Trend in den 50er-Jahren: Gemeinschaftsgefrieranlagen

Holger Buhre

Dieses Foto zeigt einige Mitglieder der Frostfachgemeinschaft beim letztmaligen Ausräumen ihrer Fächer Ende Juni 1987. - © Repro: Holger Buhre
Dieses Foto zeigt einige Mitglieder der Frostfachgemeinschaft beim letztmaligen Ausräumen ihrer Fächer Ende Juni 1987. (© Repro: Holger Buhre)

1959: Im Zeitalter von Gefrierschränken und -truhen sind sie heutzutage eine echte Rarität, in den fünfziger Jahren schossen sie jedoch wie Pilze aus dem Boden: Gemeinschaftsgefrieranlagen waren damals voll im Trend, ermöglichten sie doch das langfristige Konservieren von Lebensmitteln.

Genau dieses Anliegen äußern 1958 auch einige Rosenhäger. Bei einer eigens einberufenen Gemeindeversammlung signalisieren zwar mehrere Einwohner ihr Interesse, „doch es war zunächst gar nicht so einfach, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen“, schreibt Werner Nahrwold in seinem Buch „750 Jahre Rosenhagen - Ein Dorf im Wandel der Zeit“, das im Jahr 2000 erschienen ist.

Mit großen Vorhängeschlössern sicherten die Nutzer ihre Gefrierfächer. - © Foto: Holger Buhre
Mit großen Vorhängeschlössern sicherten die Nutzer ihre Gefrierfächer. (© Foto: Holger Buhre)

„Denn um die Angelegenheit rentabel gestalten zu können, mussten mindestens 30 Einwohner ihre Bereitschaft dazu erklären“, heißt es in den Aufzeichnungen des ehemaligen Ortsvorstehers und Ortsheimatpflegers, der 2004 verstarb. Ende 1958 übernimmt er die Aufgabe des Geschäftsführers der neu gegründeten Frostfachgemeinschaft. Den Vorstand komplettieren Heinrich Dammeier (Vorsitzender) und Erna Lange (Stellvertreterin).

Dieses Trio bestellt am 6. Januar 1959 bei der Firma Escher-Wyss (Lindau am Bodensee) eine Truhenanlage mit 32 einzeln abschließbaren Fächern zu je 220 Litern. „Zuvor haben wir uns zu viert mehrere Referenzobjekte im Umkreis von 40 Kilometern angeschaut“, erinnert sich der damals 25-jährige Heinz Sölter, der dieser technischen „Findungskommission“ nach eigener Aussage gemeinsam mit Dammeier und Nahrwold sowie Gemeinderatsmitglied Hermann Brase angehörte. Die ausgewählte Anlage mit Deckelöffnungen, Luftkühler, Kanalverdampferplatten und einer Gefriertemperatur von minus 18 Grad sei Ende der fünfziger Jahre der neueste Stand der Technik gewesen, sagt der inzwischen 83-Jährige rückblickend. „Man konnte alles sofort und ohne Vorkühlen einfrieren.“ Untergebracht werden soll die gesamte Anlage samt erforderlicher Technik in einem praktikablen Neubau. Dieser entsteht zwischen Februar und April 1959 mitten im Ort auf dem Grundstück des Gasthauses Bulmahn. Deren Eigentümerin Sophie Meyer verlangt hierfür lediglich einen symbolischen Pachtpreis von einer DM pro Jahr - „allerdings mit der Zusicherung, dass das Gebäude nach Auflösung der Gesellschaft in ihren Besitz übergehe“, vermerkt Nahrwold in seinem Buch.

Mit der Errichtung des neuen Kühlhauses beauftragt der Vorstand den Bauingenieur und Maurermeister Fritz Brakmann (Gorspen-Vahlsen). Dieser stellt der Frostfachgemeinschaft am 24. März eine erste Rechnung über 2061,57 DM. Daraus geht hervor, dass als Maurer unter anderem drei Rosenhäger zum Einsatz kommen: neben Fritz Müller und Heinrich Bulmahn auch Heinz Sölter. „Stimmt genau“, sagt der 83-Jährige heute. „Und als wir die Wände fertig hatten, kam die Firma Harmening aus Wiedensahl und begann mit den Fliesenarbeiten.“ Den offiziellen Bauantrag stellen die Verantwortlichen am 28. Februar des Jahres. Demzufolge entsteht ein 13,86 Meter langes und 4,26 Meter breites Gebäude mit einem 30 Zentimeter starken „Verblendmauerwerk mit Hohlschicht in Kalkmörtel gemauert. Die Zwischenwände sind einen halben Stein stark aus Kalksandsteinen in Kalkzementmörtel gemauert.“ Als „besondere Auflage“ sind die Fußböden „eben, fest und gleitsicher anzulegen“, schreibt der zuständige Kreisoberbaurat in einer Aktennotiz. Dieser Forderung kommt die Frostfachgemeinschaft mit speziellen Fliesen nach, die auf Zementestrich mit Unterbeton verklebt werden. Alles in allem verfügt das fertige Kühlhaus über einen rund vier Quadratmeter großen Technikraum und eine Nutzfläche von knapp 56 Quadratmetern. Diese besteht aus dem großen Hauptraum mit seinen 32 Gefrierfächern sowie einem separaten Kühlraum.

