Gerst über Europas Raumfahrt: «Sind Partner auf Augenhöhe»

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Astronaut Alexander Gerst - © Foto: Oliver Berg
Astronaut Alexander Gerst vor dem Logo seiner neuen Weltraummission «Horizons». Gerst fliegt 2018 als Kommandant zur Internationalen Raumstation ISS. (© Foto: Oliver Berg)

Berlin/Köln - «Big Toy for Big Boys» - ein großes Spielzeug für große Jungs sehen Kritiker in der Internationalen Raumstation (ISS).

Im dpa-Interview betonen der Chef der Europäischen Weltraumagentur (ESA), Jan Wörner, und der deutsche ESA-Astronaut Alexander Gerst die Bedeutung der ISS für die internationale Zusammenarbeit und die Wichtigkeit bemannter Raumfahrt generell.

Frage: Inwiefern unterscheiden sich die Ansichten einzelner Nationen zur Raumfahrt?

Antwort Jan Wörner: «Wir haben weltweit ganz unterschiedliche Ansichten über die bemannte Raumfahrt. Die Amerikaner sagen: Pioneering (Pionierarbeit). Das ist für sie Motiv genug. Das ist für uns in Europa nicht Motivation genug. Für uns ist wesentlich, dass sehr viel Wissenschaft gemacht wird. Bei den Chinesen wiederum ist der Grund, sich zu engagieren, das Prestige.

Frage: Im weltweiten Gefüge verändert sich derzeit viel, weil US-Präsident Donald Trump auf «America first» und die Durchsetzung nationaler Interessen pocht. Wie stark werden gemeinsame Raumfahrtprojekte wie die ISS beeinflusst?

Antwort von Alexander Gerst: Die Kooperation auf der Arbeitsebene läuft weiter hervorragend. Die beteiligten Leute kennen sich seit Jahren, die sind durch dick und dünn gegangen mit dieser Kooperation. Die Stimmung ist so, dass man merkt, ok, da oben knistert's im Gebälk. Aber umso mehr versuchen wir jetzt hier zu zeigen, dass wir zusammenarbeiten können.

Frage: Was bedeutet Ihre Ernennung zum Kommandanten bei Ihrer zweiten Mission in diesem Zusammenhang?

Antwort Alexander Gerst: Es ist wirklich ein großes Kompliment, dass die beteiligten Raumfahrtnationen mir das Vertrauen schenken, diese Raumstation zu kommandieren. Das ist etwas, was früher so nicht möglich gewesen wäre, als die ESA angefangen hat als Partner der großen Raumfahrtagenturen. Da waren wir ein Juniorpartner. Die Astronauten durften im Space Shuttle mitfliegen, aber bitte nicht so viel anfassen. Und jetzt sind wir wirklich ein Partner auf Augenhöhe.

Frage: Wo lässt sich noch nachbessern bei der ESA?

Antwort Jan Wörner: Bei der Vielfalt. Dabei geht es nicht nur um höhere Frauenquoten, sondern mehr Diversität insgesamt - auch bei Alter und geografischer Herkunft.

Antwort Alexander Gerst: Es ist entspannter, in gemischten Teams zu arbeiten. Das ist meine Erfahrung in allen Bereichen der Exploration, das war in der Antarktis so, das war auf Vulkanen so. Je mehr man den Querschnitt aus der Bevölkerung widerspiegelt, desto besser. Man profitiert auch sehr davon, ältere und jüngere dabeizuhaben, jeder bringt eine unterschiedliche Perspektive mit, gerade wenn man in einem Bereich ist, wo es oft um Problemlösung geht. Als Commander sammle ich für eine Entscheidung die Perspektiven meiner Crew ein und profitiere sehr davon, wenn es unterschiedliche Sichtweisen gibt.

Wir müssen jungen Mädels klarmachen: Mathe, Ingenieurwissenschaften, Astronautentechnik, das ist alles genauso für euch etwas wie für die Jungs. Alte Vorurteile: weg damit.

Frage: Einige Menschen sind überzeugt, dass wir dank immer klügerer Roboter ohnehin keine Astronautinnen und Astronauten mehr brauchen, sondern ganz auf die wesentlich billigere unbemannte Raumfahrt setzen können. Was meinen Sie?

Antwort Alexander Gerst: Robotik und astronautische Weltraumfahrt stehen nicht in Konkurrenz. Wenn Roboter ein Stück mehr können, heißt das nicht, dass die uns unsere Arbeit wegnehmen, sondern im Gegenteil: Wir sind froh, wir können ihnen mehr von unserer Arbeit abgeben und haben dann Kapazitäten frei, das zu tun, was für uns Menschen gut ist. Diese Synergie wird umso größer, je mehr einer von beiden Fortschritte macht.

Antwort Jan Wörner: Der Mensch wird es sich nicht nehmen lassen, den Fuß auf dem Mars oder andere Himmelskörper zu setzen. Es ist einfach was anderes, wenn der Mensch selbst vor Ort ist. Wenn Alex berichtet von oben und Bilder schickt, dann sind Menschen begeistert und fasziniert - das wäre bei einem Bilder schickenden Roboter nicht so.

