Ausgedreht: Zweitältestes Windrad im Kreis ist Geschichte Jan Henning Rogge Minden. Rund 40 Meter Spannweite hat der Rotor aufzuweisen – doch was das Team beim Abbau in 65 Meter Höhe am längsten aufhält ist Kleinkram. Es geht um Zentimeter, um Schrauben und Verbindungen zwischen Rotor und Achse. Und natürlich geht es um Sicherheit. 24 Tonnen wiegt das Bauteil, dass nun am Haken eines Krans zu Boden befördert werden soll. Hahlens älteste Windkraftanlage hat ausgedreht – und ihre Demontage erfordert genau so viel Spezialwissen, wie ihr Aufbau vor inzwischen 24 Jahren. Für das Team der Niebüller Firma „Carl Krane“ ist das Alltag. „Im Schnitt bauen wir ungefähr ein Windrad am Tag ab“, sagt ein Mitarbeiter. Und der Auftrag im Mindener Norden ist auch eher Kleinkram: Bis zu 400 Tonnen könnte der Kran maximal bewegen, wird er auf seine gesamte Länge vom 90 Meter ausgefahren, sind es allerdings weniger. Der 40-Meter-Rotor in 65 Meter Höhe ist da für das Team aus Norddeutschland überschaubar. Dass es mit einer Nennleistung von 500 Kilowatt einmal zu den kleineren Windrädern am Sollingweg gehören würde, war am 2. Juli 1997 wohl noch nicht abzusehen. Als es damals in Betrieb ging, war es eines der ersten im Kreis Minden-Lübbecke, vielleicht sogar erst das zweite, vermutet Wilhelm Rohlfing, der es gemeinsam mit Friedhelm Hoppmann betrieben hat. Seither drehte es am Hahler Himmel seine Runden, tagein tagaus, Anfangs auch gegen Widerstände, die letzten Jahre weitgehend unbemerkt. 2011 bekam es Nachbarn, die größer und effizienter waren. Und auf den Feldern zu seinen Füßen wurde Ernte um Ente eingebracht. Seit Freitagnachmittag sind nur noch die Spuren seiner Existenz zu sehen – und auch über die wird bald wieder Gras gewachsen sein. Oder Mais. Als Rohlfing und Hoppmann Ende der 1990er Jahren auf den Plan traten, um Hahlens erstes Windrad zu bauen, stieß er damit auf wenig Gegenliebe. Eine Bürgerinitiative versuchte, das Vorhaben zu verhindern, wollte die Aussicht auf „Spargel zum Frühstück“ verhindern. Gebaut wurde dann trotzdem – vielleicht auch, weil sich der gegnerische Anwalt nicht besonders gut in die Materie eingearbeitet hatte, wie Rohlfing feststellt. „Die Bürgerinitiative hatte sich dann bald erledigt, die Leute haben sich schnell an das Windrad gewöhnt.“ Später engagierte sich der Hahler für ein weiteres Windrad, dass bis heute als Bürger-Windrad betrieben wird. Dass die Windkraftanlage nun abgebaut wurde, hat andere Gründe: Das Ende der Einspeisevergütung von 9,1 Cent pro Kilowattstunde. „Die endet nach 20 Jahren“, erklärt Rohlfing. „Wir könnten den Strom jetzt nur noch zum Börsenpreis verkaufen und das wäre in diesem Fall nicht wirtschaftlich.“ Denn zu den laufenden Kosten, die der Betrieb eines solchen Windrades verursacht, kommt in diesem Fall auch noch ein massiver Defekt. „Der Königszapfen ist gerissen, eine Reparatur wäre nicht finanzierbar.