Glanzbilder - heile Welt auf Papier gebannt

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Firma Ernst Freihoff aus dem Münsterland ist Weltmarktführer für Glanzbilder

Coesfeld (tik). Der Weihnachtsmann in seinem dicken Mantel, unschuldig dreinblickende Kinder, ein Engel auf seiner Wolke – sie alle sind hier in der unscheinbaren Halle in einem Gewerbegebiet mitten im Münsterland versammelt.

In tausend- und abertausendfacher Ausfertigung, zweidimensional in einer Gestalt, die manchem noch dunkel aus früher Kindheit, anderen aber nur noch aus Geschichten am Kaminfeuer bekannt sind. Die Rede ist von Glanzbildern. Die Coesfelder Firma Ernst Freihoff stellt sie noch her – wohl als der einzig verbliebene Massenhersteller weltweit.

"Jeder Bogen hat eine Nummer, anhand der Händler selbst einzelne Exemplare nachbestellen können", sagt Ralph-Thorsten Freihoff. - © Foto: Kötters
"Jeder Bogen hat eine Nummer, anhand der Händler selbst einzelne Exemplare nachbestellen können", sagt Ralph-Thorsten Freihoff. (© Foto: Kötters)

Das Unternehmen lenken heute Anne-Ruth und Ralph-Thorsten Freihoff in zweiter Generation. Ihr Vater Ernst hatte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg angefangen. Inmitten der von reinen Tauschgeschäften geprägten Zeit vor der Währungsreform bekam er einige der Bilder in die Hände. Nach der Währungsreform 1948 beschloss er, sich selbstständig zu machen. Zunächst handelte er lediglich mit Glanzbildern. "Als immer mehr existierende Firmen aufgaben und mein Vater schließlich merkte, dass er wohl der letzte im Glanzbildgeschäft war, baute er in den 70er Jahren eine eigene Produktion auf", erinnert sich Ralph-Thorsten Freihoff.

Weitsichtig hatte sich der Unternehmer bereits Rechte an vielen Bildmotiven gesichert. "Da gehört bis heute viel Idealismus dazu", sagt der Sohn, der gemeinsam mit seiner Schwester nach dem Tod des Vaters im Jahr 2000 die Firma übernahm.

Information
Glanzbilder
  • Glanzbilder, auch "Oblaten" genannt, kamen in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Umlauf, nachdem ein neues Druckverfahren, die "Chromolithographie" (Steindruck) erfunden worden war.
  • Damit konnten bunte Bilder erstmals massenhaft auf Papier gebannt werden. Glanzbilder, die im Gegensatz zu Stickern nicht selbstklebend sind, entwickelten sich zu begehrten Tausch- und Sammelobjekten und wurden nicht nur in Poesiealben geklebt, sondern auch an Weihnachtsbäume gehängt.
  •  Heute werden die Glanzbilder der Firma Freihoff in einem modernen Offset-Druckverfahren hergestellt.

Wer heute das Glück hat, durch das Firmengebäude in Coesfeld geführt zu werden, kann ein bisschen davon nachvollziehen. Inmitten von Bildern, die Engel, kleine Mädchen und festlich geschmückte Tannenbäume zeigen, beschleicht einen unwillkürlich ein Gefühl der heilen Welt. Genau diese Nostalgie ist es, die die Glanzbilder bis heute zu einem Verkaufsschlager machen. "Vor allem in Asien haben wir sehr großen Erfolg", sagt Ralph-Thorsten Freihoff, für den diese Tatsache angesichts der vor christlicher Symbolik nur so strotzenden Bilder zunächst überraschend war. Im Gespräch mit einem japanischen Händler bekam er aber eine einfache Erklärung dafür. "Die Menschen dort haben mir gesagt: ,Das ist einfach anders als das, was wir hier haben’".

