Westfalens letzte Totenfrau

Kurt Römming

2000: Als 1991 Gisbert Strotdrees Buch „Es gab nicht nur die Droste“ mit den Lebensbildern sechzig westfälischer Frauen in einem Münsteraner Verlag erschien, war Wilhelmine Möller 92 Jahre alt und galt schon damals als die älteste und letzte Totenfrau Westfalens. Neben Pastor von Bodelschwingh´s Frau Julia, Bundespräsident Heinrich Lübke´s Frau Wilhelmine und den Biografien vieler anderer bekannter Persönlichkeiten widmete ihr der Autor damals zwei Buchseiten.

Wilhelmine Möller, geb. Brandt, in jungen Jahren in der Bückeburger Festtagstracht. - © Fotos / Repro: Kurt Römming
Wilhelmine Möller, geb. Brandt, in jungen Jahren in der Bückeburger Festtagstracht. (© Fotos / Repro: Kurt Römming)

Nach ihrem Tode fand sie, die seit ihrer frühesten Jugend mit ihren Schwestern Christine Lücke aus Wülpke und Philippine Held aus Eisbergen auf dem Bückeburger Wochenmarkt bis ins hohe Alter Obst, Gemüse und Eier verkaufte, Eingang in den Bildband „Unbekanntes Bückeburg“. Vielen Residenzstädtlern sind Wilhelmine Möller und ihre beiden in Nammen geborenen Schwestern in der Bückeburger Tracht noch in guter Erinnerung. Besonders ihrer oft markigen Sprüche wegen. Keine von ihnen war um ein Wort verlegen.

Wilhelmine Möller mit über 90 Jahren in der Alltags- und Arbeitstracht. Sie war die letzte originale Trägerin der Bückeburger Tracht in Nammen. - © Fotos / Repro: Kurt Römming
Wilhelmine Möller mit über 90 Jahren in der Alltags- und Arbeitstracht. Sie war die letzte originale Trägerin der Bückeburger Tracht in Nammen. (© Fotos / Repro: Kurt Römming)

Wilhelmine Möller, die mit Fug und Recht über Nammen hinaus als Original bezeichnet werden kann, hat nach der Buchveröffentlichung ihrer Lebensgeschichte noch fast ein volles Jahrzehnt gelebt. Im Jahre 2000 verstarb sie kurz vor ihrem 101. Geburtstag in einem Alter, das vor ihr noch keine andere Dorfbewohnerin erreicht hatte. Sie war in der hier früher üblichen Bückeburger Tracht die letzte originale Trachtenträgerin in Nammen. Und noch ein besonderes Superlativ traf auf sie zu: Jahrelang hat sie für den im Frühjahr 2006 verstorbenen Bundespräsidenten und früheren Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Johannes Rau Wollsocken gestrickt. Das erste Paar durfte sie bei einem Ministerpräsidenten-Besuch im Festzelt in Minden-Hahlen persönlich übergeben.

Die riesigen Schleifen sind typisch für die Bückeburger Festtagstracht - wie hier bei der Trachtengruppe Meinsen-Warber. Wilhelmine Müller trug meist Arbeitstracht - aber auch die mit Stolz. - © Foto: dpa/Christian Hager
Die riesigen Schleifen sind typisch für die Bückeburger Festtagstracht - wie hier bei der Trachtengruppe Meinsen-Warber. Wilhelmine Müller trug meist Arbeitstracht - aber auch die mit Stolz. (© Foto: dpa/Christian Hager)

Als Wilhelmine Brandt wurde sie am 17. Juli 1899 auf dem elterlichen Hof geboren, im „Domprobst“, ganz von Wald umgeben, hoch oben im Nammer Berge gelegen. Ihr 1804 aus Lohfeld auf den Hof geheirateter Urahn war nicht nur Bauer, er war nebenbei angestellter Förster beim Mindener Domprobst. Die Waldgemarkung rundum war damals Besitz der Domprobstei. Abseits der Bebauung, mit ihren fünf Geschwistern „im Berge“ in einem rauhen Klima aufgewachsen, kam ihr dieser Umstand im späteren Leben zu gute, wie sie häufig sagte.

