Nach Missbrauch im Kindesalter: So hilft Assistenzhund Pippa seiner Besitzerin zurück ins Leben Lea Oetjen Minden. Sie ist spürbar angespannt, schafft es kaum ihren Blick vom Boden zu heben. Annika Tiedemann-Voß hat Angst. Menschen machen ihr Angst. Sie hält ein Glas mit Limonade in der Hand, versucht so ihr Zittern zu verstecken. Die Mindenerin wurde im Kindesalter missbraucht. Seitdem hat die 35-Jährige mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen. Jahrelang bestimmten Panikattacken ihren Alltag – bis Pippa in ihr Leben trat und Annika Tiedemann-Voß damit wieder sehr viel Lebensqualität schenkte. Pippa ist eine Mischlingshündin – halb Labrador, halb Golden Retriever. Sie ist der Grund, warum sich die Mindenerin dazu entschieden hat, sich einer ihr so herausfordernden Situation zu stellen. Ein Gespräch mit einer fremden Person? Eigentlich undenkbar. Doch die 35-Jährige will aufklären, sensibilisieren und vor allem aufzeigen, wie wichtig Assistenzhunde sind. „Ich höre immer wieder echte Horror-Geschichten“, begründet Tiedemann-Voß und nennt Beispiele: „Manche Menschen mit Assistenzhund werden beleidigt, bedroht oder sogar irgendwo rausgeschmissen. Das sind für mich Situationen, mit denen ich so nicht umgehen könnte“, gesteht die Mindenerin. Zu groß sei die Panik vor einer Konfrontation: „Ich habe einfach Angst vor Menschen, Angst das Haus zu verlassen alleine.“ Selbst in den Supermarkt gehe sie nur ungern. „Früher hatte in jedem Laden eine Ecke, wo ich wusste, dass da wenig los ist. Das war für mich unheimlich wichtig. Es war ein Zufluchtsort. Ein Ort, wo ich hinkann, wenn ich Panik kriege“, erzählt die 35-Jährige. Ihr sei bewusst, dass viele Menschen das nicht nachvollziehen können. Aber: „Das sind wirklich so die schlimmsten Sachen für mich. Ich war einfach völlig ans Haus gefesselt.“ 2014 war Tiedemann-Voß psychisch in einer besonders schlechten Verfassung, musste sogar ihr Studium abbrechen. „Da haben meine Eltern gemerkt, dass mir ihr Hund sehr gut tut. Es war eine Zeit in der ich nicht alleine sein konnte. Wenn mein Mann nicht zuhause war, war ich bei meinen Eltern. Da habe ich immer mit deren Hund gekuschelt“, berichtet sie. Wenig später hat sie das Tier dann geschenkt bekommen. Ihre psychische Gesundheit hat sich dadurch stark verbessert. Fünf Jahre hatten die beiden dann noch, ehe der Hund im Alter von 16 Jahren starb. 2019, nach dem Verlust des so liebgewonnenen Tieres, fiel Tiedemann-Voß in ein tiefes Loch. „Da hatte ich wirklich von morgens bis abends Panikattacken“, offenbart sie und beschreibt kurz, wie sie sich in solchen Momenten fühlt: „Mein Herz rast, ich spüre förmlich das Adrenalin. Ich habe das Gefühl, dass meine Haut brennt. Ich habe Magenschmerzen, Übelkeit, Schwindel. Das ist schwer zu erklären, aber es ist einfach unerträglich.“ Die Monate ohne einen Hunde an der Seite waren sehr schwer für die 35-Jährige. Ihr Ehemann sei in dieser Phase ein wichtiger Halt gewesen. „Ich wüsste nicht, wo ich heute ohne ihn wäre“, sagt sie. Mit Pippa habe er es geschafft, seine Frau aus dem emotionalen Tief herauszuholen. „Für mich stand schnell fest, dass ich wieder einen Hund brauche. Und Pippa hat mir von Anfang an unglaublich viel Sicherheit gegeben. Ich konnte das erste Mal wieder alleine das Haus verlassen.“ Alltägliche Dinge, wie ein Arztbesuch oder ein Termin bei einer Behörde habe sie nach langer Zeit wieder selbst erledigen können, erzählt Annika Tiedemann-Voß stolz. Sie muss instinktiv lächeln, als sie merkt, dass Pippa, die zu ihren Füßen liegt, mittlerweile eingeschlafen ist. Wie sich die Hündin in der Öffentlichkeit zu verhalten hat, lernt sie in einer speziellen Hundeschule für Assistenzhunde im niedersächsischen Glandorf. Anstatt auf Kommandos wie Sitz und Platz liegt der Fokus unter anderem auf dem richtigen Verhalten im Supermarkt, dem Wecken aus Alpträumen und auch auf dem Kuscheln. „Das bringt mir viel. Beim Kuscheln wird Oxytocin ausgeschüttet, das mich sehr beruhigt und glücklich macht“, erzählt Tiedemann-Voß. Das Erlernte wird übrigens auch geprüft – in Theorie und Praxis. Dass Pippa eines Tages ein anerkannter Assistenzhund ist, kostet die 35-Jährige nicht nur Zeit. Die Ausbildung kostet mehr als 10.000 Euro, die Krankenkasse zahlt das nicht – „es ist halt eine psychische Erkrankung, das ist wahrscheinlich das Problem“, vermutet die Mindenerin. Sie hat in der Vergangenheit immer wieder spüren müssen, dass man damit nicht immer ernstgenommen werde. „Es ist so, dass wenn Ärzte hören, dass ich eine psychische Diagnose habe, dass auch sämtliche körperliche Leiden direkt auf meine Psyche geschoben werden und mir dann nicht geholfen wird“, erzählt sie kopfschüttelnd. Solche negativen Erfahrungen würden sie nachhaltig prägen. Davon komplett runterziehen lassen, will sich Annika Tiedemann-Voß aber nicht. Die Kraft dafür sammelt die 35-Jährige auf einem Reiterhof in Petershagen – dort beteiligt sie sich an der Pflege der Pferde. „Das ist echt Balsam für die Seele. Pippa liebt es da auch.“ Als die Mindenerin den Namen ihrer Hündin ausspricht, guckt diese kurz hoch, schläft dann aber direkt weiter. Das Duo fühlt sich super wohl auf dem Reiterhof – auch wenn das erst einmal gedauert hat. „Ich musste erst einmal ankommen und Vertrauen fassen. Aber inzwischen ist es wirklich toll so wie es da ist“, betont sie. Während sie von ihrem Hobby erzählt, strahlen ihre Augen. Sie hat ihren Kopf inzwischen gehoben, sucht sogar Blickkontakt. Es ist nicht zu übersehen, wie fixiert die beiden aufeinander sind. „Sie gibt mir wirklich viel, sie lässt mich leben. Ich kann allen, die mit ähnlichen Ängsten kämpfen, nur empfehlen, sich tierischen Beistand zu holen“, appelliert Annika Tiedemann-Voß.

