Komet "Neowise": So begeben sich Mindener Fotografen auf die Jagd Stefan Koch Minden. Er ist jetzt da. Jede Nacht. Ob jemals zuvor ein Mensch den Kometen „Neowise“ gesehen hat, gar im Zeitalter der Pyramiden Anteil an seiner Erscheinung genommen hat, darüber kann man die Haare spalten. Sicher ist, dass das Himmelsphänomen derzeit im Mindener Land gut zu beobachten ist und Hobbyfotografen in Scharen ausrücken, um es für die Nachwelt festzuhalten. Denn Neowise wird in den kommenden Tagen blasser. Und bald wird er verschwunden sein. „Erst im März wurde er entdeckt“, sagt Michael Meister, Vorsitzender des Vereins Schulsternwarte Minden. Danach seien Rechenmodelle zur Sichtbarkeit mit den Daten des Kometen gefüttert worden, und dabei habe sich herausgestellt, dass er von der Erde aus gut zu sehen sein sollte. Der Hobby-Astronom musste allerdings auch schon feststellen, dass derartige Vorhersagen bei anderen Erscheinungen am Ende nicht immer zutreffend waren. „Unter anderem gab es dann schon große Enttäuschungen, weil Himmelskörper nicht immer stabil sind.“ Er selbst hält es für wahrscheinlich, dass schon einmal Menschen Neowise gesehen hatten, als er bei einer früheren Reise durch das Sonnensystem an der Erde vorbeikam. „Kometen, die man mit dem bloßen Auge erkennen kann, sind nicht so häufig.“ Am Samstag hielt sich Meister berufsbedingt in den Dolomiten auf. „Da konnte ich den Kometen mit dem Smartphone fotografieren“, meint er. Am Sonntag war er dann in Minden und verfolgte den Gast am Firmament von seinem Grundstück am Südfriedhof aus mit dem Fernglas. Meister meint, dass die Erkennbarkeit wegen der Mitternachtsdämmerung im Norden nicht so gut ist wie in südlicheren Breitengraden. Dennoch erzielen Hobbyfotografen im Mindener Land beachtliche Ergebnisse. Thomas Kohlmeier nahm am 14. Juli, gegen 0.50 Uhr, den Kometen in Porta Westfalica-Nammen auf. Der Vertriebsmanager bei der Deutschen Post fotografiert hauptsächlich Landschaften und stellt seine Aufnahmen auf seiner Facebookseite „Bilder aus Ostwestfalen-Lippe und dem Schaumburger Land“ ein. Neowise ist bislang der einzige außergewöhnliche Himmelskörper, der ihm vor die Linse kam. Wie ihm das gelungen ist? „Ich habe im Internet nachgeforscht, wann und wo der Komet zu finden ist. So konnte ich ihn relativ schnell aufspüren.“ Bereits am Tag habe er dann das Stativ und die Kamera an einem Fenster im Obergeschoss in Stellung gebracht. „An die richtigen Einstellungen von Isowert, Blende und Belichtungszeit musste ich mich erst herantasten.“ Für die Bilder habe er auf seinem Instagram-Account einige Likes bekommen, meint der 53-Jährige. Willy Büttner fotografierte bereits am 11. Juli vom Wiehengebirge aus, wie im Mindener Land die Nachtwolken vor dem Kometen vorbeizogen. Dazu musste er um 3 Uhr auf den Auslöser drücken. „Das größte Problem war das frühe Aufstehen, die Müdigkeit, die kurzen Sommernächte und dass ich wegen dem starken Schauer am Vortag immer mit Stativ und Schuhen im Schlamm eingesunken bin.“ Büttner macht derzeit eine Ausbildung zum Elektroniker bei der DB Systemtechnik und ist schon seit mehreren Jahren Hobbyfotograf und Astronom. „Die unfassbare Schönheit der Sterne zog mich in den Bann“, meint er zu seiner Leidenschaft. Die Milchstraße, kosmische Nebel, Galaxien, Sternhaufen und den Mond – all das fotografiere er. Seine aktuellen Aufnahmen von Neowise hätten jetzt auch einen Freund inspiriert, sich wieder mit der Astrofotografie zu beschäftigen. Tobias Reding ist ebenfalls auf Kometenjagd gegangen. Der Private-Banking-Berater bezeichnet sich als absoluten Laien, der sich nur in seiner Kindheit hin und wieder mit Himmelsfotografie beschäftigt habe. „Von Neowise und seiner nächtlichen Position habe ich im Internet gelesen“, sagt der 49-Jährige. „Ich bin dann spontan mit meiner älteren Tochter zu einer Nachtwanderung in Minderheide aufgebrochen, und wir haben ihn dann auch nach längerer Suche gefunden.