“ Das Bauteil ist eines der Wichtigsten: Auf ihm ruht drehbar die Gondel, in der sich Getriebe und Generator befinden. Um dieses zentrale Bauteil auszuwechseln, müssten alle Teile oberhalb des Turms ab- und wieder aufgebaut werden – ein Aufwand, der nicht mehr lohnt. Am Sollingweg laufen derweil die letzten Vorarbeiten, um den Rotor sicher zu Boden zu bringen. Mit zwei Seilen sichern zwei Männer am Boden die Rotorblätter gegen unerwünschte Bewegungen ab. Oben auf und in der Gondel sind zwei Mann mit den letzten Handgriffen beschäftigt. Nachdem die Nabe sicher am Kran angeschlagen ist – so nennen es die Fachleute, wenn die Fracht am Haken befestigt wurde – werden die letzten Verbindungen zu Achse und Getriebe getrennt. Endlich, nach fast anderthalb Stunden, löst sich der Rotor mit einem leichten Ruck vom Windrad. Dann dauert es nur noch wenige Minuten, bis das Bauteil flach auf einem speziellen Holzgerüst am Boden liegt. Unproblematisch ist der weitere Weg der Rotorblätter nun nicht. Für den Transport werden sie zersägt, doch der Glasfaserverbundstoff, aus dem sie bestehen, war lange nicht recyclebar. „Das hat sich inzwischen aber geändert“, sagt Rohlfing. Die Flügel werden geschreddert und in Zementöfen zu Zement verbrannt. Billig ist der Abbau und das Recycling der Anlage nicht. Rund 37.000 Euro müssen Rohlfing und Hoppmann dafür bezahlen – dafür wird aber auch das Betonfundament entfernt, die Fläche wird bald wieder als Acker zur Verfügung stehen. „Für den Abbau mussten wir Rücklagen schaffen, dass ist so vorgeschrieben – dass ist ja nicht wie bei Atomkraftwerken, bei denen der Bürger den Rückbau bezahlen muss“, sagt Rohlfing. Ein bisschen Wehmütig wird es Rohlfing beim Abbau des Rotors am Donnerstagabend dann doch ums Herz. „Aber es schafft ja auch Platz für Neues. Und es ist wichtig, dass die Energiewende vorankommt – der Klimawandel wartet ja nicht!“ Aus seiner Sicht macht das sogenannte „Repowering“ durchaus Sinn. „Neue Windräder haben viel mehr Leistung“, erklärt er. Rund sechsmal mehr als bei der Anlage am Sollingweg sind das nach Angaben des Bundesverband Windenergie im Durchschnitt: Ein 2020 in Deutschland errichtetes Windrad hatte demnach eine durchschnittliche Nennleistung von 3,4 Megawatt. „Und in etwa sieben Monaten hat so eine Anlage die für die Herstellung aufgewandte Energie wieder hereingeholt.“ Ob er sich an einem Neubau beteiligt, weiß er noch nicht, klar ist aber, dass sich in den nächsten Monaten und Jahren am Hahler Windpark einiges tun wird, da alle sechs Windräder hier bald aus der garantierten Einspeisevergütung fallen. Eine Option, hier wieder ein Windrad zu bauen, hat sich Rohlfing offen gehalten. „Das werden wir als Familie besprechen müssen.“ Klar ist: Reich wird man mit einzelnen Windrädern nicht – aber ein Verlustgeschäft will er aber auch nicht machen. „Die Bürokratie, um ein neues Windrad zu bauen, ist überbordend. Da wird viel geredet, aber nicht gehandelt“, ärgert er sich. „Die Bundesregierung will wohl, dass das nicht mehr die Bürger vor Ort machen können, sondern nur noch große Konzerne.“ Zumindest dass können sich der Hahler und seine Mitstreiter auf die Fahnen schreiben: Sie haben die Energiewende nicht aufgehalten. Anders als beim Abbau des Windrades waren es vor gut 20 Jahren die kleinen Dinge, die Schwung in den Ausbau gebracht haben.

