Die Tücken der Überlieferung

Nadine Conti

Von meiner Ur-Großmutter gibt es nur eine Handvoll Fotografien. Wie von den meisten ihrer Generation, immerhin war Fotografieren einmal eine teure Angelegenheit. Ein Verlobungsbild, ein Hochzeitsfoto, ein paar spätere Schnappschüsse von Familienfeiern. Nicht ein einziges dieser Bilder zeigt sie so, wie ich sie in Erinnerung habe: In einem dieser merkwürdig gemusterten Kittel, die sie an normalen Tagen trug. Erst recht gibt es keines, das sie bei ihrer Lieblingsbeschäftigung zeigt: Boxkämpfe im Fernsehen anschauen. Dafür stand sie auch nachts auf. Setzte sich im Nachthemd und mit aufgedrehten Haaren in die ansonsten dunkle Stube und schlug rechte Geraden und linke Haken in die Luft. So wird es jedenfalls in der Familie kolportiert.

Vom ersten Lebensjahr meines Sohnes gibt es 650 Fotodateien. Ab und zu klickt er fasziniert ein wenig darin herum, lässt sich wieder und wieder erklären, dass er „in echt“ mal so klein war. Irgendwann werden sie vermutlich im digitalen Orkus verschwinden. Auf einer kaputten Festplatte, in einer nicht mehr zugänglichen Datencloud, in unlesbar gewordenen Datei- oder Datenträgerformaten. Was im Kleinen für die private Überlieferung gilt, gilt erst recht für den größeren Rahmen. Während die frühen Überlieferungen meist lückenhaft und von seltsamen Zufällen geprägt sind, produziert die Menschheit mittlerweile eine solche Menge an Datenschrott, dass kein Archiv oder Supercomputer der Welt sie je bewältigen wird. Das Schlimme ist: Selbst wenn man versucht, konsequent das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, landet man zwangsläufig im Wahnsinn. Woher soll man denn wissen, was später einmal wichtig sein wird?

In der Wirtschaftswunderzeit und in den folgenden Jahrzehnten wurde in deutschen Haushalten wie in deutschen Innenstädten rigoros entrümpelt. Man war froh sich endlich etwas leisten zu können. Schick und neu und modern sollte es sein, fort mit dem alten Plunder. Heute sind genau die Dinge wertvoll, die damals achtlos weggeworfen wurden - schließlich sind sie selten. Dafür haben die Dinge, an denen man festhielt, rapide an Wert verloren: Für das sorgsam gehütete, „gute“ Service, das Silberbesteck und die Sammeltassen bekommt man kaum noch Centbeträge. Ist ja auch nicht spülmaschinenfest das Zeug.

Das lässt sich nahtlos auf politische und gesellschaftliche Debatten übertragen. Wenn man in Zeitungs- und anderen Archiven stöbert, fasst man sich manchmal an den Kopf, worüber sich Leute echauffiert haben. Viele große Debatten schrumpfen in der Rückschau. Dafür vollziehen sich bedeutende Veränderungen oft so hinterrücks, heimlich, still und leise, dass sie vom Lärm der Zeitgenossen fast übertönt werden. Und manchmal entsteht diese Kopfschüttel-Kluft eben auch dadurch, dass die Nachgeborenen plötzlich ganz andere Dinge wichtig und wertvoll finden.

Höchstwahrscheinlich wird uns das auch einmal so gehen. Irgendwann werden wir uns sagen lassen müssen, dass wir die falschen Dinge weggeworfen, nutzloses Zeug auf- gehoben und uns überhaupt über die blödsinnigsten Dinge aufgeregt haben. Obwohl: Wenn man sich so manche aktuelle Debatte anschaut, kann das ja auch ein ganz tröst- licher Gedanke sein. Und ansonsten machen wir einfach das, was die Alten verschiedensten Überlieferungen zufolge seit Tausenden von Jahren tun: Wir schimpfen darauf, dass diese Jugend ganz sicher die Schlimmste aller Zeiten sei und der Untergang des Abendlandes - nun aber wirklich! - unmittelbar bevorstehe. Da brauchste dann auch nix mehr aufheben. Ich freue mich drauf.