“ In der nächsten wolkenfreien Nacht hatte sich Reding dann mit der ganzen Familie auf die Pirsch begeben. „Für die Fotos hatte ich mein altes Stativ rausgekramt, um einen sicheren Stand bei längeren Belichtungszeiten zu haben.“ Die einzige Kamera, die darauf gepasst habe, sei seine zehn Jahre alte Digitalkamera gewesen. Auch er hatte die Bilder über Soziale Medien im Internet geteilt, so dass sein Bruder in Warstein eine Nacht später ebenfalls mit dem Fotoapparat loszog. Auch semiprofessionelle Fotografen lockt Neowise aus dem Haus. Einer von ihnen ist Joachim Gründler, der bis zu seiner Pensionierung in der pharmazeutischen Industrie gearbeitet hatte und seit seiner Jugend fotografiert. In seiner Siedlung lädt er gelegentlich zu Fotoabenden ein, zu denen bis zu 30 Nachbarn kommen. Gründler nutzt Stative mit einem motorisch betriebenen Kopf der für einige Minuten genau die Erddrehung ausgleichen kann, damit die Himmelskörper bei längeren Belichtungszeiten nicht verwischen. Bereits 1997 hatte er den Kometen Hale-Bopp – damals noch auf Diamaterial – fotografiert. „Jetzt fotografiere ich sogenannte Deep-Sky-Objekte, das heißt Nebel, Sternhaufen, Galaxien, aber auch Sternaufnahmen mit Landschaften“, sagt der 62-Jährige. In der Nacht auf den 13. Juli ging er dann mit einem 300er Teleobjektiv zum Kometen. „Das für mich größte Problem war, die feinsten Strukturen im Schweif insbesondere in den Ausläufern sichtbar zu machen, ohne gleichzeitig den hellen Kern zu sehr überzubelichten.“ Später erfolgte dann eine aufwändige Bildbearbeitung. Der Fotodesigner Christian Schwier ist beruflich vor allem in der Werbebranche tätig. Doch am 12. Juli stellte er sich ebenfalls in der Nacht in Minderheide an ein freies Feld, nachdem er im Fernsehen Berichte über Neowise gesehen hatte. Auch er ist von seinen Aufnahmen begeistert und bleibt dem Abendhimmel wegen der zu erwartenden Sternenschnuppen-Schwärmen verbunden. „Ich freue mich schon auf den 12. August – dann werde ich die Perseiden fotografieren.“ Hintergrund zu "Neowise" Der Komet C/2020 F3 wurde am 27. März erstmals durch ein reaktiviertes Weltraumteleskop des Projekts Neowise (Near-Earth Object Wide-field Infrared Survey Explorer) am Südhimmel entdeckt. Von diesem Projekt leitet sich sein populärer Name „Neowise“ ab. In Mitteleuropa ist „Neowise“ seit Anfang Juli mit bloßem Auge zu sehen. Zunächst tauchte er am Morgenhimmel im Nordosten auf. Seit etwa dem 10. Juli kann er auch am Abendhimmel in der gleichen Richtung beobachtet werden. Seit der zweiten Julihälfte sieht man ihn im Sternbild Großer Bär. Mittlerweile nimmt seine Sichtbarkeit ab und am 23. Juli hat er seinen geringsten Abstand zur Erde erreicht. Nach Berechnungen von Astronomen soll der Komet alle 5.000 bis 7.000 Jahre in der jetzt zu beobachtenden Weise der Erde nahe kommen. Kometen sind bei der Entstehung des Sonnensystems vor 4,6 Milliarden Jahren entstanden. Sie gelten als riesige Gebilde aus Eis, Staub und Stein. Ihre Umlaufbahnen können über das Äußere des Sonnensystems hinausreichen. Erst als Neowise in das Innere Sonnensystem eintrat, wurde der typische Schweif erkennbar. Häufig ziehen Kometen an der Sonne vorbei und sind nur mit Fernrohren zu sehen. Der beste Zeitpunkt zur Beobachtung von Neowise begann am 15. Juli und läuft nach dem 25. Juli ab. Eine große Rolle spielt das Wetter, da der Himmel wolkenfrei sein sollte. Auch Lichtverschmutzung behindert die Sicht auf den Kometen.

