schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Wasser. Ab dem 18. Jahrhundert wuchs das Bewusstsein für körperliche Ertüchtigung und Hygiene. Das Baden und Schwimmen gewann zunehmend an Bedeutung. Mit der Berliner Hygieneausstellung 1883 begann auch in Minden die Diskussion über das Für und Wider einer öffentlichen Badeanstalt. 1901 wurde dann schließlich nach zweijähriger Bauzeit in der Immanuelstraße 20 die städtische Badeanstalt eröffnet. Die angebotenen Wannen- und Brausebäder dienten vor allem der Reinigung des Körpers, Dampfbäder und Massagen medizinischen Zwecken. Die Einrichtung war mit separaten Eingängen und Warteräumen für beide Geschlechter versehen.

„Schon vor 1850 gab es in Minden einige Flussbadeanstalten, seit 1852 die Deerbergsche Badeanstalt unterhalb der Fischerstadt", dokumentierte das Mindener Museum in seiner diesjährigen Ausstellung „Von Kopf bis Fuß", die unter anderem die Geschichte der Mindener Bäder beleuchtete. Zur Saison 1858 öffnete die Flussbadeanstalt an der Weser mit Verbesserungen, unter anderem der „Einrichtung von Douche-Apparaten in zwei Zellen". Frauen standen die Morgenstunden von fünf bis elf Uhr als Badezeit zur Verfügung, die übrige Zeit des Tages war den männlichen Mitbürgern vorbehalten. Ein einzelnes Bad kostete zweieinhalb Groschen, ein Abonnement für die ganze Saison drei Taler. Kinder zahlten die Hälfte.

Mit der Einführung von Schwimmunterricht und Badepflicht in der preußischen Armee 1817 durch den preußischen General Ernst Heinrich Adolf von Pfuel entstanden die ersten Militärbadeanstalten. 1838 wurde von Pfuel Kommandeur des für Minden zuständigen VII. Armeekorps in Münster, ein Jahr später erhielt Minden im „Bassin des Festungsgraben hinter der neuen Kaserne" zwischen Fischerstadt und Marienwall eine Schwimmanstalt. Ab 1871 dann bestand die Pionier-Badeanstalt an der Weser auf dem Gelände des heutigen Pionierübungsplatzes.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden auch auf Kanzlers Weide Badeanstalten privater Betreiber. Im Sommer 1913 wurde dort mit der städtischen Flussbadeanstalt ein sogenanntes „Volksbad" in Betrieb genommen. Die Nutzung der Einrichtung mit Erfrischungshalle und Toiletten war kostenfrei, lediglich für die Umkleidekabinen musste bezahlt werden.

Doch die städtische Flussbadeanstalt hatte mit Versandung zu kämpfen. Wer schwimmen wollte, musste sich in die Fluten der Weser vorwagen und das Risiko eingehen, darin umzukommen. Strömung und Tonnenanlage machten auch die Pionier-Badeanstalt gefährlich. Wegen gleichmäßiger Wassertiefe ohne Abstufungen wäre zudem nur Einzel-Unterricht an der Leine möglich gewesen. Die zunehmende Verschmutzung der Weser war ein weiteres Problem, das 1929 gar die Schließung der städtischen Flussbadeanstalt nötig machte. Die Hochbauten des zum Hochwasserschutz auf einer Anhöhe errichteten Gebäudes mit offenen Bögen im Untergeschoss wurden abgetragen und beim Bau des Sommerbades teilweise wieder errichtet.

Bevor das Sommerbad an der Johansenstraße am 18. Mai 1930 feierlich eröffnet wurde, hatte das Ludwigsbad 1926 seinen Betrieb aufgenommen. Es war auf Initiative Ludwig Hempels gebaut worden, dem damaligen Vorsitzenden des Turnvereins Jahn mit eigener Schwimm-Abteilung. Das Bad verfügte über 50-Meter-Bahnen, ein Planschbecken für Kinder sowie Umkleideräume und war auch als Austragungsort für Wettkämpfe beliebt. Mit Wasser gespeist wurde es vom angrenzenden Osterbach.

Allerdings: Auch dieses Bad kam für schulische Zwecke nicht in Frage. Das im Volksmund genannte „Lulu-Bad" lag im Hochwassergebiet der Weser und bot somit keine Sicherheit für eine regelmäßige Nutzung. Fehlende Zementierung und Tiefenabstufung erfüllten außerdem nicht die Anforderungen an ein Lehrschwimmbecken.

1928 beschlossen die Stadtverordneten nach langwierigen Diskussionen trotz angespannter Haushaltslage den Bau des Sommerbades. Dem Freibad gab man unter anderem aus finanziellen Gründen den Vorzug gegenüber einem deutlich teureren Hallenbad.