Ausgedreht: Zweitältestes Windrad im Kreis ist Geschichte

Schrittweise wird das Windrad am Sollingweg abgebaut. Bald sind die letzten Spuren der Anlage komplett verschwunden. MT-Foto: Jan Henning Rogge © jhr

Minden. Rund 40 Meter Spannweite hat der Rotor aufzuweisen – doch was das Team beim Abbau in 65 Meter Höhe am längsten aufhält ist Kleinkram. Es geht um Zentimeter, um Schrauben und Verbindungen zwischen Rotor und Achse. Und natürlich geht es um Sicherheit. 24 Tonnen wiegt das Bauteil, dass nun am Haken eines Krans zu Boden befördert werden soll. Hahlens älteste Windkraftanlage hat ausgedreht – und ihre Demontage erfordert genau so viel Spezialwissen, wie ihr Aufbau vor inzwischen 24 Jahren. Für das Team der Niebüller Firma „Carl Krane“ ist das Alltag. „Im Schnitt bauen wir ungefähr ein Windrad am Tag ab“, sagt ein Mitarbeiter. Und der Auftrag im Mindener Norden ist auch eher Kleinkram: Bis zu 400 Tonnen könnte der Kran maximal bewegen, wird er auf seine gesamte Länge vom 90 Meter ausgefahren, sind es allerdings weniger. Der 40-Meter-Rotor in 65 Meter Höhe ist da für das Team aus Norddeutschland überschaubar.

Dass es mit einer Nennleistung von 500 Kilowatt einmal zu den kleineren Windrädern am Sollingweg gehören würde, war am 2. Juli 1997 wohl noch nicht abzusehen. Als es damals in Betrieb ging, war es eines der ersten im Kreis Minden-Lübbecke, vielleicht sogar erst das zweite, vermutet Wilhelm Rohlfing, der es gemeinsam mit Friedhelm Hoppmann betrieben hat. Seither drehte es am Hahler Himmel seine Runden, tagein tagaus, Anfangs auch gegen Widerstände, die letzten Jahre weitgehend unbemerkt. 2011 bekam es Nachbarn, die größer und effizienter waren. Und auf den Feldern zu seinen Füßen wurde Ernte um Ente eingebracht. Seit Freitagnachmittag sind nur noch die Spuren seiner Existenz zu sehen – und auch über die wird bald wieder Gras gewachsen sein. Oder Mais.

Als Rohlfing und Hoppmann Ende der 1990er Jahren auf den Plan traten, um Hahlens erstes Windrad zu bauen, stieß er damit auf wenig Gegenliebe. Eine Bürgerinitiative versuchte, das Vorhaben zu verhindern, wollte die Aussicht auf „Spargel zum Frühstück“ verhindern. Gebaut wurde dann trotzdem – vielleicht auch, weil sich der gegnerische Anwalt nicht besonders gut in die Materie eingearbeitet hatte, wie Rohlfing feststellt. „Die Bürgerinitiative hatte sich dann bald erledigt, die Leute haben sich schnell an das Windrad gewöhnt.“ Später engagierte sich der Hahler für ein weiteres Windrad, dass bis heute als Bürger-Windrad betrieben wird.

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Patrick Schwemmling

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Dass die Windkraftanlage nun abgebaut wurde, hat andere Gründe: Das Ende der Einspeisevergütung von 9,1 Cent pro Kilowattstunde. „Die endet nach 20 Jahren“, erklärt Rohlfing. „Wir könnten den Strom jetzt nur noch zum Börsenpreis verkaufen und das wäre in diesem Fall nicht wirtschaftlich.“ Denn zu den laufenden Kosten, die der Betrieb eines solchen Windrades verursacht, kommt in diesem Fall auch noch ein massiver Defekt. „Der Königszapfen ist gerissen, eine Reparatur wäre nicht finanzierbar.“ Das Bauteil ist eines der Wichtigsten: Auf ihm ruht drehbar die Gondel, in der sich Getriebe und Generator befinden. Um dieses zentrale Bauteil auszuwechseln, müssten alle Teile oberhalb des Turms ab- und wieder aufgebaut werden – ein Aufwand, der nicht mehr lohnt.

