Philosoph mit Bauwagen und Handy

Von Ute Michels

Wie viel braucht der Mensch? Sven Stemmer lebt auf Detmolder Campus das Prinzip "Weniger"

Detmold (umi). Der Bauwagen von Philosoph und Literaturwissenschaftler Sven Stemmer steht auf einem kleinen Parkplatz hinter der Hochschule Ostwestfalen in Detmold – neben großen Müllcontainern und abgestellten Autos. Kein idyllischer Ort für einen Mann, der sich ein halbes Jahr lang auf kleinstem Raum darauf besinnen will, wie wenig ein moderner Mensch für ein zufriedenes Leben braucht.

Ein Mann, ein Bauwagen: Der Detmolder Philosoph Sven Stemmer denkt

ein halbes Jahr auf kleinstem Raum nach, mit wie wenig Dingen ein moderner Mensch auskommt. - © Fotos: Ute Michels
Ein Mann, ein Bauwagen: Der Detmolder Philosoph Sven Stemmer denkt
ein halbes Jahr auf kleinstem Raum nach, mit wie wenig Dingen ein moderner Mensch auskommt. (© Fotos: Ute Michels)

Stemmer, der Literaturwissenschaft und Philosophie studiert hat, will mit dem Experiment zeigen, dass Genügsamkeit ein Leben nicht ärmer, sondern reicher machen kann.

Drinnen ist es hell und luftig. Stemmer nutzte professionelles Know-how: Innenarchitektur-Studenten haben sein Refugium entworfen. Weiße Wände. Ein Bett am Ende des Raums. Ein Tisch und zwei Bänke können ineinandergeschoben werden, passen neben eine Art Küchenzeile. Über der Spüle hängt eine Gießkanne, verlangt bewussten Umgang mit Wasser.

Sven Stemmer mag die karge Möblierung. "Krempel lenkt nur ab", findet der 40-Jährige. Außerdem müssen für Besitz wie große Häuser und andere Statussymbole Zeit und Geld zum Instandhalten investiert werden. "Hier habe ich in zwei Minuten durchgefegt und dann Zeit für anderes", sagt er. Zum Beispiel für seine Doktorarbeit über Literaturrezeption Anfang des 20. Jahrhunderts.

Gießkanne statt Wasserhahn: Sven Stemmer verzichtet in seinem Domizil auf Zeit durchaus auf Komfort.
Gießkanne statt Wasserhahn: Sven Stemmer verzichtet in seinem Domizil auf Zeit durchaus auf Komfort.

Sein Bauwagen-Experiment heißt "Diogenes-Projekt". Doch mit dem Philosophen, der aus voller Überzeugung als Obdachloser in der Antike auf Korinths Straßen lebte, hat Stemmer wenig Ähnlichkeit - zumindest äußerlich. Der Doktorand ist glatt rasiert, trägt akkurat, stufig geschnittenes kurzes Haar mit zur Seite gekämmtem Pony.
Als er im Sommer von einer 85-Quadratmeter-Wohnung in den elf Quadratmeter kleinen Bauwagen zog, hatte er nur 30 Dinge im Rucksack. "Der moderne Mensch besitzt durchschnittlich 10 000 Gegenstände", hat Stemmer gelesen. Aber auch er ist relativ durchschnittlich, hat nicht nur Wohnung und Besitz, sondern Lebensgefährtin und kleine Tochter.

Bei Familie setzt der Mann, wie er sagt, zurzeit nicht auf Quantität, sondern "Qualitätszeit". Das Töchterchen geht praktisch um die Ecke in einen Kindergarten – und ist oft bei Papa zu Gast. Seine Freundin scheint sehr tolerant zu sein, findet das Projekt Bauwagen "witzig", erzählt er. Mehr zur Familie ist dem sonst mitteilsamen Mann nicht zu entlocken.

Dafür umso mehr zur Nachhaltigkeit, die für ihn eine große Rolle bei dem Selbstversuch spielt. Der Planet Erde werde auf Dauer dieses Konsumtempo nicht aushalten, ist sich der Mann sicher, der mal Biologie studiert hat. Soziale Umwälzungen hält er für nicht unwahrscheinlich, wenn Erdölreserven irgendwann aufgebraucht sind.

In langen Monologen wird deutlich, dass Stemmer unsere Zukunft alles andere als rosig sieht. Er, der nicht wie ein typischer Umweltaktivist wirkt, lehnt politische Ideologie und Kampfbegriffe ab. "Ich finde es besser, die Gesellschaft aus dem Mittelstand heraus zu verändern", sagt er. Und betont: "Ich bin kein Aussteiger."