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dpa-InterviewGerst über Europas Raumfahrt: «Sind Partner auf Augenhöhe»Berlin/Köln - «Big Toy for Big Boys» - ein großes Spielzeug für große Jungs sehen Kritiker in der Internationalen Raumstation (ISS).Im dpa-Interview betonen der Chef der Europäischen Weltraumagentur (ESA), Jan Wörner, und der deutsche ESA-Astronaut Alexander Gerst die Bedeutung der ISS für die internationale Zusammenarbeit und die Wichtigkeit bemannter Raumfahrt generell.Frage: Inwiefern unterscheiden sich die Ansichten einzelner Nationen zur Raumfahrt?Antwort Jan Wörner: «Wir haben weltweit ganz unterschiedliche Ansichten über die bemannte Raumfahrt. Die Amerikaner sagen: Pioneering (Pionierarbeit). Das ist für sie Motiv genug. Das ist für uns in Europa nicht Motivation genug. Für uns ist wesentlich, dass sehr viel Wissenschaft gemacht wird. Bei den Chinesen wiederum ist der Grund, sich zu engagieren, das Prestige.Frage: Im weltweiten Gefüge verändert sich derzeit viel, weil US-Präsident Donald Trump auf «America first» und die Durchsetzung nationaler Interessen pocht. Wie stark werden gemeinsame Raumfahrtprojekte wie die ISS beeinflusst?Antwort von Alexander Gerst: Die Kooperation auf der Arbeitsebene läuft weiter hervorragend. Die beteiligten Leute kennen sich seit Jahren, die sind durch dick und dünn gegangen mit dieser Kooperation. Die Stimmung ist so, dass man merkt, ok, da oben knistert's im Gebälk. Aber umso mehr versuchen wir jetzt hier zu zeigen, dass wir zusammenarbeiten können.Frage: Was bedeutet Ihre Ernennung zum Kommandanten bei Ihrer zweiten Mission in diesem Zusammenhang?Antwort Alexander Gerst: Es ist wirklich ein großes Kompliment, dass die beteiligten Raumfahrtnationen mir das Vertrauen schenken, diese Raumstation zu kommandieren. Das ist etwas, was früher so nicht möglich gewesen wäre, als die ESA angefangen hat als Partner der großen Raumfahrtagenturen. Da waren wir ein Juniorpartner. Die Astronauten durften im Space Shuttle mitfliegen, aber bitte nicht so viel anfassen. Und jetzt sind wir wirklich ein Partner auf Augenhöhe.Frage: Wo lässt sich noch nachbessern bei der ESA?Antwort Jan Wörner: Bei der Vielfalt. Dabei geht es nicht nur um höhere Frauenquoten, sondern mehr Diversität insgesamt - auch bei Alter und geografischer Herkunft.Antwort Alexander Gerst: Es ist entspannter, in gemischten Teams zu arbeiten. Das ist meine Erfahrung in allen Bereichen der Exploration, das war in der Antarktis so, das war auf Vulkanen so. Je mehr man den Querschnitt aus der Bevölkerung widerspiegelt, desto besser. Man profitiert auch sehr davon, ältere und jüngere dabeizuhaben, jeder bringt eine unterschiedliche Perspektive mit, gerade wenn man in einem Bereich ist, wo es oft um Problemlösung geht. Als Commander sammle ich für eine Entscheidung die Perspektiven meiner Crew ein und profitiere sehr davon, wenn es unterschiedliche Sichtweisen gibt.Wir müssen jungen Mädels klarmachen: Mathe, Ingenieurwissenschaften, Astronautentechnik, das ist alles genauso für euch etwas wie für die Jungs. Alte Vorurteile: weg damit.Frage: Einige Menschen sind überzeugt, dass wir dank immer klügerer Roboter ohnehin keine Astronautinnen und Astronauten mehr brauchen, sondern ganz auf die wesentlich billigere unbemannte Raumfahrt setzen können. Was meinen Sie?Antwort Alexander Gerst: Robotik und astronautische Weltraumfahrt stehen nicht in Konkurrenz. Wenn Roboter ein Stück mehr können, heißt das nicht, dass die uns unsere Arbeit wegnehmen, sondern im Gegenteil: Wir sind froh, wir können ihnen mehr von unserer Arbeit abgeben und haben dann Kapazitäten frei, das zu tun, was für uns Menschen gut ist. Diese Synergie wird umso größer, je mehr einer von beiden Fortschritte macht.Antwort Jan Wörner: Der Mensch wird es sich nicht nehmen lassen, den Fuß auf dem Mars oder andere Himmelskörper zu setzen. Es ist einfach was anderes, wenn der Mensch selbst vor Ort ist. Wenn Alex berichtet von oben und Bilder schickt, dann sind Menschen begeistert und fasziniert - das wäre bei einem Bilder schickenden Roboter nicht so.