Wenn die Welt Kopf steht: Der querschnittsgelähmte Henri Thielking startet mit seinem Zwillingsbruder Mats bei Schwimmwettkämpfen Jörg Wehling Hille. Wer Zwillinge hat, der kennt vielleicht die Eigenarten, die das Großziehen so mit sich bringt. Doppelte Kraft ist bei den Eltern in jeder Hinsicht gefragt. Untereinander können die beiden Gleichaltrigen einerseits zusammen spielen. Aber manchmal wird auch gezankt. Der häufige Knackpunkt: Wer darf zuerst was machen und wer muss zunächst hinten anstehen? Auch die Suche nach dem Hobby oder der richtigen Sportart kann so ihre Tücken haben. In vielerlei Hinsicht stehen die zehnjährigen Mats und Henri anderen Zwillingen damit wohl in nichts nach. Und dennoch ist vieles anders. Denn Henri hat eine angeborene Querschnittslähmung. Das hindert die beiden allerdings nicht daran, ein gemeinsames Hobbys zu betreiben. Und das ist Schwimmen. „Bei ihrem ersten gemeinsamen Wettbewerb haben sie schon sehr gut gezeigt, was sie können und was möglich ist“, lobt ihr Schwimmtrainer Horst Beneker.Die beiden starteten vor kurzem gemeinsam für die BSG Espelkamp beim Kurzbahn-Cup in Remscheid. Dabei handelt es sich um einen Wettbewerb mit inklusiven Wettkämpfen, das heißt, Kinder und Jugendliche mit und ohne körperliche Einschränkung gehen gemeinsam an den Start. Henri startet aufgrund seines Handycaps im Wasser, während Mats vom Startblock springt. Ihre Disziplinen sind vielfältig, Freistil, Brust und Rückenschwimmen gehören dazu. Mit beachtlichen Ergebnissen der beiden Nachwuchsschwimmer. „Beide haben früh das Schwimmen gelernt und sie haben richtig Spaß daran“, sagt Caroline Thielking, die Mutter der Zwillinge. Weil es für die Hille wohnende Familie in der Region keine passenden Möglichkeiten gibt, ihren Kindern den Sport zu ermöglichen, fahren sie nach Espelkamp. Dort haben sie mit Schwimmtrainer Horst Beneker, Jugendwart der BSG Espelkamp, einen Förderer, der die beiden Jungen sportlich nach vorne bringt. „Es war ihr erster großer Wettkampf und sie haben sich unabhängig von der Platzierung großartig geschlagen“, berichtet Beneker. Beeindruckend dabei: Mats und Henri schwammen dort fast die gleiche Zeit, obwohl Henri ohne den Beinschlag auskommen muss, aber dafür umso mehr mit den Armen arbeitet. Was Henri am liebsten spielen würde? Da steht er seinem gleichaltrigen Bruder in nichts nach. „Am liebsten Fußball“, sagt Henri, der im Alltag viel zu häufig hört, dass er etwas aufgrund seiner Einschränkung nicht kann. Doch der Zehnjährige beweist oft auch das Gegenteil. Er zeigt, dass er mehr kann, als jemand, der ohne Einschränkung auskommt.„Fußball an Krücken habe ich schon im Fernsehen gesehen“, sagt Henri. Und bei Arminia Bielefeld hat er sich Wheel Soccer, Fußball im Rolli, angeschaut. Auch Rollstuhl-Basketball ist etwas, was er gerne einmal ausprobieren möchte. „Henri ist ein Bewegungstalent“, sagt Horst Beneker über seinen Schützling. Turnübungen wie einen Handstand kann er problemlos, wenn er seine Orthese an den Beinen anhand. Eigentlich dient ihm das Hilfsmittel dazu, kurze Wege zu gehen. Im Garten