Bürgerbegehren stoppt Pläne für Einkaufszentrum

Monika Jäger

Einzigartige Architektur, stadtbildprägend? Oder ein Nutzbau, der mit veränderten Ansprüchen abgerissen werden kann? Diese Frage sorgte in Minden für Streit. - © Foto: MT-Archiv
Einzigartige Architektur, stadtbildprägend? Oder ein Nutzbau, der mit veränderten Ansprüchen abgerissen werden kann? Diese Frage sorgte in Minden für Streit. (© Foto: MT-Archiv)

2005: Für die einen ist es ein Fehler, der die Stadt jetzt 34 Millionen Euro kosten wird. Für die anderen ist es ein bedeutendes Denkmal der Stadtgeschichte wie Dom oder Defensionskaserne: Der Deilmann-Bau, in dem die Stadtverwaltung untergebracht ist, wurde zwischen 2005 und 2007 zum Zankapfel. Blick zurück mit dem Initiator der Bürgerbewegung, Dr. Herwig Schenk, dem damaligen Bau-Beigeordneten Klaus Erzigkeit und dem damaligen Bürgermeister Michael Buhre.

2005 traten die Projektentwickler ECE an die Stadtverwaltung heran „überraschend, aber mit einem durchdachten Konzept“ (Ex-Bürgermeister Buhre). Sie schlugen vor, mitten in der Stadt - da, wo die Stadtverwaltung stand - , ein Einkaufszentrum zu errichten. Buhre war damals frisch gewählt, die Thematik „Innenstadtentwicklung“ relativ neu für ihn.

Bürgerbegehren stoppt Pläne für Einkaufszentrum

Doch kaum im Amt, musste er schon tief einsteigen. Da hatte Bau-Beigeordneter Klaus Erzigkeit dem neuen Mann an der Stadt-Spitze ein großes Thema auf den Schreibtisch gelegt, das der Vorgänger, so Erzigkeit, nicht anpacken wollte: Eine Klage gegen die Nachbarstadt Porta mit dem Ziel, die Ausweitung des Portaner Einkaufszentrums direkt am Stadtrand Mindens zu unterbinden (eine Klage, die später erfolgreich war, übrigens).

Erzigkeit, der 2002 Bau-Beigeordneter geworden war, sah Gefahr für Minden: Ein 80 000-Quadratmeter-Moloch am Stadtrand würde die Innenstadt leer saugen. In die City investieren wollte in dieser Zeit keiner so recht. „Die Idee, etwas Großes, Umfassendes zu machen, war vielen fremd“, sagt Erzigkeit heute. „Alles war klein-klein.“ Dabei musste der Innenstadthandel dringend attraktiver gemacht werden. „Wir hatten uns zu lange auf unseren Lorbeeren ausgeruht“, urteilt Buhre.

Da kam die Idee von dem Einkaufszentrum mitten in der Stadt wie gerufen. Im März 2007 fiel die Entscheidung für ein 18000-Quadratmeter-Zentrum da, wo zu der Zeit der Deilmann-Bau stand. Der sollte abgerissen werden, die Verwaltung wäre in die oberen Etagen gezogen. Buhre: „Das Rathaus abzureißen fand ich auch erst überraschend. Aber die Fakten waren überzeugend.“

Allerdings bekam nicht der Entwickler ECE den Zuschlag - im Rückblick für Buhre mit ein Grund, dass das Bürgerbegehren groß werden konnte. „ECE war für uns ein Partner, von dem wir wussten, dass er solide arbeitet.“ Die Politik wollte aber noch andere Angebote sehen. Und fand schließlich den Entwurf der Firma MD am besten.

Die hatten erst spät auf die Ausschreibung reagiert, doch die innovativen Ideen des holländischen Architekten überzeugte die Ratsmitglieder. „Die ließen sich durch schöne Bilder von MD einwickeln“, urteilt Erzigkeit heute. Bei der anschließenden Umsetzung hätten sich die Schwächen gezeigt: Das dauerte lange. „MD hatten einen guten, planerischen Ansatz, brauchten aber lange für den Einstieg“ (Buhre). „Und dann haben wir zugelassen, dass andere das Thema aufgegriffen haben.“

