Minden (kr). Zum zweiten Mal gastierte das St. Petersburger Staatsballett on Ice mit Tschaikowskis „Der Nussknacker“ in der Kampa-Halle. Auch diesmal zog es in der Pause wieder Zuschauer an die Bühne, um die Fläche zu berühren, auf der die Künstler ihre Pirouetten drehen. „Einmal anfassen, ob das Eis auch wirklich echt ist“, sagt eine junge Frau fasziniert. Es ist echt – und für das Technik-Team der Produktion ist es jedes Mal eine besondere Herausforderung, eine ganz normale Bühne in eine spiegelglatte Eisfläche zu verwandeln.

Gut 24 Stunden, bevor das Ballettensemble auf Kufen seine Zuschauer in die Traumwelt der kleinen Clara entführt, haben zwölf Techniker aus Deutschland und Russland damit begonnen, die Voraussetzungen für die Eisballett-Inszenierung zu schaffen. Michael Enchelmaier, als technischer Leiter verantwortlich für den Aufbau und die gesamte Technik, ist vor Ort, um sich ein Bild vom Standort und der Größe der Bühne zu machen. „Das ist wichtig, damit die Licht- und Tontechniker keine Probleme bekommen“, erklärt er. Für den eigentlichen Aufbau der Eisfläche sind zwei Eismeister verantwortlich. Sie kommen aus Russland, ebenso wie die Eismaschine draußen vor dem Bühneneingang, und kennen diese Maschine laut Enchelmaier in- und auswendig. Bevor sie zum Einsatz kommt, wird der Bühnenboden mit einer riesigen Folie ausgekleidet. Darauf kommt ein Holzrahmen mit zwei weiteren Schichten Folie, damit der Untergrund absolut wasserdicht ist, sowie Styrodur-Platten als Isolierung und für eine bessere Flexibilität der Eisfläche.

In diesen Rahmen wird das Kühlsystem verlegt. Neun riesige Kühlmatten mit je 32 meterlangen Kühlschläuchen werden vorsichtig entrollt und nebeneinander auf dem Boden platziert. Die beiden Eismeister prüfen immer wieder auf eventuelle Knicke, die im schlimmsten Fall für Undichtigkeiten sorgen könnten. Schließlich werden die einzelnen Kühlmatten über lange Schläuche an die Eismaschine angeschlossen. Bis alles sitzt, ist Geschick und Know-How erforderlich.

Für den Laien sehen die vielen Schläuche und Verbindungen aus wie ein riesiges Durcheinander, die beiden Eismeister aber haben alles im Griff. Nach dreieinhalb Stunden sind die Vorbereitungen zu ihrer Zufriedenheit abgeschlossen. Ein Test mit Druckluft hat ergeben, dass das System dicht ist, und sie geben das Okay für den wichtigsten Schritt: Die Eismaschine kommt zum Einsatz. Sie pumpt Glykol in die Kühlmatten. „Dadurch können wir den Boden auf minus zwölf bis minus 15 Grad herunter kühlen“, erklärt der technische Leiter. Um Zeit zu sparen, kommt jetzt erst einmal eine Schicht zerstoßenes Eis auf den kalten Boden. „Wir könnten auch einfach Wasser nehmen“, sagt Enchelmaier, „das würde allerdings mindestens 24 Stunden dauern und damit doppelt so lange, bis die Eisfläche fertig ist.“

Pünktlich zur vereinbarten Zeit um 23:30 Uhr werden 2,5 Tonnen sogenanntes „Crush-Eis“ aus Wuppertal angeliefert. Für das Helfer-Team bedeutet das, fünfeinhalb Paletten mit kleinen blauen Säcken voller Eis zu entladen und auf der Bühne zu verteilen. Durch Stampfen mit den Füßen lockern sie das Eis in den Säcken auf. Anschließend leeren sie die Säcke, verteilen das Eis gleichmäßig und glätten die Oberfläche.

Nach fast sechs Stunden hat sich die Bühne in der Kampa-Halle in eine Eisfläche verwandelt. Für einen Großteil der Bühnenhelfer heißt das: erst einmal Feierabend und ein paar Stunden Schlaf im Hotel. Für die beiden Eismeister beginnt nun die Nachtschicht, denn spiegelglatt ist das Eis noch nicht. Um perfekte Bedingungen für die Eis-Artisten zu erreichen, sprühen die Eismeister halbstündlich Wasser auf die vorbereitete Eisfläche und ziehen sie immer wieder zu einer glatten Fläche ab. Abwechselnd sind sie damit bis zum späten Vormittag des nächsten Tages beschäftigt. Etwa 18 Stunden braucht es also mindestens, um allein die Eisfläche zu errichten, vorausgesetzt es läuft wie in Minden alles glatt. Die eigentliche Show dauert gut eineinhalb Stunden. Danach wird das Eis mit Metallstampfern zerstoßen und abgetragen.

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