Wie viele unterschiedliche Bilder sie im Angebot haben? "Das werden wir oft gefragt", sagt Anne-Ruth Freihoff. "Wir haben aber noch nie gezählt." Ständig im Angebot seien über 350 Bögen, die zwischen einem und sage und schreibe 262 Motive vereinten. Gedruckt werden die Bilder im Ruhrgebiet.

Verwaltung, Lager und Vertrieb befinden sich in Coesfeld. Und auch die Endverarbeitung erfolgt hier – oder von zahlreichen Mitarbeitern in Heimarbeit erledigt. Der klassische Glanzbilderbogen besteht nämlich aus mehreren Bildern, die nur von dünnen Papierstegen zusammengehalten werden. Die unbedruckten Zwischenräume herauszutrennen – das ist reine Handarbeit. Arbeit, die übrigens auch Insassen von nordrhein-westfälischen Justizvollzugsanstalten erledigen.

Das "gewisse Etwas", das vor allem Kinderaugen zum Strahlen bringt, bekommt ein Teil der Bilder ebenfalls im Münsterland. Goldenes oder silbernes Glitzerpulver findet erst hier den Weg aufs Papier.

Mehr als ein Weihnachtsthema

Wer vermutet, dass sich trotz aller Zeitlosigkeit vor allem die älteren Generationen an den Glanzbildern erfreuen, liegt goldrichtig. "Das sind Leute ab 45 Jahren", sagt Ralph-Thorsten Freihoff. Der Hauptverwendungszweck der Bildchen ist nahezu ausgestorben. Glanzbilder in ein Poesiealbum kleben und mit liebevollen Worten versehen – das macht heute kaum jemand mehr.

Viktoria Peters und Ilka Henke bereiten den Versand vor. - © Foto: Kötters
Viktoria Peters und Ilka Henke bereiten den Versand vor. (© Foto: Kötters)

Als Bastel- und Dekoartikel sind Glanzbilder beliebt wie nie. Angst, dass die Zeit der schönen Bildchen vorbei sein könnte, haben die Geschwister Freihoff deshalb nicht.

Schließlich sind Glanzbilder mehr als ein Weihnachtsthema. Blumen, Osterhasen oder Engel verkaufen sich das ganze Jahr. "Ich gehe davon aus, dass die Bilder alle Zeiten überdauern werden", sagt Ralph-Thorsten Freihoff.

Ein kleines Anzeichen dafür war eine Ausstellung in einem Theater im sauerländischen Iserlohn. Dort baten die Organisatoren den Coesfelder, der Bilder aus seiner Privatsammlung zeigte, wegen des großen Interesses, doppelt so viele Exponate mitzubringen, wie ursprünglich geplant.