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Philosoph mit Bauwagen und HandyWie viel braucht der Mensch? Sven Stemmer lebt auf Detmolder Campus das Prinzip "Weniger"Von Ute MichelsDetmold (umi). Der Bauwagen von Philosoph und Literaturwissenschaftler Sven Stemmer steht auf einem kleinen Parkplatz hinter der Hochschule Ostwestfalen in Detmold – neben großen Müllcontainern und abgestellten Autos. Kein idyllischer Ort für einen Mann, der sich ein halbes Jahr lang auf kleinstem Raum darauf besinnen will, wie wenig ein moderner Mensch für ein zufriedenes Leben braucht.Stemmer, der Literaturwissenschaft und Philosophie studiert hat, will mit dem Experiment zeigen, dass Genügsamkeit ein Leben nicht ärmer, sondern reicher machen kann.Drinnen ist es hell und luftig. Stemmer nutzte professionelles Know-how: Innenarchitektur-Studenten haben sein Refugium entworfen. Weiße Wände. Ein Bett am Ende des Raums. Ein Tisch und zwei Bänke können ineinandergeschoben werden, passen neben eine Art Küchenzeile. Über der Spüle hängt eine Gießkanne, verlangt bewussten Umgang mit Wasser.Sven Stemmer mag die karge Möblierung. "Krempel lenkt nur ab", findet der 40-Jährige. Außerdem müssen für Besitz wie große Häuser und andere Statussymbole Zeit und Geld zum Instandhalten investiert werden. "Hier habe ich in zwei Minuten durchgefegt und dann Zeit für anderes", sagt er. Zum Beispiel für seine Doktorarbeit über Literaturrezeption Anfang des 20. Jahrhunderts.Sein Bauwagen-Experiment heißt "Diogenes-Projekt". Doch mit dem Philosophen, der aus voller Überzeugung als Obdachloser in der Antike auf Korinths Straßen lebte, hat Stemmer wenig Ähnlichkeit - zumindest äußerlich. Der Doktorand ist glatt rasiert, trägt akkurat, stufig geschnittenes kurzes Haar mit zur Seite gekämmtem Pony.Als er im Sommer von einer 85-Quadratmeter-Wohnung in den elf Quadratmeter kleinen Bauwagen zog, hatte er nur 30 Dinge im Rucksack. "Der moderne Mensch besitzt durchschnittlich 10 000 Gegenstände", hat Stemmer gelesen. Aber auch er ist relativ durchschnittlich, hat nicht nur Wohnung und Besitz, sondern Lebensgefährtin und kleine Tochter.Bei Familie setzt der Mann, wie er sagt, zurzeit nicht auf Quantität, sondern "Qualitätszeit". Das Töchterchen geht praktisch um die Ecke in einen Kindergarten – und ist oft bei Papa zu Gast. Seine Freundin scheint sehr tolerant zu sein, findet das Projekt Bauwagen "witzig", erzählt er. Mehr zur Familie ist dem sonst mitteilsamen Mann nicht zu entlocken.Dafür umso mehr zur Nachhaltigkeit, die für ihn eine große Rolle bei dem Selbstversuch spielt. Der Planet Erde werde auf Dauer dieses Konsumtempo nicht aushalten, ist sich der Mann sicher, der mal Biologie studiert hat. Soziale Umwälzungen hält er für nicht unwahrscheinlich, wenn Erdölreserven irgendwann aufgebraucht sind.In langen Monologen wird deutlich, dass Stemmer unsere Zukunft alles andere als rosig sieht. Er, der nicht wie ein typischer Umweltaktivist wirkt, lehnt politische Ideologie und Kampfbegriffe ab. "Ich finde es besser, die Gesellschaft aus dem Mittelstand heraus zu verändern", sagt er. Und betont: "Ich bin kein Aussteiger."Studentenleben auf den Kopf gestelltWünschenswert sei es, wenn Menschen erkennen würden, was ihnen wirklich wichtig im Leben ist. Dann hätte es Werbung nicht so leicht, die Menschen in einen "Turbo-Konsum" zu treiben und ihnen "permanent ins Stammhirn zu langen", formuliert Stemmer scharfzüngig. In seinem Blog www.diogenes-projekt.de schreibt er seine Gedanken auf und bietet an der Hochschule Gesprächsabende zum Thema Bedürfnislosigkeit an. Er, der auch als