Mindener Tageblatt

Alte Holzräder und heiße Feuerspuren

Von Ute Michels

Großes Spektakel: Am Ostersonntag rollen im lippischen Lügde brennende Eichenräder den Berg hinunter

Lügde (umi). Sven Biesemeiers Hände sind mit Russ bedeckt. Seit dem frühen Nachmittag stopft der stämmige Lipper langes Roggenstroh zwischen die dicken Speichen eines verkohlt aussehenden, großen Eichenrads. 120 Kilo passen in die sechs Räder mit den 1,70 Meter Durchmessern. Biesemeier ist Mitglied des Dechenvereins, der die Tradition des Osterräderlaufs im kleinen Lügde bewahrt.

Schöner Anblick mit Gänsehauteffekt: Wie orangerote Feuerbälle rollen die großen Osteräder laut knisternd und Glut hochwirbelnd den Berg hinunter. Jedes Jahr an Ostersonntag wiederholt sich das Schauspiel im lippischen Lügde. - © Fotos: Ute Michels
Schöner Anblick mit Gänsehauteffekt: Wie orangerote Feuerbälle rollen die großen Osteräder laut knisternd und Glut hochwirbelnd den Berg hinunter. Jedes Jahr an Ostersonntag wiederholt sich das Schauspiel im lippischen Lügde. (© Fotos: Ute Michels)

Ganz genau weiß keiner der 15 Männer in den grünen Latzhosen und Jacken, wie lange dieser alte Brauch zurückreicht. Sicher sind sich Historiker, dass es eine heidnisch-germanische Tradition ist, die etwa 270 Kilo schweren Räder mit Stroh zu bestücken und am Ostersonntag nach Einbruch der Dunkelheit mit einer Fackel anzuzünden. Und sie schließlich mit viel Schwung - eine Feuerspur hinter sich herziehend - den Berg hinunter laufen zu lassen.

Schöner Anblick mit Gänsehauteffekt: Wie orangerote Feuerbälle rollen die großen Osteräder laut knisternd und Glut hochwirbelnd den Berg hinunter. Jedes Jahr an Ostersonntag wiederholt sich das Schauspiel im lippischen Lügde. - © Fotos: Ute Michels
Schöner Anblick mit Gänsehauteffekt: Wie orangerote Feuerbälle rollen die großen Osteräder laut knisternd und Glut hochwirbelnd den Berg hinunter. Jedes Jahr an Ostersonntag wiederholt sich das Schauspiel im lippischen Lügde. (© Fotos: Ute Michels)


Wann es das erste Mal in Lügde geschah, wird wahrscheinlich niemand mehr herausfinden können. Schriftliche Quellen gibt es aus der Zeit nicht. Aber man vermutet, dass ein Fruchtbarkeitskult um die germanische Frühlingsgöttin Ostara dahinter steckt, und dass die brennenden Räder auch als Freudenfeuer für den weichenden Winter galten.



Für die Dechen von heute mag die Geburtsstunde dieser Tradition nicht mehr wichtig sein. Die Männer wissen aber, dass oft schon ihre Großväter und Väter jeden Ostersonntag hier oben auf dem 235 Meter hohen Osterberg standen, jahrzehntelang das Stroh an die Räder befestigten und die Kunst des Runterzuschiebens der Räder beherrschten.



Schöner Anblick mit Gänsehauteffekt: Wie orangerote Feuerbälle rollen die großen Osteräder laut knisternd und Glut hochwirbelnd den Berg hinunter. Jedes Jahr an Ostersonntag wiederholt sich das Schauspiel im lippischen Lügde. - © Fotos: Ute Michels
Schöner Anblick mit Gänsehauteffekt: Wie orangerote Feuerbälle rollen die großen Osteräder laut knisternd und Glut hochwirbelnd den Berg hinunter. Jedes Jahr an Ostersonntag wiederholt sich das Schauspiel im lippischen Lügde. (© Fotos: Ute Michels)

"Das ist ein Handwerk, das in den Familien oft an die nächste Generation weitergegeben wird", berichtet Dieter Stumpe, der Pressewart des Dechenvereins. Der große, hagere Mann mit der strengen, schmalen Nase ist schon seit über 50 Jahren bei den Dechen. Sein Neffe Uwe Stumpe ist Vorsitzender des Dechenvereins Lügde. Familiennamen wie Windemuth, Schlüter und Wennemann fallen häufiger im Gespräch. Deche zu sein ist hier in Lügde Ehrensache. Und: Das Dechenhandwerk muss erlernt werden. "Die Jungen müssen den Alten drei Jahre lang über die Schulter gucken", so der 71-Jährige.

