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Die letzten Meter auf der "Flut" fahren

Von Nadine Schwan

Martin Fechner und Christian Jelken steuern einen Eisbrecher auf dem Mittellandkanal / Schollen wie Wackelpudding

Minden/Vlotho (va). Eisbrecher fahren ist ein Winterjob, aber kein kalter. Die meiste Zeit stehen Martin Fechner und sein Kollege Christian Jelken im geheizten Führerhaus am Steuerknüppel. Einfach ist der Job jedoch nicht.

Land in Sicht: Martin Fechner legt an und bindet das Seil am Poller fest. Kl. Bild: Christian Jelken am Steuer. Fotos: Alex Lehn
Land in Sicht: Martin Fechner legt an und bindet das Seil am Poller fest. Kl. Bild: Christian Jelken am Steuer. Fotos: Alex Lehn

Lärm, Schlangenlinien, lautes Krachen, Vibrieren unter den Fußsohlen: Mal brechen sie Eisflächen auf dem Kanal auf, mal helfen sie Binnenschiffern, die im Eis stecken, aus der Klemme. Zwischendurch müssen sie die Maschine kontrollieren.

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In den vergangenen Tagen waren Fechner (41) und Jelken (36) viel unterwegs. Der Mittellandkanal war zugefroren. So sehr, dass die Binnenschiffer ohne die Eisbrecher keine Chance gehabt hätten (VA berichtete). Jetzt drehen die Schiffsführer vom Wasser- und Schifffahrtsamt wahrscheinlich ihre letzten Runden. Der Mittellandkanal ist so gut wie frei. Das Schiff schwappt bei 13 Kilometern pro Stunde nur noch ein wenig hin und her.

Einige Eisschollen schwimmen noch auf dem Wasser. Ein bisschen sieht es aus wie durchgerührter Wackelpudding. Auf dem Eisbrecher namens "Flut" ist es gemütlich. Unten in der Kabine sind zwei kleine Schlafkojen, eine Küchenzeile und ein Klo mit Waschbecken. Kommt es hart auf hart, arbeiten sie bis zu 16 Stunden am Stück. Dazwischen legen sie sich unten schlafen oder machen sich Würstchen heiß. Jetzt, wo das Eis gebrochen ist, kommt es nur noch drauf an, die Brocken gut durchzurühren, aufzupassen, dass nicht doch jemand festsitzt und besonders die Häfen frei sind. Bald ist die Eissaison zu Ende. Zeit für den nächsten Job auf dem Wasser. Fechner arbeitet auf einer Mehrzweckfähre mit Kran. Im Winter springt er auf der "Flut" ein und verwandelt die dicke Eisfläche zu gestoßenem Eis. Jelken arbeitet mal hier mal da. Er ist Springer und hilft auf sämtlichen Schiffen des WSA aus. Seit drei Jahren allerdings jeden Winter auf dem Eisbrecher.

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Fechner und Jelken haben ähnliche Lebensläufe. Die Väter waren Binnenschiffer und fuhren wochenlang auf dem Wasser. Als Jungs sind sie in den Ferien mit den Vätern mitgefahren. Später haben sie ihre Ausbildung zum Binnenschiffer dort gemacht. Kfz-Mechaniker und Elektroniker probierte Jelken aus - das war nichts. Auch Fechner, der in einer Lagerhalle arbeitete, wollte zurück aufs Wasser. "Das Draußensein vermisst man", sagt er. Das findet auch sein Kollege. Auf dem Schiff würden sie mehr Eigenverantwortung und Freiheit haben.

Fechner und Jelken sitzen entspannt in dem Führerhäuschen. Im Gegensatz zu den Einsätzen der vergangenen Tage werden sie wohl pünktlich Feierabend machen. Fechner fährt nach Quetzen, dort ist er auch geboren. Jelken muss nach Nienburg, ursprünglich stammt er aus dem Norden.

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