Die anderen, das war eine Gruppe von Bürgern um Dr. Herwig Schenk und Dr. Gert Muhle. 1972 war der gebürtige Unterfrankener Schenk nach Minden gekommen, arbeitete als Gutachter für Fahrzeugsicherheit bei der Bundesbahn, reiste viel und international, war bis 1984 politisch als Kommunalpolitiker aktiv gewesen, sogar als SPD-Stadtverbandsvorsitzender. Er hatte mit im Rat gesessen, als 1975 der Beschluss gefallen war, ein neues Stadthaus zu bauen und dem Architekten Harald Deilmann den Zuschlag zu geben, er hatte vollen Herzens mit für diese „städtebauliche Besonderheit“ entschieden. Als er nun von den Abrissplänen las, war er gerade im Harz. „Da stieg die Galle in mir hoch. Das hat mir den Urlaub verdorben.“ Der schönste Platz in Minden, seinerzeit mit so viel Stolz gestaltet - „der darf nicht wieder zerstört werden.“

Schenk war 68 Jahre alt, als er zum Initiator des Widerstandes wurde. Er scharte Menschen um sich, die seiner Meinung waren. Viele ältere, aber auch junge, wie er betont. „Erst war es nur meine Frau“ - aber nach Leserbriefen im MT und einer Veranstaltung im Museum fanden sich immer mehr zum Aktionskreis „Historische Kulturstadt Minden“ zusammen. Vor allem mit Dr. Gert Muhle wurde das Bürgerbegehren gegen den Gebäudeabriss und zur Verhinderung des Einkaufszentrums gestartet. „Ich habe so gar nicht den hohen Respekt vor Mandatsträgern und Verwaltung wie andere“, sagt Schenk, und die Reaktion „Wie kann man nur auf die Idee kommen, als Bürger einen Ratsbeschluss aufzuhalten“, befeuerte ihn nur.

Er ging taktisch vor, schaltete Ämter und Ministerien ein, wollte ein Moderationsverfahren erreichen. „Sie schaffen sich einen Briefkopf und stellen sich als schlagkräftige Gruppe dar, auch wenn Sie alleine sind. Und ich kann ja notfalls auch amtlich formulieren“, sagt Schenk im Rückblick. Er wollte Drähte ziehen, doch andere aus der Gruppe wollten das Bürgerbegehren, das Schenk zunächst skeptisch sah. Muhle vor allem sammelte im Herbst 2007 mehr als 7000 Unterschriften für das Bürgerbegehren zum Erhalt des Deilmann-Baus. 3500 hätten gereicht, und so stoppte eine Mehrheit schließlich die Domhof-Galerie. Zwei Jahre durfte hier nichts verändert werden.

Wussten die Bürger damals, was sie entscheiden? Die Überschrift „Bürgerbegehren gegen den Rathaus-Abriss“ sei irreführend, weil viele denken würden, es handele sich um das „historische“ Rathaus am Markt, wetterten Kritiker damals. „Das war schon ein bisschen trickreich“, sagt Schenk heute. „Aber jeder, der unterschrieb, hat sich doch die Erklärung durchgelesen, und da war klar vom neuen Rathaus am kleinen Domhof die Rede.“

Schenk selbst war auch nicht sicher, ob das Begehren erfolgreich sein würde. „Wenn Sie nichts riskieren, können Sie nichts erreichen“, Dass der Deilmann-Bau, inzwischen zum Denkmal erklärt wurde, verschafft ihm Genugtuung: „Ein solches Werk für einen Konsumtempel zu zerstören, kaltschnäuzig über den Kopf der Bürger hinweg - unmöglich.“

Die Bürger hatten Erfolg. Wieso? „Unsere Planung war nicht in ein explizites Innenstadtkonzept eingebunden“ sagt Buhre. „Das hat es schwierig gemacht.“

2003 bis 2006 fing das erst an mit der direkten Demokratie“, sagt Erzigkeit. Die rechtliche Basis für das Bürgerbegehren sei unklar gewesen - „Ich hätte es auf eine Klage ankommen lassen, aber die Politik entschied anders.“

Randnotiz: Aus der Bewegung heraus entstand übrigens das Bürger-Bündnis Minden, das bei der folgenden Kommunalwahl auch Sitze im Stadtrat bekam. Schenk gehörte zu den Gründungsmitgliedern, trat aber kurz danach aus.

In Minden begann in der Folge ein breit angelegter Prozess zur Innenstadtentwicklung, bei der Bürgerforen eine wichtige Rollen spielten.