Sie musste sich behaupten, nachdem der einzige Sohn vermisst im Kriege blieb und ihr Mann bald danach an den Folgen einer Kriegsverwundung aus dem Ersten Weltkrieg verstarb.

Möllers Stätte, auf der sie geheiratet hatte, war eine der so genannten „Kuhbauernstellen“ im Dorf, eine Kleinlandwirtschaft. Von ihr lebte es sich nur „recht und schlecht“. Möllers Wülmintken wurde nebenbei so etwas wie die Tierhebamme im Dorf und war hier bekannt wie die sprichwörtliche „bunte Kuh“, wie sie selbst von sich sagte.

Wenn sich irgendwo im Stall eine schwierige Geburt ankündigte, wurde sie dazu geholt. Kaum ein Kuhstall, Schafstall, Ziegenstall oder Schweinestall, den sie aufgrund ihrer „helfenden Hände“ nicht von innen kannte. Oftmals war sie zusammen mit einem der in Nammen praktizierenden Bückeburger Tierärzte im Einsatz. Und so erzählte sie gern die Episode mit Tierarzt Dr. Holzhausen, als sie ihm auf dem Meierhof während einer Kaiserschnittgeburt bei einer Kuh über die Schulter sah und der Tierdoktor kommentierte: „Möllersche, guck nicht so genau hin, sonst machst du das demnächst auch noch selbst.“

Als Frommen Stine das Amt der Totenfrau in Nammen zu schwer wurde, ging ihr Wilhelmine Möller zunächst zur Seite, um diese nicht leichte Aufgabe später ganz zu übernehmen. Bis zum Bau der Friedhofskapelle 1953 wurde in Nammen noch aus den Häusern beerdigt. Erst viele Jahre später gingen die Aufgaben der Totenfrau nach und nach auf die Beerdigungsinstitute über. Wilhelmine Möller behielt ihre Aufgaben und war weit über die „Neunzig“ hinaus, als sie ihr Amt aufgab. Schon einige Jahre vorher berichtete der WDR in einem Kurzfilm von „Westfalens letzter und ältester Totenfrau“. Derb und direkt, dann wieder feinfühlig: So kannten sie die Nammer.

Über Westfalen hinaus gab es früher in allen Dörfern die Totenfrau. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen Beerdigungsinstitute weitgehend deren Tätigkeiten und machten sie nach und nach überflüssig. Der Tischlerreibetrieb im Dorf hatte bis dahin den Sarg geliefert, für alle Dinge um die Beerdigung herum war die Totenfrau zuständig. Sie wurde im Todesfall von der Familie benachrichtigt, übernahm das Waschen des Verstorbenen und bereitete ihn für das Einsargen vor. Alle organisatorische Erledigungen rund um die Beerdigung gehörten zu ihren Aufgaben, so das Benachrichtigen der Nachbarn, ggf. auch von Angehörigen, die Absprache mit dem Pfarrer über das übliche Beerdigungsgeläut und den Beerdigungstermin, das Organisieren des Organisten, der Träger, häufig kamen die aus einem Verein der oder des Heimgegangenen, und letztlich die Einladung zum Beerdigungskaffeetrinken.

Wilhelmine Möller hat in Absprache mit den örtlichen Beerdigungsinstituten, solange es ihre Kräfte hergaben, in Nammen diese Aufgaben behalten. Und selbstverständlich sorgte „Westfalens letzte Totenfrau“ bei der Beerdigung in der Friedhofskapelle mit einer klaren Ansage dafür, dass in den Reihen zusammengerückt wurde, wenn es eng wurde, und jeder beim letzten Geleit seinen Sitzplatz bekam. Und wenn diese nicht ausreichten, stellte sie im Mittelgang eigenhändig die vorhandenen Klapphocker auf.

Nie in ihrem Leben hat sie etwas anderes als die Bückeburger Tracht getragen: An den Werktagen bei der täglichen Arbeit die Alltagstracht, ansonsten die Sonntagstracht oder die Trauertracht. Und mit ihr ging um die Jahrtausendwende eine viele Generationen währende Episode zu Ende, die noch Jahre vorher das Dorfbild belebte. Heute betreibt die Nammer Trachtengruppe die Traditions- und Trachtenpflege.