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Glanzbilder - heile Welt auf Papier gebanntFirma Ernst Freihoff aus dem Münsterland ist Weltmarktführer für GlanzbilderCoesfeld (tik). Der Weihnachtsmann in seinem dicken Mantel, unschuldig dreinblickende Kinder, ein Engel auf seiner Wolke – sie alle sind hier in der unscheinbaren Halle in einem Gewerbegebiet mitten im Münsterland versammelt.In tausend- und abertausendfacher Ausfertigung, zweidimensional in einer Gestalt, die manchem noch dunkel aus früher Kindheit, anderen aber nur noch aus Geschichten am Kaminfeuer bekannt sind. Die Rede ist von Glanzbildern. Die Coesfelder Firma Ernst Freihoff stellt sie noch her – wohl als der einzig verbliebene Massenhersteller weltweit.Das Unternehmen lenken heute Anne-Ruth und Ralph-Thorsten Freihoff in zweiter Generation. Ihr Vater Ernst hatte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg angefangen. Inmitten der von reinen Tauschgeschäften geprägten Zeit vor der Währungsreform bekam er einige der Bilder in die Hände. Nach der Währungsreform 1948 beschloss er, sich selbstständig zu machen. Zunächst handelte er lediglich mit Glanzbildern. "Als immer mehr existierende Firmen aufgaben und mein Vater schließlich merkte, dass er wohl der letzte im Glanzbildgeschäft war, baute er in den 70er Jahren eine eigene Produktion auf", erinnert sich Ralph-Thorsten Freihoff.Weitsichtig hatte sich der Unternehmer bereits Rechte an vielen Bildmotiven gesichert. "Da gehört bis heute viel Idealismus dazu", sagt der Sohn, der gemeinsam mit seiner Schwester nach dem Tod des Vaters im Jahr 2000 die Firma übernahm.Wer heute das Glück hat, durch das Firmengebäude in Coesfeld geführt zu werden, kann ein bisschen davon nachvollziehen. Inmitten von Bildern, die Engel, kleine Mädchen und festlich geschmückte Tannenbäume zeigen, beschleicht einen unwillkürlich ein Gefühl der heilen Welt. Genau diese Nostalgie ist es, die die Glanzbilder bis heute zu einem Verkaufsschlager machen. "Vor allem in Asien haben wir sehr großen Erfolg", sagt Ralph-Thorsten Freihoff, für den diese Tatsache angesichts der vor christlicher Symbolik nur so strotzenden Bilder zunächst überraschend war. Im Gespräch mit einem japanischen Händler bekam er aber eine einfache Erklärung dafür. "Die Menschen dort haben mir gesagt: ,Das ist einfach anders als das, was wir hier haben’".Wie viele unterschiedliche Bilder sie im Angebot haben? "Das werden wir oft gefragt", sagt Anne-Ruth Freihoff. "Wir haben aber noch nie gezählt." Ständig im Angebot seien über 350 Bögen, die zwischen einem und sage und schreibe 262 Motive vereinten. Gedruckt werden die Bilder im Ruhrgebiet.Verwaltung, Lager und Vertrieb befinden sich in Coesfeld. Und auch die Endverarbeitung erfolgt hier – oder von zahlreichen Mitarbeitern in Heimarbeit erledigt. Der klassische Glanzbilderbogen besteht nämlich aus mehreren Bildern, die nur von dünnen Papierstegen zusammengehalten werden. Die unbedruckten Zwischenräume herauszutrennen – das ist reine Handarbeit. Arbeit, die übrigens auch Insassen von nordrhein-westfälischen Justizvollzugsanstalten erledigen.Das "gewisse Etwas", das vor allem Kinderaugen zum Strahlen bringt, bekommt ein Teil der Bilder ebenfalls im Münsterland. Goldenes oder silbernes Glitzerpulver findet erst hier den Weg aufs Papier.Mehr als ein WeihnachtsthemaWer vermutet, dass sich trotz aller Zeitlosigkeit vor allem die älteren Generationen an den Glanzbildern erfreuen, liegt goldrichtig. "Das sind Leute ab 45 Jahren", sagt Ralph-Thorsten Freihoff. Der Hauptverwendungszweck der Bildchen ist nahezu ausgestorben. Glanzbilder in ein Poesiealbum kleben und mit liebevollen Worten versehen – das macht heute kaum jemand mehr.Als Bastel- und Dekoartikel sind Glanzbilder beliebt wie nie. Angst, dass die Zeit der schönen Bildchen vorbei sein könnte, haben die Geschwister Freihoff deshalb nicht.Schließlich sind Glanzbilder mehr als ein Weihnachtsthema. Blumen, Osterhasen oder Engel verkaufen sich das ganze Jahr. "Ich gehe davon aus, dass die Bilder alle Zeiten überdauern werden", sagt Ralph-Thorsten Freihoff.Ein kleines Anzeichen dafür war eine Ausstellung in einem Theater im sauerländischen Iserlohn. Dort baten die Organisatoren den Coesfelder, der Bilder aus seiner Privatsammlung zeigte, wegen des großen Interesses, doppelt so viele Exponate mitzubringen, wie ursprünglich geplant.