Aktuell, im Jahr 2016, debattiert die Politik darüber, dass das in die Jahre gekommene Verwaltungsgebäude dringend an moderne Standards angepasst werden muss. Nach ersten Schätzungen könnte diese Sanierung rund 34 Millionen Euro kosten. Zudem steht der Deilmann-Bau seit 2016 unter Denkmalschutz.

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Bürgerbegehren stoppt Pläne für EinkaufszentrumMonika Jäger2005: Für die einen ist es ein Fehler, der die Stadt jetzt 34 Millionen Euro kosten wird. Für die anderen ist es ein bedeutendes Denkmal der Stadtgeschichte wie Dom oder Defensionskaserne: Der Deilmann-Bau, in dem die Stadtverwaltung untergebracht ist, wurde zwischen 2005 und 2007 zum Zankapfel. Blick zurück mit dem Initiator der Bürgerbewegung, Dr. Herwig Schenk, dem damaligen Bau-Beigeordneten Klaus Erzigkeit und dem damaligen Bürgermeister Michael Buhre.2005 traten die Projektentwickler ECE an die Stadtverwaltung heran „überraschend, aber mit einem durchdachten Konzept“ (Ex-Bürgermeister Buhre). Sie schlugen vor, mitten in der Stadt - da, wo die Stadtverwaltung stand - , ein Einkaufszentrum zu errichten. Buhre war damals frisch gewählt, die Thematik „Innenstadtentwicklung“ relativ neu für ihn.Doch kaum im Amt, musste er schon tief einsteigen. Da hatte Bau-Beigeordneter Klaus Erzigkeit dem neuen Mann an der Stadt-Spitze ein großes Thema auf den Schreibtisch gelegt, das der Vorgänger, so Erzigkeit, nicht anpacken wollte: Eine Klage gegen die Nachbarstadt Porta mit dem Ziel, die Ausweitung des Portaner Einkaufszentrums direkt am Stadtrand Mindens zu unterbinden (eine Klage, die später erfolgreich war, übrigens).Erzigkeit, der 2002 Bau-Beigeordneter geworden war, sah Gefahr für Minden: Ein 80 000-Quadratmeter-Moloch am Stadtrand würde die Innenstadt leer saugen. In die City investieren wollte in dieser Zeit keiner so recht. „Die Idee, etwas Großes, Umfassendes zu machen, war vielen fremd“, sagt Erzigkeit heute. „Alles war klein-klein.“ Dabei musste der Innenstadthandel dringend attraktiver gemacht werden. „Wir hatten uns zu lange auf unseren Lorbeeren ausgeruht“, urteilt Buhre.Da kam die Idee von dem Einkaufszentrum mitten in der Stadt wie gerufen. Im März 2007 fiel die Entscheidung für ein 18000-Quadratmeter-Zentrum da, wo zu der Zeit der Deilmann-Bau stand. Der sollte abgerissen werden, die Verwaltung wäre in die oberen Etagen gezogen. Buhre: „Das Rathaus abzureißen fand ich auch erst überraschend. Aber die Fakten waren überzeugend.“Allerdings bekam nicht der Entwickler ECE den Zuschlag - im Rückblick für Buhre mit ein Grund, dass das Bürgerbegehren groß werden konnte. „ECE war für uns ein Partner, von dem wir wussten, dass er solide arbeitet.“ Die Politik wollte aber noch andere Angebote sehen. Und fand schließlich den Entwurf der Firma MD am besten.Die hatten erst spät auf die Ausschreibung reagiert, doch die innovativen Ideen des holländischen Architekten überzeugte die Ratsmitglieder. „Die ließen sich durch schöne Bilder von MD einwickeln“, urteilt Erzigkeit heute. Bei der anschließenden Umsetzung hätten sich die Schwächen gezeigt: Das dauerte lange. „MD hatten einen guten, planerischen Ansatz, brauchten aber lange für den Einstieg“ (Buhre). „Und dann haben wir zugelassen, dass andere das Thema aufgegriffen haben.“Die anderen, das war eine Gruppe von Bürgern um Dr. Herwig Schenk und Dr. Gert Muhle. 