Mindens Publikum wollte Kitsch sehen

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1934: Von wegen Propaganda - die Mindener hatten ihren eigenen Kopf, so damals im MT zu lesen: „Von der Direktion der Scala-Lichtspiele geht uns ein Schreiben zu. auf welches wir, wegen der darin vortrefflich und schlagend zum Ausdruck gebrachten Gedanken, die - und dies muss besonders betont werden - symptomatisch für das Kinopublikum nicht nur in Minden, sondern für das ganze Reich sind, ganz ausdrücklich verweisen möchten“, heißt es in der Zeitung. „Ist dieses Schreiben doch ein Notschrei des Lichtspieltheaterbesitzers, der bestrebt ist, dem Publikum das Beste vom Besten zu bieten und der zu seinem Entsetzen einsehen muss, dass das Publikum nicht den guten Film wünscht, sondern den Kitsch, nicht das Problematische, den erzieherischen, kulturellen und dramatischen Wert, sondern die leichte Unterhaltung, die sattsam bekannten Liebesfilme mit den großen Stars und den Sensationsfilm.“

18. April 1934: Die Direktion der Scala-Lichtspiele veröffentlicht eine Stellungnahme. - © Repro: MT
18. April 1934: Die Direktion der Scala-Lichtspiele veröffentlicht eine Stellungnahme. (© Repro: MT)

Das Schreiben laute: „Wenn wir schon in letzter Zeit leider die Beobachtung machen mussten, dass vaterländische und staatspolitische Filme, sowie auch kulturwertige, dramatische oder problematische Filme bei dem Mindener Publikum nicht ansprechen, wie das der schlechte Besuch der Filme „Volldampf voraus“, „Unter der schwarzen Sturmfahne“, „Die weiße Majestät“. „Der Judas von Tirol“ in letzter Zeit bewiesen haben, so sind wir aber durch das Ergebnis der Tell-Filmvorführungen überaus enttäuscht. Soweit das Mindener Publikum noch Interesse für den Kinobesuch aufbringt, will es eben nur leichte Unterhaltungsfilme mit flotter, lustiger Handlung, möglichst in Form von Operetten oder sensationelle Filme haben. Wir müssen infolge dieser bedauerlichen Erscheinungen nun aus reinen Existenzgründen die Konsequenz ziehen, in Zukunft die Programme der Scala dem gegebenen Geschmack des Publikums anzupassen, eine Maßnahme, die alles andere ist als ein Fortschritt des Kinowesens. Aus obigem Grunde sahen wir uns genötigt, den Film „Wilhelm Tell“ bereits am Montag zum letzten Male zu spielen.“

Der MT-Autor dazu: „Wir glauben, dass es die deutsche Filmproduktion, mit einigen guten Ausnahmen, immer noch nicht vollkommen versteht, das Publikum für den guten Film zu erziehen. Das Publikum wünscht gewiss neben der leichten Unterhaltung und der Sensation auch den problematischen, dramatischen und kulturellen Film. Aber - zeitnahe und gegenwartslebendig muss er sein, herausgegriffen aus dem Leben, denn wo anders als im vollen Menschenleben sollte die wahre Kunst zu finden sein?“

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Mindens Publikum wollte Kitsch sehen1934: Von wegen Propaganda - die Mindener hatten ihren eigenen Kopf, so damals im MT zu lesen: „Von der Direktion der Scala-Lichtspiele geht uns ein Schreiben zu. auf welches wir, wegen der darin vortrefflich und schlagend zum Ausdruck gebrachten Gedanken, die - und dies muss besonders betont werden - symptomatisch für das Kinopublikum nicht nur in Minden, sondern für das ganze Reich sind, ganz ausdrücklich verweisen möchten“, heißt es in der Zeitung. „Ist dieses Schreiben doch ein Notschrei des Lichtspieltheaterbesitzers, der bestrebt ist, dem Publikum das Beste vom Besten zu bieten und der zu seinem Entsetzen einsehen muss, dass das Publikum nicht den guten Film wünscht, sondern den Kitsch, nicht das Problematische, den erzieherischen, kulturellen und dramatischen Wert, sondern die leichte Unterhaltung, die sattsam bekannten Liebesfilme mit den großen Stars und den Sensationsfilm.“Das Schreiben laute: „Wenn wir schon in letzter Zeit leider die Beobachtung machen mussten, dass vaterländische und staatspolitische Filme, sowie auch kulturwertige, dramatische oder problematische Filme bei dem Mindener Publikum nicht ansprechen, wie das der schlechte Besuch der Filme „Volldampf voraus“, „Unter der schwarzen Sturmfahne“, „Die weiße Majestät“. „Der Judas von Tirol“ in letzter Zeit bewiesen haben, so sind wir aber durch das Ergebnis der Tell-Filmvorführungen überaus enttäuscht. Soweit das Mindener Publikum noch Interesse für den Kinobesuch aufbringt, will es eben nur leichte Unterhaltungsfilme mit flotter, lustiger Handlung, möglichst in Form von Operetten oder sensationelle Filme haben. Wir müssen infolge dieser bedauerlichen Erscheinungen nun aus reinen Existenzgründen die Konsequenz ziehen, in Zukunft die Programme der Scala dem gegebenen Geschmack des Publikums anzupassen, eine Maßnahme, die alles andere ist als ein Fortschritt des Kinowesens. Aus obigem Grunde sahen wir uns genötigt, den Film „Wilhelm Tell“ bereits am Montag zum letzten Male zu spielen.“Der MT-Autor dazu: „Wir glauben, dass es die deutsche Filmproduktion, mit einigen guten Ausnahmen, immer noch nicht vollkommen versteht, das Publikum für den guten Film zu erziehen. Das Publikum wünscht gewiss neben der leichten Unterhaltung und der Sensation auch den problematischen, dramatischen und kulturellen Film. Aber - zeitnahe und gegenwartslebendig muss er sein, herausgegriffen aus dem Leben, denn wo anders als im vollen Menschenleben sollte die wahre Kunst zu finden sein?“