„Immer, wenn ein technisches Problem auftrat, ging draußen automatisch eine rote Lampe an“, schildert Günter Dammeier, der 1978 zum Nachfolger seines verstorbenen Vaters als Vorsitzender gewählt wird. „Meistens war dann der Hochleistungsverdampfer verstopft“, erinnert sich der heute 69-Jährige, der praktischerweise schräg gegenüber wohnt und das Kühlhaus deshalb gut im Blick hat.

Weil jedoch auch die Außenleuchte einmal defekt ist, sorgt dies 1976 im Zusammenspiel mit „streikender“ Kühltechnik dafür, dass dort ein frisch geschlachtetes Schwein verdirbt: „Da dieser Schaden nicht durch die Versicherung abgedeckt ist, muss die Frostfachgemeinschaft die Kosten von 300 DM übernehmen“, notiert Nahrwold hierzu im Protokollbuch.

Apropos Geld: Die Gesamtkosten für das hochmoderne Rosenhäger Kühlhaus beziffert der damalige Geschäftsführer in seinen Unterlagen auf „etwa 30000 DM - 15000 DM für das Gebäude und 15000 DM für Maschinen und Truhenanlage“. Da die Landwirtschaftskammer 3000 DM Zuschuss gewährt, muss jedes Mitglied der Frostfachgemeinschaft 800 DM je 220-Liter-Fach entrichten.

Der anfängliche Quartalsbeitrag für Stromkosten, Pflege und Wartung beträgt laut Protokollbuch in den Anfangsjahren neun DM, später 15 DM (ab 1965) und dann 20 DM (ab 1966). 1979 folgt eine Erhöhung auf 30 DM pro Quartal.

Doch nicht nur die nach mehr als zwei Jahrzehnten aufs Dreifache gestiegenen Stromkosten und die damit verbundenen Mietpreissteigerungen sorgen schließlich für das Ende der 1959 begonnen Eiszeit in Rosenhagen. „Im Laufe der Jahre kauften sich immer mehr Mitglieder private Gefriertruhen, so dass die Gemeinschaftsanlage immer weniger Leute benutzten und nicht mehr voll ausgelastet war“, schreibt Nahrwold in der Dorfchronik.

Das Aus für die Frostfachgemeinschaft kündigt sich schließlich 1984 an, als der Erbe des ehemaligen Gasthauses Bulmahn den Pachtvertrag kündigt. „Er wurde in einem Schreiben darauf hingewiesen, dass der Vertrag so lange läuft, wie die Frostfachgemeinschaft Rosenhagen als Gesellschaft besteht“, protokolliert Nahrwold hierzu.

Eine außerordentliche Generalversammlung am 10. Dezember 1985 - einberufen wegen „seit längerer Zeit bestehender Unstimmigkeiten zwischen dem Verpächter und der Frostfachgemeinschaft Rosenhagen“ - besiegelt dann endgültig das Aus. Grund: „Der Verpächter wünscht eine Änderung des bestehenden Pachtvertrags. Ansonsten will er diesbezüglich eine gerichtliche Entscheidung herbeiführen.“ Als Reaktion hierauf beschließen die Mitglieder einstimmig einen Kompromissvorschlag: „Die Frostfachgemeinschaft ist bereit, den Vertrag zwecks Zufahrt und Nutzung des Gebäudes zum 31.12.1987 einvernehmlich aufzulösen, wenn [...] die Frostfachgemeinschaft den Strom- und Wasseranschluss bis dahin unentgeltlich im Hause Rosenhäger Ecke 2 belassen kann.“ Wenige Monate später entscheidet die Generalversammlung einstimmig, die Frostfachgemeinschaft zum 30. Juni 1987 aufzulösen.