Eine besondere Ehre für Wilhelmine Möller war es, als sie vor vielen Jahren im Maifeier-Zelt in Hahlen Johannes Rau das erste Paar ihrer selbstgestrickten Wollsocken übergeben durfte. Sie fanden Anerkennung und Gefallen beim späteren Bundespräsidenten. Und so ging viele Jahre ein Socken-Paket von Nammen auf dem Postweg Richtung Düsseldorfer Staatskanzlei.

Einige Zeit vor ihrem 100. Geburtstag wurde es um Möller´s Wülmintken´s Gesundheit zunehmend schlechter. Ihren restlichen Lebensabend verbrachte sie im hiesigen Altenheim Haus Laurentius, wo sie im Jahre 2000 nach einem erfüllten Leben verstarb.

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Westfalens letzte TotenfrauKurt Römming2000: Als 1991 Gisbert Strotdrees Buch „Es gab nicht nur die Droste“ mit den Lebensbildern sechzig westfälischer Frauen in einem Münsteraner Verlag erschien, war Wilhelmine Möller 92 Jahre alt und galt schon damals als die älteste und letzte Totenfrau Westfalens. Neben Pastor von Bodelschwingh´s Frau Julia, Bundespräsident Heinrich Lübke´s Frau Wilhelmine und den Biografien vieler anderer bekannter Persönlichkeiten widmete ihr der Autor damals zwei Buchseiten.Nach ihrem Tode fand sie, die seit ihrer frühesten Jugend mit ihren Schwestern Christine Lücke aus Wülpke und Philippine Held aus Eisbergen auf dem Bückeburger Wochenmarkt bis ins hohe Alter Obst, Gemüse und Eier verkaufte, Eingang in den Bildband „Unbekanntes Bückeburg“. Vielen Residenzstädtlern sind Wilhelmine Möller und ihre beiden in Nammen geborenen Schwestern in der Bückeburger Tracht noch in guter Erinnerung. Besonders ihrer oft markigen Sprüche wegen. Keine von ihnen war um ein Wort verlegen.Wilhelmine Möller, die mit Fug und Recht über Nammen hinaus als Original bezeichnet werden kann, hat nach der Buchveröffentlichung ihrer Lebensgeschichte noch fast ein volles Jahrzehnt gelebt. Im Jahre 2000 verstarb sie kurz vor ihrem 101. Geburtstag in einem Alter, das vor ihr noch keine andere Dorfbewohnerin erreicht hatte. Sie war in der hier früher üblichen Bückeburger Tracht die letzte originale Trachtenträgerin in Nammen. Und noch ein besonderes Superlativ traf auf sie zu: Jahrelang hat sie für den im Frühjahr 2006 verstorbenen Bundespräsidenten und früheren Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Johannes Rau Wollsocken gestrickt. Das erste Paar durfte sie bei einem Ministerpräsidenten-Besuch im Festzelt in Minden-Hahlen persönlich übergeben.Als Wilhelmine Brandt wurde sie am 17. Juli 1899 auf dem elterlichen Hof geboren, im „Domprobst“, ganz von Wald umgeben, hoch oben im Nammer Berge gelegen. Ihr 1804 aus Lohfeld auf den Hof geheirateter Urahn war nicht nur Bauer, er war nebenbei angestellter Förster beim Mindener Domprobst. Die Waldgemarkung rundum war damals Besitz der Domprobstei. Abseits der Bebauung, mit ihren fünf Geschwistern „im Berge“ in einem rauhen Klima aufgewachsen, kam ihr dieser Umstand im späteren Leben zu gute, wie sie häufig sagte.Sie musste sich behaupten, nachdem der einzige Sohn vermisst im Kriege blieb und ihr Mann bald danach an den Folgen einer Kriegsverwundung aus dem Ersten Weltkrieg verstarb.Möllers Stätte, auf der sie geheiratet hatte, war eine der so genannten „Kuhbauernstellen“ im Dorf, eine Kleinlandwirtschaft. Von ihr lebte es sich nur „recht und schlecht“. Möllers Wülmintken wurde nebenbei so etwas wie die Tierhebamme im Dorf und war hier bekannt wie die sprichwörtliche „bunte Kuh“, wie sie selbst von sich sagte.Wenn sich irgendwo im Stall eine schwierige Geburt ankündigte, wurde sie dazu geholt. Kaum ein Kuhstall, Schafstall, Ziegenstall oder Schweinestall, den sie aufgrund ihrer „helfenden Hände“ nicht von innen kannte. Oftmals war sie zusammen mit einem der in Nammen praktizierenden Bückeburger Tierärzte im Einsatz. Und so erzählte sie gern die Episode mit Tierarzt Dr. Holzhausen, als sie ihm auf dem Meierhof während einer Kaiserschnittgeburt bei einer Kuh über die Schulter sah und der Tierdoktor kommentierte: „Möllersche, guck nicht so genau hin, sonst machst du das demnächst auch noch selbst.