Nach Missbrauch im Kindesalter: So hilft Assistenzhund Pippa seiner Besitzerin zurück ins Leben

Bunte Kleidung, ein Lächeln auf den Lippen: Annika Tiedemann-Voß sind ihre Ängste nicht anzusehen. Pippa gibt ihr Halt. Der Labrador-Mix ist der Assistenzhund der 35-Jährigen, die eine posttraumatische Belastungsstörung hat. © Lea Oetjen

Minden. Sie ist spürbar angespannt, schafft es kaum ihren Blick vom Boden zu heben. Annika Tiedemann-Voß hat Angst. Menschen machen ihr Angst. Sie hält ein Glas mit Limonade in der Hand, versucht so ihr Zittern zu verstecken. Die Mindenerin wurde im Kindesalter missbraucht. Seitdem hat die 35-Jährige mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen. Jahrelang bestimmten Panikattacken ihren Alltag – bis Pippa in ihr Leben trat und Annika Tiedemann-Voß damit wieder sehr viel Lebensqualität schenkte.

Pippa ist eine Mischlingshündin – halb Labrador, halb Golden Retriever. Sie ist der Grund, warum sich die Mindenerin dazu entschieden hat, sich einer ihr so herausfordernden Situation zu stellen. Ein Gespräch mit einer fremden Person? Eigentlich undenkbar.

Doch die 35-Jährige will aufklären, sensibilisieren und vor allem aufzeigen, wie wichtig Assistenzhunde sind. „Ich höre immer wieder echte Horror-Geschichten“, begründet Tiedemann-Voß und nennt Beispiele: „Manche Menschen mit Assistenzhund werden beleidigt, bedroht oder sogar irgendwo rausgeschmissen. Das sind für mich Situationen, mit denen ich so nicht umgehen könnte“, gesteht die Mindenerin. Zu groß sei die Panik vor einer Konfrontation: „Ich habe einfach Angst vor Menschen, Angst das Haus zu verlassen alleine.“ Selbst in den Supermarkt gehe sie nur ungern. „Früher hatte in jedem Laden eine Ecke, wo ich wusste, dass da wenig los ist. Das war für mich unheimlich wichtig. Es war ein Zufluchtsort. Ein Ort, wo ich hinkann, wenn ich Panik kriege“, erzählt die 35-Jährige. Ihr sei bewusst, dass viele Menschen das nicht nachvollziehen können. Aber: „Das sind wirklich so die schlimmsten Sachen für mich. Ich war einfach völlig ans Haus gefesselt.“

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Patrick Schwemmling

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2014 war Tiedemann-Voß psychisch in einer besonders schlechten Verfassung, musste sogar ihr Studium abbrechen. „Da haben meine Eltern gemerkt, dass mir ihr Hund sehr gut tut. Es war eine Zeit in der ich nicht alleine sein konnte. Wenn mein Mann nicht zuhause war, war ich bei meinen Eltern. Da habe ich immer mit deren Hund gekuschelt“, berichtet sie. Wenig später hat sie das Tier dann geschenkt bekommen. Ihre psychische Gesundheit hat sich dadurch stark verbessert. Fünf Jahre hatten die beiden dann noch, ehe der Hund im Alter von 16 Jahren starb.