Der neue Eigentümer nutzt das nun ehemalige Kühlhaus fortan privat und verkauft das Grundstück mitsamt der beiden Immobilien einige Jahre später. Die neuen Besitzer reißen das Frostfachgebäude Ende der neunziger Jahre ab und errichten dort ein zweigeschossiges Wohnhaus - zum großen Teil auf dem bestens erhaltenen Fundament des 1959 gebauten Kühlhauses.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Trend in den 50er-Jahren: GemeinschaftsgefrieranlagenHolger Buhre1959: Im Zeitalter von Gefrierschränken und -truhen sind sie heutzutage eine echte Rarität, in den fünfziger Jahren schossen sie jedoch wie Pilze aus dem Boden: Gemeinschaftsgefrieranlagen waren damals voll im Trend, ermöglichten sie doch das langfristige Konservieren von Lebensmitteln.Genau dieses Anliegen äußern 1958 auch einige Rosenhäger. Bei einer eigens einberufenen Gemeindeversammlung signalisieren zwar mehrere Einwohner ihr Interesse, „doch es war zunächst gar nicht so einfach, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen“, schreibt Werner Nahrwold in seinem Buch „750 Jahre Rosenhagen - Ein Dorf im Wandel der Zeit“, das im Jahr 2000 erschienen ist.„Denn um die Angelegenheit rentabel gestalten zu können, mussten mindestens 30 Einwohner ihre Bereitschaft dazu erklären“, heißt es in den Aufzeichnungen des ehemaligen Ortsvorstehers und Ortsheimatpflegers, der 2004 verstarb. Ende 1958 übernimmt er die Aufgabe des Geschäftsführers der neu gegründeten Frostfachgemeinschaft. Den Vorstand komplettieren Heinrich Dammeier (Vorsitzender) und Erna Lange (Stellvertreterin).Dieses Trio bestellt am 6. Januar 1959 bei der Firma Escher-Wyss (Lindau am Bodensee) eine Truhenanlage mit 32 einzeln abschließbaren Fächern zu je 220 Litern. „Zuvor haben wir uns zu viert mehrere Referenzobjekte im Umkreis von 40 Kilometern angeschaut“, erinnert sich der damals 25-jährige Heinz Sölter, der dieser technischen „Findungskommission“ nach eigener Aussage gemeinsam mit Dammeier und Nahrwold sowie Gemeinderatsmitglied Hermann Brase angehörte. Die ausgewählte Anlage mit Deckelöffnungen, Luftkühler, Kanalverdampferplatten und einer Gefriertemperatur von minus 18 Grad sei Ende der fünfziger Jahre der neueste Stand der Technik gewesen, sagt der inzwischen 83-Jährige rückblickend. „Man konnte alles sofort und ohne Vorkühlen einfrieren.“ Untergebracht werden soll die gesamte Anlage samt erforderlicher Technik in einem praktikablen Neubau. Dieser entsteht zwischen Februar und April 1959 mitten im Ort auf dem Grundstück des Gasthauses Bulmahn. Deren Eigentümerin Sophie Meyer verlangt hierfür lediglich einen symbolischen Pachtpreis von einer DM pro Jahr - „allerdings mit der Zusicherung, dass das Gebäude nach Auflösung der Gesellschaft in ihren Besitz übergehe“, vermerkt Nahrwold in seinem Buch.Mit der Errichtung des neuen Kühlhauses beauftragt der Vorstand den Bauingenieur und Maurermeister Fritz Brakmann (Gorspen-Vahlsen). Dieser stellt der Frostfachgemeinschaft am 24. März eine erste Rechnung über 2061,57 DM. Daraus geht hervor, dass als Maurer unter anderem drei Rosenhäger zum Einsatz kommen: neben Fritz Müller und Heinrich Bulmahn auch Heinz Sölter. „Stimmt genau“, sagt der 83-Jährige heute. „Und als wir die Wände fertig hatten, kam die Firma Harmening aus Wiedensahl und begann mit den Fliesenarbeiten.“ Den offiziellen Bauantrag stellen die Verantwortlichen am 28. Februar des Jahres. Demzufolge entsteht ein 13,86 Meter langes und 4,26 Meter breites Gebäude mit einem 30 Zentimeter starken „Verblendmauerwerk mit Hohlschicht in Kalkmörtel gemauert. Die Zwischenwände sind einen halben Stein stark aus Kalksandsteinen in Kalkzementmörtel gemauert.