“Als Frommen Stine das Amt der Totenfrau in Nammen zu schwer wurde, ging ihr Wilhelmine Möller zunächst zur Seite, um diese nicht leichte Aufgabe später ganz zu übernehmen. Bis zum Bau der Friedhofskapelle 1953 wurde in Nammen noch aus den Häusern beerdigt. Erst viele Jahre später gingen die Aufgaben der Totenfrau nach und nach auf die Beerdigungsinstitute über. Wilhelmine Möller behielt ihre Aufgaben und war weit über die „Neunzig“ hinaus, als sie ihr Amt aufgab. Schon einige Jahre vorher berichtete der WDR in einem Kurzfilm von „Westfalens letzter und ältester Totenfrau“. Derb und direkt, dann wieder feinfühlig: So kannten sie die Nammer.Über Westfalen hinaus gab es früher in allen Dörfern die Totenfrau. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen Beerdigungsinstitute weitgehend deren Tätigkeiten und machten sie nach und nach überflüssig. Der Tischlerreibetrieb im Dorf hatte bis dahin den Sarg geliefert, für alle Dinge um die Beerdigung herum war die Totenfrau zuständig. Sie wurde im Todesfall von der Familie benachrichtigt, übernahm das Waschen des Verstorbenen und bereitete ihn für das Einsargen vor. Alle organisatorische Erledigungen rund um die Beerdigung gehörten zu ihren Aufgaben, so das Benachrichtigen der Nachbarn, ggf. auch von Angehörigen, die Absprache mit dem Pfarrer über das übliche Beerdigungsgeläut und den Beerdigungstermin, das Organisieren des Organisten, der Träger, häufig kamen die aus einem Verein der oder des Heimgegangenen, und letztlich die Einladung zum Beerdigungskaffeetrinken.Wilhelmine Möller hat in Absprache mit den örtlichen Beerdigungsinstituten, solange es ihre Kräfte hergaben, in Nammen diese Aufgaben behalten. Und selbstverständlich sorgte „Westfalens letzte Totenfrau“ bei der Beerdigung in der Friedhofskapelle mit einer klaren Ansage dafür, dass in den Reihen zusammengerückt wurde, wenn es eng wurde, und jeder beim letzten Geleit seinen Sitzplatz bekam. Und wenn diese nicht ausreichten, stellte sie im Mittelgang eigenhändig die vorhandenen Klapphocker auf.Nie in ihrem Leben hat sie etwas anderes als die Bückeburger Tracht getragen: An den Werktagen bei der täglichen Arbeit die Alltagstracht, ansonsten die Sonntagstracht oder die Trauertracht. Und mit ihr ging um die Jahrtausendwende eine viele Generationen währende Episode zu Ende, die noch Jahre vorher das Dorfbild belebte. Heute betreibt die Nammer Trachtengruppe die Traditions- und Trachtenpflege.Eine besondere Ehre für Wilhelmine Möller war es, als sie vor vielen Jahren im Maifeier-Zelt in Hahlen Johannes Rau das erste Paar ihrer selbstgestrickten Wollsocken übergeben durfte. Sie fanden Anerkennung und Gefallen beim späteren Bundespräsidenten. Und so ging viele Jahre ein Socken-Paket von Nammen auf dem Postweg Richtung Düsseldorfer Staatskanzlei.Einige Zeit vor ihrem 100. Geburtstag wurde es um Möller´s Wülmintken´s Gesundheit zunehmend schlechter. Ihren restlichen Lebensabend verbrachte sie im hiesigen Altenheim Haus Laurentius, wo sie im Jahre 2000 nach einem erfüllten Leben verstarb.