zeigt er dann noch mehr, zum Beispiel, dass er auf Händen laufen kann. „Das macht er schon seit seinem dritten Lebensjahr“, berichtet Henris Mutter. Bei all der Freude und dem unfassbar großen Einsatz, den die Familie zeigt, und wie scheinbar problemlos Henri mit seiner Einschränkung umgeht, verdeutlicht es aber auch eine Fülle von Problemen – weil der zeitliche Aufwand immens ist. Das Schwimmtraining findet in Espelkamp statt, bei einem Wettkampf wie in Remscheid geht es für die Familie am Wochenende um fünf Uhr los, damit sie um 8 Uhr am Wettkampfort sind. „Hier vor Ort in der Region hat man wenig Möglichkeiten“, sagt die Hillerin, denn inklusive Wettkampfangebote sind in Ostwestfalen rar gesät. Neben dem OWL-Wettkampf in Lübbecke gehen die Fahrten meist nach Wuppertal, Hamm oder eben auch nach Remscheid. Wie wichtig ein Verein wie die BSG Espelkamp ist, das erklärt Henris Mutter so: „Für uns ist der Verein ein Ort, an dem man sich mit Gleichgesinnten treffen und wo man Gespräche auf Augenhöhe führen kann. Denn oft kommt es darauf an, auch die richtigen Leute kennenzulernen, damit die Kinder gefördert werden können. So gesehen haben wir wirklich Glück gehabt.“ Den Sport in den Alltag zu integrieren erfordert eine logistische Meisterleistung für die Familie, denn beide Elternteile arbeiten im Schichtdienst. Henri muss vier Mal die Woche zur Therapie, montags ist Rehasport in Espelkamp und am Wochenende folgen Wettkämpfe. In vielen Ferien, wie den jüngsten Herbstferien, stehen Fahrten zu Operationen an, damit Henri seine Beweglichkeit behält.In der Schule gehen Mats und Henri in eine Klasse, obwohl im allgemeinen geraten wird, das Zwillinge in unterschiedliche Klassen gehen sollten. „In unserem Fall ist das eher schlecht, weil die Zeit für uns ohnehin schon knapp genug ist.“Die Zusammenarbeit mit der Verbund-Schule Hille funktioniert im übrigen sehr gut, die Hilfsbereitschaft ist groß. Schwierigkeiten bereitet, wie an anderen Schulen im Land auch, die Suche nach einem Integrationshelfer, also jemand, der sich um Henri kümmert, wenn Hilfe notwendig ist. Diesen Part übernimmt dann Mats, der gleichaltrige aber irgendwo auch große Zwillingsbruder. ZUM THEMA: Reha-Sport in Espelkamp Reha-Sport richtet sich an Menschen mit funktionellen körperlichen, mentalen, neurologischen, psychischen und Sinnesbeeinträchtigungen. Mit den Mitteln des Sports soll der Gesundheitszustand jedes Einzelnen stabilisiert oder verbessert werden. Neben der Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit trägt der Reha-Sport dazu bei, positive Effekte im psychosozialen Bereich, z.B. Steigerung des Wohlbefindens, des Selbstwertgefühles und der sozialen Kontaktfähigkeit, zu erzielen. Für betroffenen Menschen stellt der Reha-Sport außerdem eine wirksame Hilfe zur Selbsthilfe dar.Angebote in einer BSG gibt es in Bad Oeynhausen und in Espelkamp. In der Sportjugend der BSG Espelkamp sind Angebote für Kinder und Jugendliche zusammen gefasst. Es gibt dort unter anderem die Gruppen Sport, Spiel und Spaß, Wassergewöhnung, Wasserbewältigung und Anfängerschwimmen.