“ Als „besondere Auflage“ sind die Fußböden „eben, fest und gleitsicher anzulegen“, schreibt der zuständige Kreisoberbaurat in einer Aktennotiz. Dieser Forderung kommt die Frostfachgemeinschaft mit speziellen Fliesen nach, die auf Zementestrich mit Unterbeton verklebt werden. Alles in allem verfügt das fertige Kühlhaus über einen rund vier Quadratmeter großen Technikraum und eine Nutzfläche von knapp 56 Quadratmetern. Diese besteht aus dem großen Hauptraum mit seinen 32 Gefrierfächern sowie einem separaten Kühlraum.„Immer, wenn ein technisches Problem auftrat, ging draußen automatisch eine rote Lampe an“, schildert Günter Dammeier, der 1978 zum Nachfolger seines verstorbenen Vaters als Vorsitzender gewählt wird. „Meistens war dann der Hochleistungsverdampfer verstopft“, erinnert sich der heute 69-Jährige, der praktischerweise schräg gegenüber wohnt und das Kühlhaus deshalb gut im Blick hat.Weil jedoch auch die Außenleuchte einmal defekt ist, sorgt dies 1976 im Zusammenspiel mit „streikender“ Kühltechnik dafür, dass dort ein frisch geschlachtetes Schwein verdirbt: „Da dieser Schaden nicht durch die Versicherung abgedeckt ist, muss die Frostfachgemeinschaft die Kosten von 300 DM übernehmen“, notiert Nahrwold hierzu im Protokollbuch.Apropos Geld: Die Gesamtkosten für das hochmoderne Rosenhäger Kühlhaus beziffert der damalige Geschäftsführer in seinen Unterlagen auf „etwa 30000 DM - 15000 DM für das Gebäude und 15000 DM für Maschinen und Truhenanlage“. Da die Landwirtschaftskammer 3000 DM Zuschuss gewährt, muss jedes Mitglied der Frostfachgemeinschaft 800 DM je 220-Liter-Fach entrichten.Der anfängliche Quartalsbeitrag für Stromkosten, Pflege und Wartung beträgt laut Protokollbuch in den Anfangsjahren neun DM, später 15 DM (ab 1965) und dann 20 DM (ab 1966). 1979 folgt eine Erhöhung auf 30 DM pro Quartal.Doch nicht nur die nach mehr als zwei Jahrzehnten aufs Dreifache gestiegenen Stromkosten und die damit verbundenen Mietpreissteigerungen sorgen schließlich für das Ende der 1959 begonnen Eiszeit in Rosenhagen. „Im Laufe der Jahre kauften sich immer mehr Mitglieder private Gefriertruhen, so dass die Gemeinschaftsanlage immer weniger Leute benutzten und nicht mehr voll ausgelastet war“, schreibt Nahrwold in der Dorfchronik.Das Aus für die Frostfachgemeinschaft kündigt sich schließlich 1984 an, als der Erbe des ehemaligen Gasthauses Bulmahn den Pachtvertrag kündigt. „Er wurde in einem Schreiben darauf hingewiesen, dass der Vertrag so lange läuft, wie die Frostfachgemeinschaft Rosenhagen als Gesellschaft besteht“, protokolliert Nahrwold hierzu.Eine außerordentliche Generalversammlung am 10. Dezember 1985 - einberufen wegen „seit längerer Zeit bestehender Unstimmigkeiten zwischen dem Verpächter und der Frostfachgemeinschaft Rosenhagen“ - besiegelt dann endgültig das Aus. Grund: „Der Verpächter wünscht eine Änderung des bestehenden Pachtvertrags. Ansonsten will er diesbezüglich eine gerichtliche Entscheidung herbeiführen.“ Als Reaktion hierauf beschließen die Mitglieder einstimmig einen Kompromissvorschlag: „Die Frostfachgemeinschaft ist bereit, den Vertrag zwecks Zufahrt und Nutzung des Gebäudes zum 31.12.1987 einvernehmlich aufzulösen, wenn [...] die Frostfachgemeinschaft den Strom- und Wasseranschluss bis dahin unentgeltlich im Hause Rosenhäger Ecke 2 belassen kann.“ Wenige Monate später entscheidet die Generalversammlung einstimmig, die Frostfachgemeinschaft zum 30. Juni 1987 aufzulösen.Der neue Eigentümer nutzt das nun ehemalige Kühlhaus fortan privat und verkauft das Grundstück mitsamt der beiden Immobilien einige Jahre später. Die neuen Besitzer reißen das Frostfachgebäude Ende der neunziger Jahre ab und errichten dort ein zweigeschossiges Wohnhaus - zum großen Teil auf dem bestens erhaltenen Fundament des 1959 gebauten Kühlhauses.