Komet "Neowise": So begeben sich Mindener Fotografen auf die Jagd

Thomas Kohlmeier fotografierte den Kometen aus einem Fenster im Obergeschoss. Leserfoto: Thomas Kohlmeier

Minden. Er ist jetzt da. Jede Nacht. Ob jemals zuvor ein Mensch den Kometen „Neowise“ gesehen hat, gar im Zeitalter der Pyramiden Anteil an seiner Erscheinung genommen hat, darüber kann man die Haare spalten. Sicher ist, dass das Himmelsphänomen derzeit im Mindener Land gut zu beobachten ist und Hobbyfotografen in Scharen ausrücken, um es für die Nachwelt festzuhalten. Denn Neowise wird in den kommenden Tagen blasser. Und bald wird er verschwunden sein.

„Erst im März wurde er entdeckt“, sagt Michael Meister, Vorsitzender des Vereins Schulsternwarte Minden. Danach seien Rechenmodelle zur Sichtbarkeit mit den Daten des Kometen gefüttert worden, und dabei habe sich herausgestellt, dass er von der Erde aus gut zu sehen sein sollte.

Fotostrecke 16 Bilder

Der Hobby-Astronom musste allerdings auch schon feststellen, dass derartige Vorhersagen bei anderen Erscheinungen am Ende nicht immer zutreffend waren. „Unter anderem gab es dann schon große Enttäuschungen, weil Himmelskörper nicht immer stabil sind.“ Er selbst hält es für wahrscheinlich, dass schon einmal Menschen Neowise gesehen hatten, als er bei einer früheren Reise durch das Sonnensystem an der Erde vorbeikam. „Kometen, die man mit dem bloßen Auge erkennen kann, sind nicht so häufig.“

Joachim Gründler arbeitete die feinen Strukturen heraus.

Leserfoto: Joachim Gründler - © Copyright Joachim Gründler
Joachim Gründler arbeitete die feinen Strukturen heraus.
Leserfoto: Joachim Gründler - © Copyright Joachim Gründler

Am Samstag hielt sich Meister berufsbedingt in den Dolomiten auf. „Da konnte ich den Kometen mit dem Smartphone fotografieren“, meint er. Am Sonntag war er dann in Minden und verfolgte den Gast am Firmament von seinem Grundstück am Südfriedhof aus mit dem Fernglas. Meister meint, dass die Erkennbarkeit wegen der Mitternachtsdämmerung im Norden nicht so gut ist wie in südlicheren Breitengraden.

Dennoch erzielen Hobbyfotografen im Mindener Land beachtliche Ergebnisse. Thomas Kohlmeier nahm am 14. Juli, gegen 0.50 Uhr, den Kometen in Porta Westfalica-Nammen auf. Der Vertriebsmanager bei der Deutschen Post fotografiert hauptsächlich Landschaften und stellt seine Aufnahmen auf seiner Facebookseite „Bilder aus Ostwestfalen-Lippe und dem Schaumburger Land“ ein. Neowise ist bislang der einzige außergewöhnliche Himmelskörper, der ihm vor die Linse kam.

Wie ihm das gelungen ist? „Ich habe im Internet nachgeforscht, wann und wo der Komet zu finden ist. So konnte ich ihn relativ schnell aufspüren.“ Bereits am Tag habe er dann das Stativ und die Kamera an einem Fenster im Obergeschoss in Stellung gebracht. „An die richtigen Einstellungen von Isowert, Blende und Belichtungszeit musste ich mich erst herantasten.“ Für die Bilder habe er auf seinem Instagram-Account einige Likes bekommen, meint der 53-Jährige.

Willy Büttner fotografierte bereits am 11. Juli vom Wiehengebirge aus, wie im Mindener Land die Nachtwolken vor dem Kometen vorbeizogen. Dazu musste er um 3 Uhr auf den Auslöser drücken. „Das größte Problem war das frühe Aufstehen, die Müdigkeit, die kurzen Sommernächte und dass ich wegen dem starken Schauer am Vortag immer mit Stativ und Schuhen im Schlamm eingesunken bin.“

Büttner macht derzeit eine Ausbildung zum Elektroniker bei der DB Systemtechnik und ist schon seit mehreren Jahren Hobbyfotograf und Astronom. „Die unfassbare Schönheit der Sterne zog mich in den Bann“, meint er zu seiner Leidenschaft. Die Milchstraße, kosmische Nebel, Galaxien, Sternhaufen und den Mond – all das fotografiere er. Seine aktuellen Aufnahmen von Neowise hätten jetzt auch einen Freund inspiriert, sich wieder mit der Astrofotografie zu beschäftigen.

