Stadt, Land, Buch: Warum Autorin Elina Penner vor drei Jahren von Berlin nach Petershagen zog Claudia Hyna Petershagen. Wo kriegt man die unglaubliche Ruhe eines 1. Januar an jedem einzelnen Tag? Nur auf dem Land, hat Elina Penner festgestellt. Und genau deshalb wohnt die freiberufliche Autorin mit ihrer Familie seit gut drei Jahren in Petershagen. Die Entscheidung, von Berlin aufs Land zu ziehen, kann eine jahrelange Entwicklung sein. Bei Elina Penner reichten wenige Wochen, in denen alles zusammenbrach. Es fing damit an, dass die neue Kita, die ihr Kind besuchen sollte, später eröffnete als geplant. Für zwei Vollzeit-Berufstätige in der Hauptstadt Grund genug, um den Katastrophenalarm auszurufen. Dann wurde sie während ihrer Schwangerschaft von heute auf morgen entlassen. Die Kündigung nahm der Arbeitgeber zwar zurück, kurz darauf verlor Elina Penner ihr ungeborenes Kind. Die überwältigende Einsamkeit dieses Moments, als sie mangels Kinderbetreuung alleine die OP überstehen musste und danach alleine nach Hause zurückkehrte, hat sie in einem Essay verarbeitet. Sieben Jahre lang lebte sie damals in Berlin. Dieser harte Sommer 2017 zeigte ihr überdeutlich, dass „man Berlin lieben muss, um dort zu leben“. Mit ihrem Mann und dem Kind wohnte sie über einem „Späti“, neben einem Restaurant und unter Menschen, also immer mit zahlreichen Geräuschen, in der eigentlich „schönsten Wohnung der Welt“. Aber auch die konnte das, was fehlte, nicht ersetzen. Und auch nicht das, was zu viel war: nachts davon aufzuwachen, dass jemand Altglas wegschmeißt, mit Hunderten Kindern zu einem Turnkurs zu gehen und ständig beladen mit Einkäufen, Kleinkind und Laptop durch die Straßen zu hetzen. Bis acht Uhr morgens sei sie maximal gestresst gewesen. Die damals 30-Jährige stellte für sich fest: Großstadtleben macht mit kleinen Kindern keinen Spaß. Sie wollte etwas anderes und zwar ein Haus in einer ländlichen Region, das bezahlbar ist. In Berlin sowieso utopisch. Zunächst suchten sie rund um Bielefeld und Gütersloh, weil sie dort einen Job fand. Diesen Plan verwarfen sie angesichts des Preisniveaus. „Da kommt mein ostwestfälischer Pragmatismus durch“, sagt Elina Penner. Wenige Monate später fand die Familie ein Haus im Stadtgebiet Petershagens, der Umzug folgte im Februar 2018. Es war ein Siebziger-Jahre-Bau, den keiner haben wollte, wohl weil es wenig Stellwände und sieben Meter hohe Decken gibt. „Wir mögen das sehr.“ Mit einem Auge fürs Detail und mit vielen Vintagemöbeln haben sie es zu ihrem Haus gemacht, den Stil aber beibehalten. Dass sich die Autorin hier so wohl fühlt, hat mit ihrer Biografie zu tun. 1987 kam sie als mennonitische Deutsche in der damaligen Sowjetunion zur Welt. Russisch lernte sie im sowjetischen Kindergarten, Deutsch nach ihrer Übersiedlung nach Petershagen 1991. 1993 zog die Familie ins eigene Haus in Frille. „Ich sage immer: Ich bin in einer Postkarte aufgewachsen.