Das Roggenstroh muss besonders lang sein
Denn mit dem Stopfen der Räder ist es nicht getan. Der dazu notwendige Roggen, eine alte und besonders hochgewachsene Sorte, wird von den Dechen selber angebaut und im Spätsommer mit einer alten Dreschmaschine das Korn aus den Ähren geklopft. Das Holz für die großen Räder muss auf besondere Weise getrocknet werden.



Die Räder werden eine Wochen vor Ostern im Flüsschen Emmer gewässert, damit sie beim Strohanzünden kein Feuer fangen. Haselruten dienen als Befestigung für das Roggenstroh. Auf den Rädern sind Sprüche wie "Meine Ahnen sind Kelten und Germanen, jetzt lauf ich in Christi Namen" (1985) und "Deutschland einig Vaterland" aus dem Wiedervereinigungs-Jahr 1990 eingekerbt.

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Mindener TageblattAlte Holzräder und heiße FeuerspurenGroßes Spektakel: Am Ostersonntag rollen im lippischen Lügde brennende Eichenräder den Berg hinunterVon Ute MichelsLügde (umi). Sven Biesemeiers Hände sind mit Russ bedeckt. Seit dem frühen Nachmittag stopft der stämmige Lipper langes Roggenstroh zwischen die dicken Speichen eines verkohlt aussehenden, großen Eichenrads. 120 Kilo passen in die sechs Räder mit den 1,70 Meter Durchmessern. Biesemeier ist Mitglied des Dechenvereins, der die Tradition des Osterräderlaufs im kleinen Lügde bewahrt.Ganz genau weiß keiner der 15 Männer in den grünen Latzhosen und Jacken, wie lange dieser alte Brauch zurückreicht. Sicher sind sich Historiker, dass es eine heidnisch-germanische Tradition ist, die etwa 270 Kilo schweren Räder mit Stroh zu bestücken und am Ostersonntag nach Einbruch der Dunkelheit mit einer Fackel anzuzünden. Und sie schließlich mit viel Schwung - eine Feuerspur hinter sich herziehend - den Berg hinunter laufen zu lassen.Wann es das erste Mal in Lügde geschah, wird wahrscheinlich niemand mehr herausfinden können. Schriftliche Quellen gibt es aus der Zeit nicht. Aber man vermutet, dass ein Fruchtbarkeitskult um die germanische Frühlingsgöttin Ostara dahinter steckt, und dass die brennenden Räder auch als Freudenfeuer für den weichenden Winter galten.Für die Dechen von heute mag die Geburtsstunde dieser Tradition nicht mehr wichtig sein. Die Männer wissen aber, dass oft schon ihre Großväter und Väter jeden Ostersonntag hier oben auf dem 235 Meter hohen Osterberg standen, jahrzehntelang das Stroh an die Räder befestigten und die Kunst des Runterzuschiebens der Räder beherrschten."Das ist ein Handwerk, das in den Familien oft an die nächste Generation weitergegeben wird", berichtet Dieter Stumpe, der Pressewart des Dechenvereins. Der große, hagere Mann mit der strengen, schmalen Nase ist schon seit über 50 Jahren bei den Dechen. Sein Neffe Uwe Stumpe ist Vorsitzender des Dechenvereins Lügde. Familiennamen wie Windemuth, Schlüter und Wennemann fallen häufiger im Gespräch. Deche zu sein ist hier in Lügde Ehrensache. Und: Das Dechenhandwerk muss erlernt werden. "Die Jungen müssen den Alten drei Jahre lang über die Schulter gucken", so der 71-Jährige.Das Roggenstroh muss besonders lang seinDenn mit dem Stopfen der Räder ist es nicht getan. Der dazu notwendige Roggen, eine alte und besonders hochgewachsene Sorte, wird von den Dechen selber angebaut und im Spätsommer mit einer alten Dreschmaschine das Korn aus den Ähren geklopft. Das Holz für die großen Räder muss auf besondere Weise getrocknet werden.Die Räder werden eine Wochen vor Ostern im Flüsschen Emmer gewässert, damit sie beim Strohanzünden kein Feuer fangen. Haselruten dienen als Befestigung für das Roggenstroh. Auf den Rädern sind