Minden (mt). „Wir haben geliefert!“, sagt Marcus Henninger froh gelaunt und auch ein bisschen stolz. Denn seine 1. Bürgerkompanie hat Wort gehalten: Im Zusammenspiel mit dem Förderverein „Die Kornblumenträger“, deren Vorsitzender der Kompaniechef auch noch ist, hat die „Erste“ einen mehr als nur symbolischen Brückenschlag gewagt und auch verwirklicht. Auf der Rückseite der kleinsten, aber am besten erhaltenen Fortifikation der einstigen preußischen Bahnhofsbefestigung haben Kompanie und Förderer eine Brücke gebaut, eine Fluchtbrücke.

Vom Erfolg können sich zahlreiche Besucher des Neujahrsempfangs der 1. Bürgerkompanie an diesem Sonntagmorgen mit eigenen Augen überzeugen. Die große Bedeutung des kleinen Bauwerks zeigt allein schon die Anwesenheit der drei stellvertretenden Bürgermeister Ulrieke Schulze, Egon Stellbrink und Harald Steinmetz nebst der Ortsvorsteher des Rechten Weserufers, Jan-Niklas Sietas, und aus Dankersen, Renate Schermer, sowie des Baubeigeordneten Lars Bursian. Denn in diesem Jahr sind Rat und Verwaltung der Stadt gefordert.

Information

Die Geschichte des Fort C als Teil der Mindener Bahnhofsbefestigung

Minden war nach Angaben der 1. Bürgerkompanie von 1815 bis 1873 die stärkst preußische Festung zwischen Rhein und Elbe. Als wichtigstem Weserübergang und als Grenzort zum Königreich Hannover kam der Stadt eine besondere strategische Bedeutung zu. Mi dem Bau der 1847 eröffneten Köln-Mindener Eisenbahn ergab sich unter Festungsgesichtspunkten eine völlig neue Lage, das der auch militärisch wichtige Bahnhof weit östlich von der Stadt auf dem rechten Weserufer lag und in die Befestigung einbezogen werden musste.

1845 wurde beschlossen, das Bahnhofsgebäude auf der hohen Ufergasse großräumig mit starken Lünetten zu umschließen und diese mit Wall-Linien und krenelierten Mauern zu verbinden. Das wesentlich tiefer gelegene Gelände von Masch und Werder mit der Senke des Osterbaches konnte in diese annähernd viertelkreisförmigen Befestigungslinien nicht einbezogen werden. Zur Sicherung des Vorgeländes der Brückkopfbefestigung wie zum Schutz der Weserfront der Stadtbefestigung wurde daher das Fort C als vorgeschobenes Werk konzipiert. 1846 bis 1852 wurde es nach Entwurf des Ingenieurs vom Platz, Major Hardenack, ausgeführt, der auch die Bauleitung für die Bahnhofsbefestigungen hatte. Es liegt südlich vorgelagert hart an der Trasse der Eisenbahn und war durch einen Kommunikationsdamm neben der Bahn, der zum Kölner Eisenbahntor führte, mit der Bahnhofsbefestigung verbunden.

Das Fort bildet ein bastionsartiges Fünfeck mit Kernwerk, Reduit genannt, Erdwällen und Mauern, die von Wassergraben, gedecktem Weg und Glacis umgeben sind. Im Zentrum liegt das zweigeschossige Reduit mit pilzförmigem Grundriss. Das massive, rund 1,80 Meter strake Bruchsteinmauerwerk ist außen mit Porta-Sandstein verblendet. Über der Gewölbedecke liege eine bombenfeste, besuchssichere Erdaufschüttung von rund 1,50 Meter Dicke mit Grassodenbelag. Die Kasematten des Obergeschossen haben elf Kanonenscharten. Das Untergeschoss ist zur Gewehrverteidigung eingerichtet. Außerdem befanden sich im Inneren ein Pulvermagazin, eine Latrine und ein Brunnen zu Frischwasserversorgung. Das Obergeschoss war mit Öfen heizbar.

Im Hof des Forts liegt halb im Wall vor dem Reduit eine weitere Kasematte mit Wachraum, Latrine und Pulvermagazin. Durch den umgebenden Wall führen zwei Poternen, tunnelartige Gänge, zu den Grabenstreichen in den Schulterpunkten, von denen aus der Graben und der gedeckte Weg unter Gewehrfeuer genommen werden konnten.

Im Armierungsfall bei Kriegsgefahr wurden die Kanonen über die Rampen auf den Wall gebracht. Die Armierungspläne von 1848 und nach 1867 sahen für Fort C vier bzw. fünf Geschütze vor. Für den Fall, dass der Gegner die Wälle des Forts bestürmte und einnahm, sollte das Reduit eine selbstständige Verteidigung ermöglichen. Die Soldaten hätten sich dann durch das Tor in der westlichen Kehlmauer in das Reduit zurückgezogen. Zu diesen Zweck war der Platz von den beiden Zugbrücken durch einen kleinen Tambour, eine Mauer mit Schießscharten, geschützt. Der Tambour wurde nach der Aufhebung der Festung abgebrochen, nur seine Fundamentmauern sind noch sichtbar.