Am Sollingweg laufen derweil die letzten Vorarbeiten, um den Rotor sicher zu Boden zu bringen. Mit zwei Seilen sichern zwei Männer am Boden die Rotorblätter gegen unerwünschte Bewegungen ab. Oben auf und in der Gondel sind zwei Mann mit den letzten Handgriffen beschäftigt. Nachdem die Nabe sicher am Kran angeschlagen ist – so nennen es die Fachleute, wenn die Fracht am Haken befestigt wurde – werden die letzten Verbindungen zu Achse und Getriebe getrennt. Endlich, nach fast anderthalb Stunden, löst sich der Rotor mit einem leichten Ruck vom Windrad. Dann dauert es nur noch wenige Minuten, bis das Bauteil flach auf einem speziellen Holzgerüst am Boden liegt.

Unproblematisch ist der weitere Weg der Rotorblätter nun nicht. Für den Transport werden sie zersägt, doch der Glasfaserverbundstoff, aus dem sie bestehen, war lange nicht recyclebar. „Das hat sich inzwischen aber geändert“, sagt Rohlfing. Die Flügel werden geschreddert und in Zementöfen zu Zement verbrannt. Billig ist der Abbau und das Recycling der Anlage nicht. Rund 37.000 Euro müssen Rohlfing und Hoppmann dafür bezahlen – dafür wird aber auch das Betonfundament entfernt, die Fläche wird bald wieder als Acker zur Verfügung stehen. „Für den Abbau mussten wir Rücklagen schaffen, dass ist so vorgeschrieben – dass ist ja nicht wie bei Atomkraftwerken, bei denen der Bürger den Rückbau bezahlen muss“, sagt Rohlfing.

Ein bisschen Wehmütig wird es Rohlfing beim Abbau des Rotors am Donnerstagabend dann doch ums Herz. „Aber es schafft ja auch Platz für Neues. Und es ist wichtig, dass die Energiewende vorankommt – der Klimawandel wartet ja nicht!“ Aus seiner Sicht macht das sogenannte „Repowering“ durchaus Sinn. „Neue Windräder haben viel mehr Leistung“, erklärt er. Rund sechsmal mehr als bei der Anlage am Sollingweg sind das nach Angaben des Bundesverband Windenergie im Durchschnitt: Ein 2020 in Deutschland errichtetes Windrad hatte demnach eine durchschnittliche Nennleistung von 3,4 Megawatt. „Und in etwa sieben Monaten hat so eine Anlage die für die Herstellung aufgewandte Energie wieder hereingeholt.“

Ob er sich an einem Neubau beteiligt, weiß er noch nicht, klar ist aber, dass sich in den nächsten Monaten und Jahren am Hahler Windpark einiges tun wird, da alle sechs Windräder hier bald aus der garantierten Einspeisevergütung fallen. Eine Option, hier wieder ein Windrad zu bauen, hat sich Rohlfing offen gehalten. „Das werden wir als Familie besprechen müssen.“ Klar ist: Reich wird man mit einzelnen Windrädern nicht – aber ein Verlustgeschäft will er aber auch nicht machen. „Die Bürokratie, um ein neues Windrad zu bauen, ist überbordend. Da wird viel geredet, aber nicht gehandelt“, ärgert er sich. „Die Bundesregierung will wohl, dass das nicht mehr die Bürger vor Ort machen können, sondern nur noch große Konzerne.“

Zumindest dass können sich der Hahler und seine Mitstreiter auf die Fahnen schreiben: Sie haben die Energiewende nicht aufgehalten. Anders als beim Abbau des Windrades waren es vor gut 20 Jahren die kleinen Dinge, die Schwung in den Ausbau gebracht haben.

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