Wenn die Welt Kopf steht: Der querschnittsgelähmte Henri Thielking startet mit seinem Zwillingsbruder Mats bei Schwimmwettkämpfen

Ein bisschen Posen für Kamera: Mats und Henri im Garten auf der Hollywood-Schaukel. MT-Foto: Wehling © Jörg Wehling

Hille. Wer Zwillinge hat, der kennt vielleicht die Eigenarten, die das Großziehen so mit sich bringt. Doppelte Kraft ist bei den Eltern in jeder Hinsicht gefragt. Untereinander können die beiden Gleichaltrigen einerseits zusammen spielen. Aber manchmal wird auch gezankt. Der häufige Knackpunkt: Wer darf zuerst was machen und wer muss zunächst hinten anstehen? Auch die Suche nach dem Hobby oder der richtigen Sportart kann so ihre Tücken haben.

In vielerlei Hinsicht stehen die zehnjährigen Mats und Henri anderen Zwillingen damit wohl in nichts nach. Und dennoch ist vieles anders. Denn Henri hat eine angeborene Querschnittslähmung. Das hindert die beiden allerdings nicht daran, ein gemeinsames Hobbys zu betreiben. Und das ist Schwimmen. „Bei ihrem ersten gemeinsamen Wettbewerb haben sie schon sehr gut gezeigt, was sie können und was möglich ist“, lobt ihr Schwimmtrainer Horst Beneker.

Die beiden starteten vor kurzem gemeinsam für die BSG Espelkamp beim Kurzbahn-Cup in Remscheid. Dabei handelt es sich um einen Wettbewerb mit inklusiven Wettkämpfen, das heißt, Kinder und Jugendliche mit und ohne körperliche Einschränkung gehen gemeinsam an den Start. Henri startet aufgrund seines Handycaps im Wasser, während Mats vom Startblock springt. Ihre Disziplinen sind vielfältig, Freistil, Brust und Rückenschwimmen gehören dazu. Mit beachtlichen Ergebnissen der beiden Nachwuchsschwimmer.

Spezielle Schienen an den Beinen ermöglichen es Henri, auf Händen durch den Garten zu balancieren. MT-Foto: Jörg Wehling - © Jörg Wehling
Spezielle Schienen an den Beinen ermöglichen es Henri, auf Händen durch den Garten zu balancieren. MT-Foto: Jörg Wehling - © Jörg Wehling

„Beide haben früh das Schwimmen gelernt und sie haben richtig Spaß daran“, sagt Caroline Thielking, die Mutter der Zwillinge. Weil es für die Hille wohnende Familie in der Region keine passenden Möglichkeiten gibt, ihren Kindern den Sport zu ermöglichen, fahren sie nach Espelkamp. Dort haben sie mit Schwimmtrainer Horst Beneker, Jugendwart der BSG Espelkamp, einen Förderer, der die beiden Jungen sportlich nach vorne bringt. „Es war ihr erster großer Wettkampf und sie haben sich unabhängig von der Platzierung großartig geschlagen“, berichtet Beneker. Beeindruckend dabei: Mats und Henri schwammen dort fast die gleiche Zeit, obwohl Henri ohne den Beinschlag auskommen muss, aber dafür umso mehr mit den Armen arbeitet.

Mats und Henri beim Schwimmtraining. Foto: privat - © fgh
Mats und Henri beim Schwimmtraining. Foto: privat - © fgh

Was Henri am liebsten spielen würde? Da steht er seinem gleichaltrigen Bruder in nichts nach. „Am liebsten Fußball“, sagt Henri, der im Alltag viel zu häufig hört, dass er etwas aufgrund seiner Einschränkung nicht kann. Doch der Zehnjährige beweist oft auch das Gegenteil. Er zeigt, dass er mehr kann, als jemand, der ohne Einschränkung auskommt.

„Fußball an Krücken habe ich schon im Fernsehen gesehen“, sagt Henri. Und bei Arminia Bielefeld hat er sich Wheel Soccer, Fußball im Rolli, angeschaut. Auch Rollstuhl-Basketball ist etwas, was er gerne einmal ausprobieren möchte. „Henri ist ein Bewegungstalent“, sagt Horst Beneker über seinen Schützling. Turnübungen wie einen Handstand kann er problemlos, wenn er seine Orthese an den Beinen anhand. Eigentlich dient ihm das Hilfsmittel dazu, kurze Wege zu gehen. Im Garten zeigt er dann noch mehr, zum Beispiel, dass er auf Händen laufen kann. „Das macht er schon seit seinem dritten Lebensjahr“, berichtet Henris Mutter.

