Die Fitnesskur als Extra-Bonbon

Von Elke Niedringhaus-Haasper

Seit 40 Jahren sorgt Erna Sonntag in ihrer Pension für die Rundumbetreuung ihrer Gäste

Bad Oeynhausen (va). Ihre Geschichte ist fast so alt wie die Geschichte der Kurstadt. Und sie ist eine Geschichte mit Höhen und Tiefen. Seit rund 150 Jahren gibt es in Bad Oeynhausen Gästehäuser. Während noch in den siebziger Jahren weit mehr als 100 Pensionen im Zimmernachweis der Stadt standen, werben heute weniger als 30 Gästehäuser um Übernachtungsgäste.

Frühstück: Uwe Sonntag (l.) schenkt Kaffee ein, während seine Mutter Erna Sonntag Brötchen serviert. Bernd Jost nimmt den Service gern in Anspruch. Von einem Hotel ist der Geschäftsmann letzte Woche in die Pension übergewechselt. "Weil ich das Familiäre schätze", sagt der Gast. Foto: Elke Niedringhaus-Haasper
Frühstück: Uwe Sonntag (l.) schenkt Kaffee ein, während seine Mutter Erna Sonntag Brötchen serviert. Bernd Jost nimmt den Service gern in Anspruch. Von einem Hotel ist der Geschäftsmann letzte Woche in die Pension übergewechselt. "Weil ich das Familiäre schätze", sagt der Gast. Foto: Elke Niedringhaus-Haasper

Die kleinen Familienbetriebe, die Pensionsgästen das Bett und ein Frühstück machen, haben es heute schwer. Denn die Arbeitswoche hat sieben Tage und jeder Tag erfordert viel Flexibilität. "Geregelte Freizeit kenne ich nur aus den Dienstplänen der Mitarbeiter. Nicht selten kommen Gäste, die sich für 17 Uhr angekündigt haben, fünf Stunden später an, weil sie im Stau stecken geblieben sind", weiß Erna Sonntag. Mitten im Dichterviertel betreibt die 73-jährige Geschäftsfrau seit 40 Jahren ein Gästehaus - eine der ältesten Pensionen der Stadt. Die Höhen und Tiefen, die das dienstleistende Gewerbe in den vergangenen Jahrzehnten zu spüren bekam, kennt Erna Sonntag genau. Und weiß auch, warum immer mehr Kollegen mit dem Generationswechsel ihre Pensionen verkaufen oder schließen.

Als Erna Sonntag vor 40 Jahren mit ihrem Mann Georg von Spenge nach Bad Oeynhausen kam, um einen Pensionsbetrieb zu gründen, hatte sie Glück: Kurkliniken gab es noch nicht und die Badegäste wurden in den vielen kleinen Gästehäusern untergebracht, die sich rund um den Kurpark angesiedelt hatten. Von dort aus marschierten die Kurenden zu ihren Anwendungen im Staatsbad.

"24,50 Mark kostete eine Übernachtung mit Vollpension damals. Und die Putzhilfen bekamen drei Mark", erinnert sich die Geschäftsfrau an die Anfänge ihrer selbstständigen Berufstätigkeit in der Kaiserstraße. Dorthin schickte die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte damals Kurende. Die Pension war beliebt unter den Gästen, weil es dort schon Einzelzimmer gab.

Noch luxuriöser wurde es für die Übernachtungsgäste, als die Pension in die Schillerstraße umzog und die Zimmer dort mit Waschbecken ausgestattet wurden.

Anfang der 80er gab es sogar Duschen und Toiletten in jedem Gästezimmer. Das waren die Jahre, in denen die Polizei und die Feuerwehr aus Hamburg ihre Mitarbeiter nach Bad Oeynhausen zu einer Fitnesskur schickten. "Wer zweieinhalb Jahre Bereitschaftsdienst hinter sich hatte, bekam den Aufenthalt als eine Art Bonbon spendiert", erinnert sich Erna Sonntag.

Nicht nur für Übernachtung und Verköstigung, sondern auch für die Fitnesskur waren die Pensionsbetreiber damals selbst zuständig. Im Gästehaus Sonntag stand ein Sportlehrer auf der Gehaltsliste, 20 Fahrräder wurden angeschafft und der Masseur kam ins Haus. In den Zimmern gab es Farbfernseher und Telefon. "Das waren die Goldenen Zeiten", zieht Erna Sonntag Bilanz.

Das große Schließen der Pensionshäuser begann mit den Kurkliniken, als die offenen Badekuren abgeschafft wurden. Noch enger wurde es für die Dienstleister, als die Angehörigen der Kurenden als Tagesgäste in den Kliniken wohnen und speisen konnten. "Heute ist das Geschäft unberechenbar geworden. Oft wissen wir erst drei Tage vorher noch nicht, wie die Belegung aussieht", beschreibt Erna Sonntag das Unternehmerrisiko. An der Sieben-Tage-Woche hat sich auch nach 40 Jahren nichts geändert:

"In unserem Gewerbe muss man nicht nur Betten machen, Frühstück herrichten und das Weihnachtsfest für die Gäste gestalten können, sondern auch Wärmflaschen füllen, zuhören können und Seelentröster sein. Und sich mitfreuen, wenn ein Gast am Tag vor Weihnachten erfährt, dass seine Frau im Herzzentrum ein Spenderherz bekommt".

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