“ Nach Besuch der Kita Lahde und der Grundschule Frille ging es zum Gymnasium Petershagen. In guter Erinnerung geblieben sind ihr der Theater-AG-Leiter Rainer Hoock, der Lehrer Wolfgang Battermann und die damalige Bücherei-Leiterin Bärbel Linnemeier. Diese hätten ihr – Studierende erster Generation und Arbeiterkind – den Weg in die Zukunft geebnet. Schon während der Schulzeit verbrachte die 16-Jährige ein Jahr in den USA als Stipendiatin des Deutschen Bundestages, nach dem Abitur folgte ein einjähriger Au-pair-Aufenthalt in Virginia. Dem schloss sich ein Studium der Politikwissenschaft und Amerikanistik in Regensburg an, 2011 folgte der Umzug nach Berlin, wo sie ihren Master an der Humboldt-Universität machte und hängenblieb. Aus ihrer ersten Zeit in der Hauptstadt existieren Tagebucheinträge. Dort schreibt sie, wie schwierig sie die Stadt fand. Später waren es die Einsamkeit junger Eltern in der Großstadt und das fehlende soziale Netz, die den Alltag bestimmten. Die Großeltern kamen zwar häufig zu Besuch, doch das war kein Ersatz, sagt sie. Und ihr Mann, der deutlich länger in Berlin lebte, hatte ohnehin genug vom Leben dort. Elina Penner wollte einen anderen Lebensmittelpunkt mit der vollen familiären Bandbreite, Großeltern, Tanten, Cousinen, alle wohnten in Petershagen. Während von Berlin alles weit entfernt war, liegt Ostwestfalen zentral, viele Großstädte sind gut erreichbar, ob mit dem Auto oder mit dem Zug. Zum Beispiel Bielefeld. Dahin geht es von Zeit zu Zeit mit der Familie zum Sushi-Essen – denn wenn es etwas gibt, das sie vermisst, dann das. Aber die 34-Jährige meckert nicht über die Infrastruktur, denn die sei gut. Allein die Auswahl an Hofmärkten, da brauche es keinen Bioladen. Alles ist da, alles nah, und die Leute seien so entspannt. Inspiration für ihr Buch, das im Frühjahr erscheint, holt Elina Penner sich auch auf Reisen, die sie als Moderatorin, Seminarleiterin, für Interviews oder Produkttests unternimmt. Dass sie häufig unterwegs ist, bringt unter anderem ihr Job als Leiterin eines Berliner Online-Magazins mit sich. Doch eigentlich muss die Autorin nicht weit fahren, um Ideen zu sammeln, oft reicht ein Besuch im Supermarkt oder bei ihren Eltern. Von wegen dröge Ostwestfalen, sie erlebt die Menschen in der Region als „unfassbar witzig“. Und so ist ihr Buch mit dem Titel „Nachtbeeren“ ein absurder Familienroman geworden. Dazu ging sie im Januar dieses Jahres für eine kurze Zeit in den Keller ihres Eigenheims, der größte Teil des 250-seitigen Manuskripts entstand bis Mai im Co-Working Space Minden. „Monatelang gab es kein anderes Leben.“ Das StartMIndenUp ist für sie zu einem wichtigen Ort geworden – und ein wesentlicher Teil der Infrastruktur vieler Selbstständiger und Freiberufler, sagt sie. Biografisch geprägt sei der Roman, aber es sei keine Autobiografie. Es geht um Migration, um Auffanglager, um historische Ereignisse, die Traumata einer Volksgruppe – und um Hagemeyer. Mehr darf sie nicht verraten, das ist mit dem Aufbau-Verlag so abgemacht. Aktuell schreibt Elina Penner an ihrem zweiten Buch. „Ich bin ein totales Arbeitstier.“ Auch das sei Teil ihrer Sozialisierung. Denn was für andere ihrer Generation selbstverständlich war, war für sie alles andere als das: Gymnasium, Studium, Auslandsaufenthalt und jetzt ein Buch in einem renommierten Verlag zu veröffentlichen. „Manchmal muss ich mich selber kneifen.“