Bei all der Freude und dem unfassbar großen Einsatz, den die Familie zeigt, und wie scheinbar problemlos Henri mit seiner Einschränkung umgeht, verdeutlicht es aber auch eine Fülle von Problemen – weil der zeitliche Aufwand immens ist. Das Schwimmtraining findet in Espelkamp statt, bei einem Wettkampf wie in Remscheid geht es für die Familie am Wochenende um fünf Uhr los, damit sie um 8 Uhr am Wettkampfort sind. „Hier vor Ort in der Region hat man wenig Möglichkeiten“, sagt die Hillerin, denn inklusive Wettkampfangebote sind in Ostwestfalen rar gesät. Neben dem OWL-Wettkampf in Lübbecke gehen die Fahrten meist nach Wuppertal, Hamm oder eben auch nach Remscheid.

Wie wichtig ein Verein wie die BSG Espelkamp ist, das erklärt Henris Mutter so: „Für uns ist der Verein ein Ort, an dem man sich mit Gleichgesinnten treffen und wo man Gespräche auf Augenhöhe führen kann. Denn oft kommt es darauf an, auch die richtigen Leute kennenzulernen, damit die Kinder gefördert werden können. So gesehen haben wir wirklich Glück gehabt.“

Den Sport in den Alltag zu integrieren erfordert eine logistische Meisterleistung für die Familie, denn beide Elternteile arbeiten im Schichtdienst. Henri muss vier Mal die Woche zur Therapie, montags ist Rehasport in Espelkamp und am Wochenende folgen Wettkämpfe. In vielen Ferien, wie den jüngsten Herbstferien, stehen Fahrten zu Operationen an, damit Henri seine Beweglichkeit behält.

In der Schule gehen Mats und Henri in eine Klasse, obwohl im allgemeinen geraten wird, das Zwillinge in unterschiedliche Klassen gehen sollten. „In unserem Fall ist das eher schlecht, weil die Zeit für uns ohnehin schon knapp genug ist.“

Die Zusammenarbeit mit der Verbund-Schule Hille funktioniert im übrigen sehr gut, die Hilfsbereitschaft ist groß. Schwierigkeiten bereitet, wie an anderen Schulen im Land auch, die Suche nach einem Integrationshelfer, also jemand, der sich um Henri kümmert, wenn Hilfe notwendig ist. Diesen Part übernimmt dann Mats, der gleichaltrige aber irgendwo auch große Zwillingsbruder.

ZUM THEMA: Reha-Sport in Espelkamp

Reha-Sport richtet sich an Menschen mit funktionellen körperlichen, mentalen, neurologischen, psychischen und Sinnesbeeinträchtigungen. Mit den Mitteln des Sports soll der Gesundheitszustand jedes Einzelnen stabilisiert oder verbessert werden. Neben der Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit trägt der Reha-Sport dazu bei, positive Effekte im psychosozialen Bereich, z.B. Steigerung des Wohlbefindens, des Selbstwertgefühles und der sozialen Kontaktfähigkeit, zu erzielen. Für betroffenen Menschen stellt der Reha-Sport außerdem eine wirksame Hilfe zur Selbsthilfe dar.

Angebote in einer BSG gibt es in Bad Oeynhausen und in Espelkamp. In der Sportjugend der BSG Espelkamp sind Angebote für Kinder und Jugendliche zusammen gefasst. Es gibt dort unter anderem die Gruppen Sport, Spiel und Spaß, Wassergewöhnung, Wasserbewältigung und Anfängerschwimmen.

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