Sprüche wie "Meine Ahnen sind Kelten und Germanen, jetzt lauf ich in Christi Namen" (1985) und "Deutschland einig Vaterland" aus dem Wiedervereinigungs-Jahr 1990 eingekerbt.An Ostersonntagen herrscht in Lügde jedes Jahr eine Art Ausnahmezustand. Bereits am Morgen ziehen die Brauchtumshüter durch die historische Altstadt mit den kleinen, schiefen Fachwerkhäusern und den scheunentorartigen Haustüren. Auf den von laut tuckernden Traktoren oder kräftigen Kaltblütern gezogenen Holzkarren liegen die sechs mit frischem Grün geschmückten Eichenräder, die auf den Berg transportiert werden. Spielmannszüge und Musikkapellen aus dem Umland ziehen musizierend durch das kleine an der Emmer gelegene Städtchen. Immerhin, um die 600 Lügder gehören dem Dechenverein an. Praktisch die ganze Stadt ist an dem Tag auf den Beinen.Unten am erst vor wenigen Jahren neu gestalteten Emmerufer reihen sich die Fressbuden aneinander. Ein Bauernmarkt mit Hühnerschau, Bürstenständen, Schmiedevorführungen, Marmeladenangebot sorgt für rustikales Landkolorit.Wenn die Dämmerung einsetzt, wird die Stimmung immer erwartungsvoller. Ein Bollerschuss aus einer Kanone ist immer zu hören, wenn ein Rad gerade fertig gestopft ist. Das lädt die Atmosphäre zusätzlich auf. Teenager, ältere Leute und Familien mit Kindern gehen den Berg hoch, wollen das Geschehen von oben sehen. Doch der größte Teil der Zuschauer versammelt sich im Tal, will von dort aus beobachten, wie die brennenden Osterräder über Stock, Stein und große Huckel hüpfen und jede Menge Glut hochwirbeln.Ein alter Brauch sagt: "Laufen die Räder bis ins Tal, gibt es eine gute Ernte." Manchmal gerät eines der sechs Räder auf Abwege, landet seitlich links und rechts auf halber Strecke in irgendwelchen Schutzzäunen. Früher, als die Menschen noch mehr den Naturgewalten ausgesetzt waren und unter Missernten litten, mag sie das mit Sorge erfüllt haben. Heutzutage quittieren die neuzeitlichen Zuschauer das nur mit einem enttäuscht klingenden, langgezogenen "Aaaahhhh!".Und wo Feuer ist, ist natürlich auch die Feuerwehr. Zahllose Sicherheitskräfte in langen, orangefarbenen Jacken und weißen Helmen haben an dem Abend die Schaulustigen an den Absperrungen im Blick. Sie passen auf, dass die vielen Zuschauer hinter den rot-weißen Flatterbändern bleiben. Die kümmern sich auch darum, dass die Glut ausgetreten wird, die das auseinanderfallende, brennende Stroh der großen Osterräder verursacht.Ordentlicher Schubs mit der langen MetallstangeAuch oben, wo zwei Dechen das Stroh mit Fackeln entzünden und ein dritter Mann mit einer langen Metallstange dem Rad Anschwung gibt, drängen die Feuerwehrleute neugierigen Zuschauer zurück. Dennoch, die Menschen sind trotz aller Vorsichtsmaßnahmen sehr nahe am Geschehen. Der feierliche Akt des Anzündens, das Knistern des brennenden Strohs, die Hitze des Feuers und die flirrende Glut geben dem jahrhundertlangen Ritual eine unwirkliche Atmosphäre.Sivalingam Mohan liebt das Schauspiel. Der gebürtige Tamile lebt schon lange in Deutschland und kommt gerne vom nahe gelegenen Bad Pyrmont zum Osterräderlauf. Er er immer dicht dabei, wenn die mit strohgefüllten Räder entzündet werden. Das Feuerspektakel erinnert ihn an ein Lichterfest in seiner alten Heimat. Der freundlich lächelnde Altenpfleger denkt dann an das Fest Diwali, bei dem im November Kerzen vor den Häusern aufgestellt werden."Was schön ist, sollte bewahrt werden", sagt der Mann über das lippische Brauchtum. So denken auch die Dechen - und bereiten Jahr um Jahr immer wieder alles für das große Feuerspektakel im kleinen Lügde vor.