Erst 32 Jahre später erhielt Minden sein erstes Hallenbad mit Schwimmbecken. 1955 hatte der im Jahr zuvor gegründete Stadtsportverband die Idee eines ganzjährig nutzbaren Schwimmbades wieder aufgegriffen. Auf dem Königsplatz an der Ecke Pöttcherstraße/Königswall wurde das neue Bad fünf Jahre später gebaut und nach zwei Jahren Bauzeit 1962 eröffnet. Die städtische Badeanstalt in direkter Nachbarschaft an der Immanuelstraße war zu dieser Zeit ebenfalls noch in Betrieb. Erst, als das Badezimmer in den eigenen vier Wänden immer mehr zur Regel wurde, verlor das öffentliche Bad seine Bedeutung. 1970 wurde die städtische Badeanstalt geschlossen und das Gebäude kurz darauf für den Bau des Gerichtszentrums abgerissen.

Das Hallenbad an der Pöttcherstraße hatte nach 35 Jahren ausgedient und wich ebenfalls einem Neubau: der Pöttcherhalle. Finanziert worden war das Hallenbad seinerzeit unter anderem aus den Einnahmen einer Lotterie sowie einer Spende des Unternehmers Horst Bentz, der sich in den Sechzigerjahren auch für den Bau eines zweiten Freibades in Minden stark machte.

1967 konnte das Melittabad in Bärenkämpen eröffnet werden, für dessen Realisierung Bentz anlässlich seines 60. Geburtstages eine namhafte Summe gespendet hatte. Auf kontroverse Diskussionen über die Zukunft des Bades Mitte der Neunzigerjahre erfolgte der Umbau zum Frei- und Hallenbad. Das 1998 wiedereröffnete Melittabad wird als einziges heute noch von der Stadt Minden betrieben.

Vom Sommerbad trennte sich die Stadt nach fast 70 Jahren aus finanziellen Gründen. Seit 2003 wird es in privater Initiative vom Förderverein Sommerbad betrieben.