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Die Tücken der ÜberlieferungNadine ContiVon meiner Ur-Großmutter gibt es nur eine Handvoll Fotografien. Wie von den meisten ihrer Generation, immerhin war Fotografieren einmal eine teure Angelegenheit. Ein Verlobungsbild, ein Hochzeitsfoto, ein paar spätere Schnappschüsse von Familienfeiern. Nicht ein einziges dieser Bilder zeigt sie so, wie ich sie in Erinnerung habe: In einem dieser merkwürdig gemusterten Kittel, die sie an normalen Tagen trug. Erst recht gibt es keines, das sie bei ihrer Lieblingsbeschäftigung zeigt: Boxkämpfe im Fernsehen anschauen. Dafür stand sie auch nachts auf. Setzte sich im Nachthemd und mit aufgedrehten Haaren in die ansonsten dunkle Stube und schlug rechte Geraden und linke Haken in die Luft. So wird es jedenfalls in der Familie kolportiert.Vom ersten Lebensjahr meines Sohnes gibt es 650 Fotodateien. Ab und zu klickt er fasziniert ein wenig darin herum, lässt sich wieder und wieder erklären, dass er „in echt“ mal so klein war. Irgendwann werden sie vermutlich im digitalen Orkus verschwinden. Auf einer kaputten Festplatte, in einer nicht mehr zugänglichen Datencloud, in unlesbar gewordenen Datei- oder Datenträgerformaten. Was im Kleinen für die private Überlieferung gilt, gilt erst recht für den größeren Rahmen. Während die frühen Überlieferungen meist lückenhaft und von seltsamen Zufällen geprägt sind, produziert die Menschheit mittlerweile eine solche Menge an Datenschrott, dass kein Archiv oder Supercomputer der Welt sie je bewältigen wird. Das Schlimme ist: Selbst wenn man versucht, konsequent das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, landet man zwangsläufig im Wahnsinn. Woher soll man denn wissen, was später einmal wichtig sein wird?In der Wirtschaftswunderzeit und in den folgenden Jahrzehnten wurde in deutschen Haushalten wie in deutschen Innenstädten rigoros entrümpelt. Man war froh sich endlich etwas leisten zu können. Schick und neu und modern sollte es sein, fort mit dem alten Plunder. Heute sind genau die Dinge wertvoll, die damals achtlos weggeworfen wurden - schließlich sind sie selten. Dafür haben die Dinge, an denen man festhielt, rapide an Wert verloren: Für das sorgsam gehütete, „gute“ Service, das Silberbesteck und die Sammeltassen bekommt man kaum noch Centbeträge. Ist ja auch nicht spülmaschinenfest das Zeug.Das lässt sich nahtlos auf politische und gesellschaftliche Debatten übertragen. Wenn man in Zeitungs- und anderen Archiven stöbert, fasst man sich manchmal an den Kopf, worüber sich Leute echauffiert haben. Viele große Debatten schrumpfen in der Rückschau. Dafür vollziehen sich bedeutende Veränderungen oft so hinterrücks, heimlich, still und leise, dass sie vom Lärm der Zeitgenossen fast übertönt werden. Und manchmal entsteht diese Kopfschüttel-Kluft eben auch dadurch, dass die Nachgeborenen plötzlich ganz andere Dinge wichtig und wertvoll finden.Höchstwahrscheinlich wird uns das auch einmal so gehen. Irgendwann werden wir uns sagen lassen müssen, dass wir die falschen Dinge weggeworfen, nutzloses Zeug auf- gehoben und uns überhaupt über die blödsinnigsten Dinge aufgeregt haben. Obwohl: Wenn man sich so manche aktuelle Debatte anschaut, kann das ja auch ein ganz tröst- licher Gedanke sein. Und ansonsten machen wir einfach das, was die Alten verschiedensten Überlieferungen zufolge seit Tausenden von Jahren tun: Wir schimpfen darauf, dass diese Jugend ganz sicher die Schlimmste aller Zeiten sei und der Untergang des Abendlandes - nun aber wirklich! - unmittelbar bevorstehe. Da brauchste dann auch nix mehr aufheben. Ich freue mich drauf.