1972 war der gebürtige Unterfrankener Schenk nach Minden gekommen, arbeitete als Gutachter für Fahrzeugsicherheit bei der Bundesbahn, reiste viel und international, war bis 1984 politisch als Kommunalpolitiker aktiv gewesen, sogar als SPD-Stadtverbandsvorsitzender. Er hatte mit im Rat gesessen, als 1975 der Beschluss gefallen war, ein neues Stadthaus zu bauen und dem Architekten Harald Deilmann den Zuschlag zu geben, er hatte vollen Herzens mit für diese „städtebauliche Besonderheit“ entschieden. Als er nun von den Abrissplänen las, war er gerade im Harz. „Da stieg die Galle in mir hoch. Das hat mir den Urlaub verdorben.“ Der schönste Platz in Minden, seinerzeit mit so viel Stolz gestaltet - „der darf nicht wieder zerstört werden.“Schenk war 68 Jahre alt, als er zum Initiator des Widerstandes wurde. Er scharte Menschen um sich, die seiner Meinung waren. Viele ältere, aber auch junge, wie er betont. „Erst war es nur meine Frau“ - aber nach Leserbriefen im MT und einer Veranstaltung im Museum fanden sich immer mehr zum Aktionskreis „Historische Kulturstadt Minden“ zusammen. Vor allem mit Dr. Gert Muhle wurde das Bürgerbegehren gegen den Gebäudeabriss und zur Verhinderung des Einkaufszentrums gestartet. „Ich habe so gar nicht den hohen Respekt vor Mandatsträgern und Verwaltung wie andere“, sagt Schenk, und die Reaktion „Wie kann man nur auf die Idee kommen, als Bürger einen Ratsbeschluss aufzuhalten“, befeuerte ihn nur.Er ging taktisch vor, schaltete Ämter und Ministerien ein, wollte ein Moderationsverfahren erreichen. „Sie schaffen sich einen Briefkopf und stellen sich als schlagkräftige Gruppe dar, auch wenn Sie alleine sind. Und ich kann ja notfalls auch amtlich formulieren“, sagt Schenk im Rückblick. Er wollte Drähte ziehen, doch andere aus der Gruppe wollten das Bürgerbegehren, das Schenk zunächst skeptisch sah. Muhle vor allem sammelte im Herbst 2007 mehr als 7000 Unterschriften für das Bürgerbegehren zum Erhalt des Deilmann-Baus. 3500 hätten gereicht, und so stoppte eine Mehrheit schließlich die Domhof-Galerie. Zwei Jahre durfte hier nichts verändert werden.Wussten die Bürger damals, was sie entscheiden? Die Überschrift „Bürgerbegehren gegen den Rathaus-Abriss“ sei irreführend, weil viele denken würden, es handele sich um das „historische“ Rathaus am Markt, wetterten Kritiker damals. „Das war schon ein bisschen trickreich“, sagt Schenk heute. „Aber jeder, der unterschrieb, hat sich doch die Erklärung durchgelesen, und da war klar vom neuen Rathaus am kleinen Domhof die Rede.“Schenk selbst war auch nicht sicher, ob das Begehren erfolgreich sein würde. „Wenn Sie nichts riskieren, können Sie nichts erreichen“, Dass der Deilmann-Bau, inzwischen zum Denkmal erklärt wurde, verschafft ihm Genugtuung: „Ein solches Werk für einen Konsumtempel zu zerstören, kaltschnäuzig über den Kopf der Bürger hinweg - unmöglich.“Die Bürger hatten Erfolg. Wieso? „Unsere Planung war nicht in ein explizites Innenstadtkonzept eingebunden“ sagt Buhre. „Das hat es schwierig gemacht.“2003 bis 2006 fing das erst an mit der direkten Demokratie“, sagt Erzigkeit. Die rechtliche Basis für das Bürgerbegehren sei unklar gewesen - „Ich hätte es auf eine Klage ankommen lassen, aber die Politik entschied anders.“Randnotiz: Aus der Bewegung heraus entstand übrigens das Bürger-Bündnis Minden, das bei der folgenden Kommunalwahl auch Sitze im Stadtrat bekam. Schenk gehörte zu den Gründungsmitgliedern, trat aber kurz danach aus.In Minden begann in der Folge ein breit angelegter Prozess zur Innenstadtentwicklung, bei der Bürgerforen eine wichtige Rollen spielten.Aktuell, im Jahr 2016, debattiert die Politik darüber, dass das in die Jahre gekommene Verwaltungsgebäude dringend an moderne Standards angepasst werden muss. Nach ersten Schätzungen könnte diese Sanierung rund 34 Millionen Euro kosten. Zudem steht der Deilmann-Bau seit 2016 unter Denkmalschutz.