Während die meisten Mindener Festungswerke nach 1873 größtenteils abgebrochen oder planiert wurden, blieb das Fort C dank seiner abseitigen Lage nahezu vollständig erhalten und wurde um 1900 teilweise privatisiert. In der NS-Zeit diente das Reduit als Kameradschaftsheim der SA. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Fort von mehreren Bomben getroffen; danach verfiel es allmählich.

Als bedeutendes Denkmal für den militärisch geprägten Teil der Stadtgeschichte wurde es 1986 bis 1992 grundlegend saniert, in seiner ursprünglichen Gestalt wiederhergestellt und für Ausstellungen nutzbar gemacht. Frühe Pläne, das spätere Preußen-Museum dort einzurichten, wurden nicht umgesetzt. Dank seiner nahezu vollständigen Erhaltung ist das Fort C heute ein markantes Beispiel für ein Befestigungswerk des neupreußischen Systems um die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Erstaunlicherweise ist selbst in Fachkreisen keine Ansichtskarte von Fort C bekannt, wie dies bei den beiden anderen Forts A und B der Fall ist. Der Sammler und Kenner Achim Zwiefka bemüht sich seit Jahren vergeblich, ein Exemplar aufzutreiben, und hofft auf Hinweise.

Es geht dabei um mehr als ein kleines Bauwerk. „Mit der Vollendung einer neuen Fluchtbrücke ist die historische Befestigungsanlage Fort C wieder veranstaltungstauglich“, hebt Hauptmann Henninger die weiter reichende Bedeutung hervor. Nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf hatte die auf beiden Weserufern beheimatete 1. Kompanie des Bürgerbataillons die über die Grenzen des Stadtteils hinaus beliebte „Nacht am Fort C“ auf die Beine gestellt und damit auch für den Erhalt des militärarchitektonischen Kleinods geworben. Dazu hatten die Verantwortlichen sogar den Förderverein „Die Kornblumenträger“ ins Leben gerufen. Doch wegen der Verschärfung der Versammlungsstättenverordnung – als Folge des „Love Parade“-Unglücks 2010 – fehlte mit einem Schlag der erforderliche zweite Flucht- und Rettungsweg.

Die entscheidenden Vorarbeiten haben 1. Bürgerkompanie und Kornblumenträger in den zurückliegenden Monaten geschaffen. An der Südseite schlugen sie im wahrsten Sinne des Wortes eine hölzerne Brücke auf die andere Seite des Wassergrabens, der das Fort C dort umgibt. Dafür musste zunächst das Gelände freigeästet und der Boden verdichtet werden, bevor ein Autokran vier jeweils anderthalb Tonnen schwere und 18 Meter lange Leimbinder über den Graben legen konnte. Danach folgten die Verlegung von stabilen Holzdielen – beides wiederverwertet von einer im städtischen Glacis ersetzten Brückenkonstruktion, von der auch das eiserne Geländer stammt. Die Beschaffung des Baumaterials wurde durch Westfalen Weser Netz (WWN) gefördert. Ende sichert nun ein Tor die Brücke und das Fort vor ungebetenen Besuchern durch die Hintertür – ganz im Sinne der preußischen Erbauer.

Vorausgegangen war eine dreijährige Planung und Aufbauarbeit, um in Abstimmung mit dem Eigentümer der denkmalgeschützten Anlage, der Stadt Minden, die gegenwärtige Lösung zu finden. Dabei musste zuvor ein Notausgang aus den Kellergewölben des Reduits in den Innenhof angelegt werden. Von dort führt der neue Weg über einen Wehrgang, eine der beiden Poternen, unter dem äußeren Wall hindurch direkt zur neuen Fluchtbrücke neben einem der Grabenstreiche, von deren Schießscharten aus die Festungsbesatzung im nie eingetretenen Belagerungszustand Angreifer mit Gewehren beschossen hätten. Die seit der Erbauung bestehende Ausfalltür reicht jedoch nach den neuen Bestimmungen nicht aus und muss vergrößert werden. Das ist Sache der Stadt, die ebenso noch den Weg durch die Poterne und hinunter zur Brücke besser befestigen und so, wie vereinbart, ihren Beitrag zum Gelingen des Gesamtprojektes leisten muss. „Alles, was in unserer Macht steht, wollen wir tun, dass dies möglichst schnell über die Bühne geht und das Fort C bald wieder ganzjährig genutzt werden kann“, versprach Egon Stellbrink, stellvertretend für seine Stellvertreterkollegen.

Die 1. Bürgerkompanie hofft, dass es dieses Jahr noch klappt.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.