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Für Schwimmunterricht entstand das SommerbadKerstin Rickert1930: „Hallenbad oder Sommerbad?", das war Ende der Zwanzigerjahre eine in Minden vieldiskutierte Frage. Ein Ministerialerlass von 1924 sah die Einführung von Schwimmunterricht in Schulen als Pflichtfach vor. Auch die Mindener Sportvereine forderten die Schaffung eines geeigneten Schwimmbeckens. Doch sämtliche Pläne stießen zunächst auf Widerstand. Angesichts der angespannten finanziellen Lage der Stadt sprachen sich insbesondere Vertreter aus der Wirtschaft gegen den Bau eines Freibades aus. Der Turnverein Jahn reagierte und errichtete zwischen Jahn-Sportplatz und Kleinbahnbrücke auf der rechten Weserseite das nach dem damaligen Vorsitzenden benannte Ludwigsbad, eröffnet 1926. Zwar gab es nun drei Badeanstalten in Minden, für die Erteilung von Schwimmunterricht aber waren alle ungeeignet. Eine Lösung musste her. Die Idee der Stadt Minden: auf dem Gelände des Hindenburgplatzes ein Freibad zu errichten. Ein nicht unumstrittener Plan, der sich im Stadtparlament aber schließlich aus verschiedenen Gründen gegen die Alternative Hallenbad durchsetzen konnte. 1930 wurde das Sommerbad eröffnet. Erst gut dreißig Jahre später kam ein Hallenbad, für dessen Bau die Stadt bereits 1916 einen Fonds eingerichtet hatte. Die Weser lockte die Mindener aber schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Wasser. Ab dem 18. Jahrhundert wuchs das Bewusstsein für körperliche Ertüchtigung und Hygiene. Das Baden und Schwimmen gewann zunehmend an Bedeutung. Mit der Berliner Hygieneausstellung 1883 begann auch in Minden die Diskussion über das Für und Wider einer öffentlichen Badeanstalt. 1901 wurde dann schließlich nach zweijähriger Bauzeit in der Immanuelstraße 20 die städtische Badeanstalt eröffnet. Die angebotenen Wannen- und Brausebäder dienten vor allem der Reinigung des Körpers, Dampfbäder und Massagen medizinischen Zwecken. Die Einrichtung war mit separaten Eingängen und Warteräumen für beide Geschlechter versehen. „Schon vor 1850 gab es in Minden einige Flussbadeanstalten, seit 1852 die Deerbergsche Badeanstalt unterhalb der Fischerstadt", dokumentierte das Mindener Museum in seiner diesjährigen Ausstellung „Von Kopf bis Fuß", die unter anderem die Geschichte der Mindener Bäder beleuchtete. Zur Saison 1858 öffnete die Flussbadeanstalt an der Weser mit Verbesserungen, unter anderem der „Einrichtung von Douche-Apparaten in zwei Zellen". Frauen standen die Morgenstunden von fünf bis elf Uhr als Badezeit zur Verfügung, die übrige Zeit des Tages war den männlichen Mitbürgern vorbehalten. Ein einzelnes Bad kostete zweieinhalb Groschen, ein Abonnement für die ganze Saison drei Taler. Kinder zahlten die Hälfte. Mit der Einführung von Schwimmunterricht und Badepflicht in der preußischen Armee 1817 durch den preußischen General Ernst Heinrich Adolf von Pfuel entstanden die ersten Militärbadeanstalten. 1838 wurde von Pfuel Kommandeur des für Minden zuständigen VII. Armeekorps in Münster, ein Jahr später erhielt Minden im „Bassin des Festungsgraben hinter der neuen Kaserne" zwischen Fischerstadt und Marienwall eine Schwimmanstalt. Ab 1871 dann bestand die Pionier-Badeanstalt an der Weser auf dem Gelände des heutigen Pionierübungsplatzes. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden auch auf Kanzlers Weide Badeanstalten privater Betreiber. Im Sommer 1913 wurde dort mit der städtischen Flussbadeanstalt ein sogenanntes „Volksbad" in Betrieb genommen. Die Nutzung der Einrichtung mit Erfrischungshalle und Toiletten war kostenfrei, lediglich für die Umkleidekabinen musste bezahlt werden. Doch die städtische Flussbadeanstalt hatte mit Versandung zu kämpfen. Wer schwimmen wollte, musste sich in die Fluten der Weser vorwagen und das Risiko eingehen, darin umzukommen. Strömung und Tonnenanlage machten auch die Pionier-Badeanstalt gefährlich. Wegen gleichmäßiger Wassertiefe ohne Abstufungen wäre zudem nur Einzel-Unterricht an der Leine möglich gewesen. Die zunehmende Verschmutzung der Weser war ein weiteres Problem, das 1929 gar die Schließung der städtischen Flussbadeanstalt nötig machte. Die Hochbauten des zum Hochwasserschutz auf einer Anhöhe errichteten Gebäudes mit offenen Bögen im Untergeschoss wurden abgetragen und beim Bau des Sommerbades teilweise wieder errichtet. Bevor das Sommerbad an der Johansenstraße am 18. Mai 1930 feierlich eröffnet wurde, hatte das Ludwigsbad 1926 seinen Betrieb aufgenommen. Es war auf Initiative Ludwig Hempels gebaut worden, dem damaligen Vorsitzenden des Turnvereins Jahn mit eigener Schwimm-Abteilung. Das Bad verfügte über 50-Meter-Bahnen, ein Planschbecken für Kinder sowie Umkleideräume und war auch als Austragungsort für Wettkämpfe beliebt. Mit Wasser gespeist wurde es vom angrenzenden Osterbach. Allerdings: Auch dieses Bad kam für schulische Zwecke nicht in Frage. Das im Volksmund genannte „Lulu-Bad" lag im Hochwassergebiet der Weser und bot somit keine Sicherheit für eine regelmäßige Nutzung. Fehlende Zementierung und Tiefenabstufung erfüllten außerdem nicht die Anforderungen an ein Lehrschwimmbecken. 1928 beschlossen die Stadtverordneten nach langwierigen Diskussionen trotz angespannter Haushaltslage den Bau des Sommerbades. Dem Freibad gab man unter anderem aus finanziellen Gründen den Vorzug gegenüber einem deutlich teureren Hallenbad. Erst 32 Jahre später erhielt Minden sein erstes Hallenbad mit Schwimmbecken. 1955 hatte der im Jahr zuvor gegründete Stadtsportverband die Idee eines ganzjährig nutzbaren Schwimmbades wieder aufgegriffen. Auf dem Königsplatz an der Ecke Pöttcherstraße/Königswall wurde das neue Bad fünf Jahre später gebaut und nach zwei Jahren Bauzeit 1962 eröffnet. Die städtische Badeanstalt in direkter Nachbarschaft an der Immanuelstraße war zu dieser Zeit ebenfalls noch in Betrieb. Erst, als das Badezimmer in den eigenen vier Wänden immer mehr zur Regel wurde, verlor das öffentliche Bad seine Bedeutung. 1970 wurde die städtische Badeanstalt geschlossen und das Gebäude kurz darauf für den Bau des Gerichtszentrums abgerissen. Das Hallenbad an der Pöttcherstraße hatte nach 35 Jahren ausgedient und wich ebenfalls einem Neubau: der Pöttcherhalle. Finanziert worden war das Hallenbad seinerzeit unter anderem aus den Einnahmen einer Lotterie sowie einer Spende des Unternehmers Horst Bentz, der sich in den Sechzigerjahren auch für den Bau eines zweiten Freibades in Minden stark machte. 1967 konnte das Melittabad in Bärenkämpen eröffnet werden, für dessen Realisierung Bentz anlässlich seines 60. Geburtstages eine namhafte Summe gespendet hatte. Auf kontroverse Diskussionen über die Zukunft des Bades Mitte der Neunzigerjahre erfolgte der Umbau zum Frei- und Hallenbad. Das 1998 wiedereröffnete Melittabad wird als einziges heute noch von der Stadt Minden betrieben. Vom Sommerbad trennte sich die Stadt nach fast 70 Jahren aus finanziellen Gründen. Seit 2003 wird es in privater Initiative vom Förderverein Sommerbad betrieben.