Tobias Reding ist ebenfalls auf Kometenjagd gegangen. Der Private-Banking-Berater bezeichnet sich als absoluten Laien, der sich nur in seiner Kindheit hin und wieder mit Himmelsfotografie beschäftigt habe. „Von Neowise und seiner nächtlichen Position habe ich im Internet gelesen“, sagt der 49-Jährige. „Ich bin dann spontan mit meiner älteren Tochter zu einer Nachtwanderung in Minderheide aufgebrochen, und wir haben ihn dann auch nach längerer Suche gefunden.“ In der nächsten wolkenfreien Nacht hatte sich Reding dann mit der ganzen Familie auf die Pirsch begeben. „Für die Fotos hatte ich mein altes Stativ rausgekramt, um einen sicheren Stand bei längeren Belichtungszeiten zu haben.“ Die einzige Kamera, die darauf gepasst habe, sei seine zehn Jahre alte Digitalkamera gewesen. Auch er hatte die Bilder über Soziale Medien im Internet geteilt, so dass sein Bruder in Warstein eine Nacht später ebenfalls mit dem Fotoapparat loszog.

Auch semiprofessionelle Fotografen lockt Neowise aus dem Haus. Einer von ihnen ist Joachim Gründler, der bis zu seiner Pensionierung in der pharmazeutischen Industrie gearbeitet hatte und seit seiner Jugend fotografiert. In seiner Siedlung lädt er gelegentlich zu Fotoabenden ein, zu denen bis zu 30 Nachbarn kommen. Gründler nutzt Stative mit einem motorisch betriebenen Kopf der für einige Minuten genau die Erddrehung ausgleichen kann, damit die Himmelskörper bei längeren Belichtungszeiten nicht verwischen. Bereits 1997 hatte er den Kometen Hale-Bopp – damals noch auf Diamaterial – fotografiert. „Jetzt fotografiere ich sogenannte Deep-Sky-Objekte, das heißt Nebel, Sternhaufen, Galaxien, aber auch Sternaufnahmen mit Landschaften“, sagt der 62-Jährige.

In der Nacht auf den 13. Juli ging er dann mit einem 300er Teleobjektiv zum Kometen. „Das für mich größte Problem war, die feinsten Strukturen im Schweif insbesondere in den Ausläufern sichtbar zu machen, ohne gleichzeitig den hellen Kern zu sehr überzubelichten.“ Später erfolgte dann eine aufwändige Bildbearbeitung.

Der Fotodesigner Christian Schwier ist beruflich vor allem in der Werbebranche tätig. Doch am 12. Juli stellte er sich ebenfalls in der Nacht in Minderheide an ein freies Feld, nachdem er im Fernsehen Berichte über Neowise gesehen hatte. Auch er ist von seinen Aufnahmen begeistert und bleibt dem Abendhimmel wegen der zu erwartenden Sternenschnuppen-Schwärmen verbunden. „Ich freue mich schon auf den 12. August – dann werde ich die Perseiden fotografieren.“

Hintergrund zu "Neowise"

Der Komet C/2020 F3 wurde am 27. März erstmals durch ein reaktiviertes Weltraumteleskop des Projekts Neowise (Near-Earth Object Wide-field Infrared Survey Explorer) am Südhimmel entdeckt. Von diesem Projekt leitet sich sein populärer Name „Neowise“ ab. In Mitteleuropa ist „Neowise“ seit Anfang Juli mit bloßem Auge zu sehen. Zunächst tauchte er am Morgenhimmel im Nordosten auf. Seit etwa dem 10. Juli kann er auch am Abendhimmel in der gleichen Richtung beobachtet werden. Seit der zweiten Julihälfte sieht man ihn im Sternbild Großer Bär. Mittlerweile nimmt seine Sichtbarkeit ab und am 23. Juli hat er seinen geringsten Abstand zur Erde erreicht.

Nach Berechnungen von Astronomen soll der Komet alle 5.000 bis 7.000 Jahre in der jetzt zu beobachtenden Weise der Erde nahe kommen. Kometen sind bei der Entstehung des Sonnensystems vor 4,6 Milliarden Jahren entstanden. Sie gelten als riesige Gebilde aus Eis, Staub und Stein. Ihre Umlaufbahnen können über das Äußere des Sonnensystems hinausreichen. Erst als Neowise in das Innere Sonnensystem eintrat, wurde der typische Schweif erkennbar. Häufig ziehen Kometen an der Sonne vorbei und sind nur mit Fernrohren zu sehen.

Der beste Zeitpunkt zur Beobachtung von Neowise begann am 15. Juli und läuft nach dem 25. Juli ab. Eine große Rolle spielt das Wetter, da der Himmel wolkenfrei sein sollte. Auch Lichtverschmutzung behindert die Sicht auf den Kometen.

Copyright © Mindener Tageblatt 2022
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Instagram