Journalist und Dozent arbeitet, könnte sich vorstellen, ein Buch über diese sechs Monate zu schreiben.Ohne Professorin Eva Filter gäbe es das Projekt an der Hochschule nicht. Bei ihr hat Stemmer eines Tages an die Bürotür geklopft, für sein Experiment und eine passende Behausung geworben. Filter war begeistert. "Für Innenarchitektur-Studenten ist es unerlässlich, sich mit Bedürfnissen von Menschen auseinanderzusetzen", findet die kleine, quirlige Frau mit den kurzen, roten Haaren.Geld wurde über eine Stiftung und Sponsoren beschafft. Der Vater einer Studentin überließ leihweise den Bauwagen. Über Raumaufteilung und Möbel haben sich 18 Studentinnen und Studenten ein Semester lang im Master-Studiengang den Kopf zerbrochen und jeder einen Entwurf entwickelt. Sie erstellten eine pfiffige, 256 Seiten dicke Dokumentation, in der es um Bedürfnisse, Mangel, Minimalismus und Konsum geht. Sie überlegten, welche wenigen Dinge sie auf eine Insel mitnehmen würden – und richteten den Bauwagen ein.Das Seminar hat das Leben einer Studentin offenbar kräftig durcheinandergewirbelt, erzählt Filter. "Sie hatte einen Freund, der gut verdiente, ihr eine tolle Wohnung mit teuren Möbeln bieten konnte." Für eine angehende Innenarchitektin seien das nicht ganz unbedeutende Statussymbole, merkt Filter an. "Diese Beziehung hat sie über Bord geworfen", berichtet die Professorin und staunt beim Erzählen immer noch darüber, dass die junge Frau diesen großen Schritt machte. "Sie meinte, das Thema habe sie zum Nachdenken gebracht."Hausherr Stemmer denkt auch viel nach, zum Beispiel über ganz lebenspraktische Dinge. Ihm fällt zum Beispiel auf, dass in seinem Wohnraum der Platz für Küchenarbeit knapp bemessen sei. Aber er gehe ohnehin oft in die Mensa, weil das wirtschaftlich und ökologisch sinnvoller sei, als für eine Person zu kochen. Außerdem arbeite er oft in der Unibibliothek. Auf so kleinem Raum sei es vernünftig, Aktivitäten auszulagern. Stemmer: "Ich mache hier schließlich keinen Selbstversuch in Sachen Klaustrophobie." Zudem sei es ökologisch, Gemeinschaftseinrichtungen im urbanen Raum zu nutzen. Stemmer duscht in der Hochschule und geht dort auf Toilette.Bei Schreibblockaden macht der Mann fürs Minimale Spaziergänge oder greift zur Gitarre. Ansonsten gebe es wenig Ablenkung. Radio hören und Fernsehen gucken über Laptop findet er zu umständlich und lässt es deshalb meistens sein. Ein Handy ist für den modernen Philosophen unverzichtbar. "Das ist für mich ein wichtiges Kommunikationsmittel." Außerdem decke so ein kleines Gerät viele Funktionen ab und spare Platz, findet er.Auch das "alte" Leben bleibt nicht verschontAn diesem Tag nimmt Jana Kottmeier den Bauwagen interessiert in Augenschein. Die Studentin hat ihn mitgeplant. Heute sieht sie das ungewöhnliche Wohnobjekt zum ersten Mal im fertigen Zustand. Die 24-Jährige konnte beim Umbau wegen eines Berufspraktikums nicht dabei sein.Die junge Frau hört Stemmer aufmerksam zu, wenn er über sein Projekt "Weniger" spricht. Die Innenarchitektin in spe hat im vergangenen halben Jahr bei ihrem Praktikum anderes zu hören bekommen. Die Kunden seien meist wohlhabend, wollten Fülle und keinen Mangel, berichtet sie. "In meinem Business ist weniger Besitz nicht gefragt", sagt sie bedauernd.Stemmer dagegen meint: "Es ist verblüffend, wie wenig man tatsächlich braucht." Sein "altes" Leben bleibt von dieser Erkenntnis nicht verschont. In seiner Wohnung füllen sich Kartons mit aussortierten Dingen, die er nicht mehr braucht. Es scheint, dass das Diogenes-Projekt mit Auszug aus dem Bauwagen für ihn noch lange nicht beendet ist.