Pippa ist eine Mischlingshündin – halb Labrador, halb Golden Retriever. - © Lea Oetjen
Pippa ist eine Mischlingshündin – halb Labrador, halb Golden Retriever. - © Lea Oetjen

2019, nach dem Verlust des so liebgewonnenen Tieres, fiel Tiedemann-Voß in ein tiefes Loch. „Da hatte ich wirklich von morgens bis abends Panikattacken“, offenbart sie und beschreibt kurz, wie sie sich in solchen Momenten fühlt: „Mein Herz rast, ich spüre förmlich das Adrenalin. Ich habe das Gefühl, dass meine Haut brennt. Ich habe Magenschmerzen, Übelkeit, Schwindel. Das ist schwer zu erklären, aber es ist einfach unerträglich.“

Die Monate ohne einen Hunde an der Seite waren sehr schwer für die 35-Jährige. Ihr Ehemann sei in dieser Phase ein wichtiger Halt gewesen. „Ich wüsste nicht, wo ich heute ohne ihn wäre“, sagt sie. Mit Pippa habe er es geschafft, seine Frau aus dem emotionalen Tief herauszuholen. „Für mich stand schnell fest, dass ich wieder einen Hund brauche. Und Pippa hat mir von Anfang an unglaublich viel Sicherheit gegeben. Ich konnte das erste Mal wieder alleine das Haus verlassen.“ Alltägliche Dinge, wie ein Arztbesuch oder ein Termin bei einer Behörde habe sie nach langer Zeit wieder selbst erledigen können, erzählt Annika Tiedemann-Voß stolz. Sie muss instinktiv lächeln, als sie merkt, dass Pippa, die zu ihren Füßen liegt, mittlerweile eingeschlafen ist.

Wie sich die Hündin in der Öffentlichkeit zu verhalten hat, lernt sie in einer speziellen Hundeschule für Assistenzhunde im niedersächsischen Glandorf. Anstatt auf Kommandos wie Sitz und Platz liegt der Fokus unter anderem auf dem richtigen Verhalten im Supermarkt, dem Wecken aus Alpträumen und auch auf dem Kuscheln. „Das bringt mir viel. Beim Kuscheln wird Oxytocin ausgeschüttet, das mich sehr beruhigt und glücklich macht“, erzählt Tiedemann-Voß. Das Erlernte wird übrigens auch geprüft – in Theorie und Praxis. Dass Pippa eines Tages ein anerkannter Assistenzhund ist, kostet die 35-Jährige nicht nur Zeit. Die Ausbildung kostet mehr als 10.000 Euro, die Krankenkasse zahlt das nicht – „es ist halt eine psychische Erkrankung, das ist wahrscheinlich das Problem“, vermutet die Mindenerin.

Sie hat in der Vergangenheit immer wieder spüren müssen, dass man damit nicht immer ernstgenommen werde. „Es ist so, dass wenn Ärzte hören, dass ich eine psychische Diagnose habe, dass auch sämtliche körperliche Leiden direkt auf meine Psyche geschoben werden und mir dann nicht geholfen wird“, erzählt sie kopfschüttelnd. Solche negativen Erfahrungen würden sie nachhaltig prägen.

Davon komplett runterziehen lassen, will sich Annika Tiedemann-Voß aber nicht. Die Kraft dafür sammelt die 35-Jährige auf einem Reiterhof in Petershagen – dort beteiligt sie sich an der Pflege der Pferde. „Das ist echt Balsam für die Seele. Pippa liebt es da auch.“ Als die Mindenerin den Namen ihrer Hündin ausspricht, guckt diese kurz hoch, schläft dann aber direkt weiter. Das Duo fühlt sich super wohl auf dem Reiterhof – auch wenn das erst einmal gedauert hat. „Ich musste erst einmal ankommen und Vertrauen fassen. Aber inzwischen ist es wirklich toll so wie es da ist“, betont sie. Während sie von ihrem Hobby erzählt, strahlen ihre Augen. Sie hat ihren Kopf inzwischen gehoben, sucht sogar Blickkontakt.

Es ist nicht zu übersehen, wie fixiert die beiden aufeinander sind. „Sie gibt mir wirklich viel, sie lässt mich leben. Ich kann allen, die mit ähnlichen Ängsten kämpfen, nur empfehlen, sich tierischen Beistand zu holen“, appelliert Annika Tiedemann-Voß.

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