Stadt, Land, Buch: Warum Autorin Elina Penner vor drei Jahren von Berlin nach Petershagen zog

Ein Haus mit viel Grün drumherum – und doch ist alles gut erreichbar. Ganz wichtig für Elina Penner ist auch, dass ihre Familie in der Nähe wohnt. Foto: Kai Senf © sen

Petershagen. Wo kriegt man die unglaubliche Ruhe eines 1. Januar an jedem einzelnen Tag? Nur auf dem Land, hat Elina Penner festgestellt. Und genau deshalb wohnt die freiberufliche Autorin mit ihrer Familie seit gut drei Jahren in Petershagen.

Die Entscheidung, von Berlin aufs Land zu ziehen, kann eine jahrelange Entwicklung sein. Bei Elina Penner reichten wenige Wochen, in denen alles zusammenbrach. Es fing damit an, dass die neue Kita, die ihr Kind besuchen sollte, später eröffnete als geplant. Für zwei Vollzeit-Berufstätige in der Hauptstadt Grund genug, um den Katastrophenalarm auszurufen. Dann wurde sie während ihrer Schwangerschaft von heute auf morgen entlassen. Die Kündigung nahm der Arbeitgeber zwar zurück, kurz darauf verlor Elina Penner ihr ungeborenes Kind.

Die Autorin wohnt mit ihrer Familie in einem Haus im 70er-Jahre-Stil in Petershagen. - © Kai Senf
Die Autorin wohnt mit ihrer Familie in einem Haus im 70er-Jahre-Stil in Petershagen. - © Kai Senf

Die überwältigende Einsamkeit dieses Moments, als sie mangels Kinderbetreuung alleine die OP überstehen musste und danach alleine nach Hause zurückkehrte, hat sie in einem Essay verarbeitet. Sieben Jahre lang lebte sie damals in Berlin. Dieser harte Sommer 2017 zeigte ihr überdeutlich, dass „man Berlin lieben muss, um dort zu leben“. Mit ihrem Mann und dem Kind wohnte sie über einem „Späti“, neben einem Restaurant und unter Menschen, also immer mit zahlreichen Geräuschen, in der eigentlich „schönsten Wohnung der Welt“. Aber auch die konnte das, was fehlte, nicht ersetzen.

Elina Penner sitzt vor ihrem Bücherregal - die Exemplare sind farblich sortiert. - © Kai Senf
Elina Penner sitzt vor ihrem Bücherregal - die Exemplare sind farblich sortiert. - © Kai Senf

Und auch nicht das, was zu viel war: nachts davon aufzuwachen, dass jemand Altglas wegschmeißt, mit Hunderten Kindern zu einem Turnkurs zu gehen und ständig beladen mit Einkäufen, Kleinkind und Laptop durch die Straßen zu hetzen. Bis acht Uhr morgens sei sie maximal gestresst gewesen.

Die damals 30-Jährige stellte für sich fest: Großstadtleben macht mit kleinen Kindern keinen Spaß. Sie wollte etwas anderes und zwar ein Haus in einer ländlichen Region, das bezahlbar ist. In Berlin sowieso utopisch. Zunächst suchten sie rund um Bielefeld und Gütersloh, weil sie dort einen Job fand. Diesen Plan verwarfen sie angesichts des Preisniveaus. „Da kommt mein ostwestfälischer Pragmatismus durch“, sagt Elina Penner. Wenige Monate später fand die Familie ein Haus im Stadtgebiet Petershagens, der Umzug folgte im Februar 2018. Es war ein Siebziger-Jahre-Bau, den keiner haben wollte, wohl weil es wenig Stellwände und sieben Meter hohe Decken gibt. „Wir mögen das sehr.“ Mit einem Auge fürs Detail und mit vielen Vintagemöbeln haben sie es zu ihrem Haus gemacht, den Stil aber beibehalten.

Dass sich die Autorin hier so wohl fühlt, hat mit ihrer Biografie zu tun. 1987 kam sie als mennonitische Deutsche in der damaligen Sowjetunion zur Welt. Russisch lernte sie im sowjetischen Kindergarten, Deutsch nach ihrer Übersiedlung nach Petershagen 1991. 1993 zog die Familie ins eigene Haus in Frille. „Ich sage immer: Ich bin in einer Postkarte aufgewachsen.“ Nach Besuch der Kita Lahde und der Grundschule Frille ging es zum Gymnasium Petershagen. In guter Erinnerung geblieben sind ihr der Theater-AG-Leiter Rainer Hoock, der Lehrer Wolfgang Battermann und die damalige Bücherei-Leiterin Bärbel Linnemeier. Diese hätten ihr – Studierende erster Generation und Arbeiterkind – den Weg in die Zukunft geebnet.

Schon während der Schulzeit verbrachte die 16-Jährige ein Jahr in den USA als Stipendiatin des Deutschen Bundestages, nach dem Abitur folgte ein einjähriger Au-pair-Aufenthalt in Virginia. Dem schloss sich ein Studium der Politikwissenschaft und Amerikanistik in Regensburg an, 2011 folgte der Umzug nach Berlin, wo sie ihren Master an der Humboldt-Universität machte und hängenblieb. Aus ihrer ersten Zeit in der Hauptstadt existieren Tagebucheinträge. Dort schreibt sie, wie schwierig sie die Stadt fand. Später waren es die Einsamkeit junger Eltern in der Großstadt und das fehlende soziale Netz, die den Alltag bestimmten. Die Großeltern kamen zwar häufig zu Besuch, doch das war kein Ersatz, sagt sie. Und ihr Mann, der deutlich länger in Berlin lebte, hatte ohnehin genug vom Leben dort.

Elina Penner wollte einen anderen Lebensmittelpunkt mit der vollen familiären Bandbreite, Großeltern, Tanten, Cousinen, alle wohnten in Petershagen. Während von Berlin alles weit entfernt war, liegt Ostwestfalen zentral, viele Großstädte sind gut erreichbar, ob mit dem Auto oder mit dem Zug. Zum Beispiel Bielefeld. Dahin geht es von Zeit zu Zeit mit der Familie zum Sushi-Essen – denn wenn es etwas gibt, das sie vermisst, dann das. Aber die 34-Jährige meckert nicht über die Infrastruktur, denn die sei gut. Allein die Auswahl an Hofmärkten, da brauche es keinen Bioladen. Alles ist da, alles nah, und die Leute seien so entspannt.

Inspiration für ihr Buch, das im Frühjahr erscheint, holt Elina Penner sich auch auf Reisen, die sie als Moderatorin, Seminarleiterin, für Interviews oder Produkttests unternimmt. Dass sie häufig unterwegs ist, bringt unter anderem ihr Job als Leiterin eines Berliner Online-Magazins mit sich. Doch eigentlich muss die Autorin nicht weit fahren, um Ideen zu sammeln, oft reicht ein Besuch im Supermarkt oder bei ihren Eltern. Von wegen dröge Ostwestfalen, sie erlebt die Menschen in der Region als „unfassbar witzig“. Und so ist ihr Buch mit dem Titel „Nachtbeeren“ ein absurder Familienroman geworden. Dazu ging sie im Januar dieses Jahres für eine kurze Zeit in den Keller ihres Eigenheims, der größte Teil des 250-seitigen Manuskripts entstand bis Mai im Co-Working Space Minden. „Monatelang gab es kein anderes Leben.“ Das StartMIndenUp ist für sie zu einem wichtigen Ort geworden – und ein wesentlicher Teil der Infrastruktur vieler Selbstständiger und Freiberufler, sagt sie.

Biografisch geprägt sei der Roman, aber es sei keine Autobiografie. Es geht um Migration, um Auffanglager, um historische Ereignisse, die Traumata einer Volksgruppe – und um Hagemeyer. Mehr darf sie nicht verraten, das ist mit dem Aufbau-Verlag so abgemacht. Aktuell schreibt Elina Penner an ihrem zweiten Buch. „Ich bin ein totales Arbeitstier.“ Auch das sei Teil ihrer Sozialisierung. Denn was für andere ihrer Generation selbstverständlich war, war für sie alles andere als das: Gymnasium, Studium, Auslandsaufenthalt und jetzt ein Buch in einem renommierten Verlag zu veröffentlichen. „Manchmal muss ich mich selber kneifen.“

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