Mindener Tageblatt

Die Blockflöte als historischer Irrtum

veröffentlicht

Auf der "Musikburg Sternberg" können Besucher Musikgeschichte erleben

Extertal (mt). Fast jeder, der als Kind Blockflöte gespielt hat, hat schon einmal mit Peter Harlan zu tun gehabt - auch wenn die meisten es nicht wissen: Er gehörte zu den Musikern, die in den 1920er Jahren die Blockflöte wiederentdeckten. Dabei beging er jedoch einen historischen Irrtum mit weitreichenden Folgen - bis ins lippische Örtchen Extertal hinein.

Nach wie vor ist der Gedanke des Musizierens für Jedermann ein zentrales Ziel der "Musikburg".
Nach wie vor ist der Gedanke des Musizierens für Jedermann ein zentrales Ziel der "Musikburg".

Auf der Burg Sternberg, mitten in der nordlippischen Wald- und Hügellandschaft, fand der 1898 in Berlin geborene Peter Harlan den idealen Ort, um seiner Musikleidenschaft zu frönen. Dafür ging er gegen Ende des Zweiten Weltkriegs sogar das Risiko einer Befehlsverweigerung ein. Denn eigentlich sollte der Luftwaffenoffizier die Burg 1945 zerstören, weil sie ein Sprengstofflager barg. Peter Harlan jedoch tauchte ab - und sorgte so dafür, dass die historische Anlage erhalten blieb.

Impressionen aus der Werkstatt: von Ersatzteilen über historische Originalteile bis zu Werkzeugen
Impressionen aus der Werkstatt: von Ersatzteilen über historische Originalteile bis zu Werkzeugen


Walter Waidosch demonstriert im "klingenden Museum" wie er das Holz einer alten Geige mit Lack behandelt.
Walter Waidosch demonstriert im "klingenden Museum" wie er das Holz einer alten Geige mit Lack behandelt.

"Vielleicht hat man ihm die Burg deshalb auch als Wohnsitz für seine Familie verpachtet - als Dankeschön sozusagen", meint Walter Waidosch. Der Musikwissenschaftler und Instrumentenbauer verwaltet heute das Erbe des einstigen Burgherren. Der machte seinen Traum wahr und baute den auf das 13. Jahrhundert zurückgehenden Gebäudekomplex zur "Musikburg Sternberg" aus. Er begnügte sich nicht mit dem Sammeln und Nachbauen von Instrumenten, sondern musizierte selbst und gab zudem Musikunterricht und Instrumentenbau-Kurse.

Instrumente aus dem "klingenden Museum" - die Blockflöten sind auch zum aktiven Ausprobieren gedacht.
Instrumente aus dem "klingenden Museum" - die Blockflöten sind auch zum aktiven Ausprobieren gedacht.


Nach wie vor ist der Gedanke des Musizierens für Jedermann ein zentrales Ziel der "Musikburg".
Nach wie vor ist der Gedanke des Musizierens für Jedermann ein zentrales Ziel der "Musikburg".

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Peter Harlan ganz dem Nachbau und Spiel historischer Instrumente verschrieben. Es war die Zeit, als Laute und Co. wiederentdeckt wurden. Im sächsischen Markneukirchen hatte der junge Instrumentenbauer eine Werkstatt zum Bau mittelalterlicher Instrumente gegründet und sich 1926 unter anderem für die Rekonstruktion der eben erst wiederentdeckten Blockflöte begeistert, erzählt Walter Waidosch: "Damals wusste niemand mehr, wie Blockflöten gebaut werden.

Walter Waidosch demonstriert im "klingenden Museum" wie er das Holz einer alten Geige mit Lack behandelt.
Walter Waidosch demonstriert im "klingenden Museum" wie er das Holz einer alten Geige mit Lack behandelt.

Instrumentensammlung im Dornröschenschlaf
Er hat dann ein Original nachgedrechselt, aber schnell gemerkt, dass die Grifftechnik komplizierter war als er dachte. Von der Gitarre war er es gewohnt, dass man die Finger nacheinander heben musste, um eine Tonleiter zu spielen. So musste es auch bei der Blockflöte funktionieren, dachte er, und baute sie entsprechend um."

Schon bald erkannte der Wahl-Lipper, dass die von ihm entwickelte "deutsche Griffweise" ein Fehler war - doch zu spät: Die Flöten mit dem markanten kleinen Loch an der dritten Stelle von unten gingen in Serie. Denn die kinderleichte Handhabung kam den Zielen der damaligen Jugendmusikbewegung entgegen, weiß Walter Waidosch: "Fritz Jöde, einer der großen Köpfe der Jugendmusikbewegung, sagte: Die Kinder brauchen das, deshalb bleiben wir bei dieser Griffweise."

Als die Harlans nach dem Tod von Peter Harlan Burg Sternberg verließen, verklangen die mittelalterlichen Töne hoch oben auf dem bewaldeten Burgberg. Die Instrumentensammlung blieb erhalten, fiel jedoch wie die gesamte Anlage in einen Dornröschenschlaf. Bis 2004 der gebürtige Münchener Walter Waidosch es übernahm, die mehr als 100 Violen und Blockföten, Fiedeln, Klavichords, Dudelsäcke und weitere Instrumente, im Original ebenso wie als Nachbau, in der hauseigenen Instrumentenwerkstatt fachgerecht zu restaurieren und im "klingenden Museum" auszustellen. Zudem gibt er Instrumentenbauworkshops und bringt bei Konzerten mit seinem Ensemble "Cordatum" selbst immer wieder Instrumente aus Mittelalter und Renaissance zum Klingen - ganz im Sinne seines Vorgängers auf der "Musikburg Sternberg".

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Mindener TageblattDie Blockflöte als historischer IrrtumAuf der "Musikburg Sternberg" können Besucher Musikgeschichte erlebenExtertal (mt). Fast jeder, der als Kind Blockflöte gespielt hat, hat schon einmal mit Peter Harlan zu tun gehabt - auch wenn die meisten es nicht wissen: Er gehörte zu den Musikern, die in den 1920er Jahren die Blockflöte wiederentdeckten. Dabei beging er jedoch einen historischen Irrtum mit weitreichenden Folgen - bis ins lippische Örtchen Extertal hinein.Auf der Burg Sternberg, mitten in der nordlippischen Wald- und Hügellandschaft, fand der 1898 in Berlin geborene Peter Harlan den idealen Ort, um seiner Musikleidenschaft zu frönen. Dafür ging er gegen Ende des Zweiten Weltkriegs sogar das Risiko einer Befehlsverweigerung ein. Denn eigentlich sollte der Luftwaffenoffizier die Burg 1945 zerstören, weil sie ein Sprengstofflager barg. Peter Harlan jedoch tauchte ab - und sorgte so dafür, dass die historische Anlage erhalten blieb."Vielleicht hat man ihm die Burg deshalb auch als Wohnsitz für seine Familie verpachtet - als Dankeschön sozusagen", meint Walter Waidosch. Der Musikwissenschaftler und Instrumentenbauer verwaltet heute das Erbe des einstigen Burgherren. Der machte seinen Traum wahr und baute den auf das 13. Jahrhundert zurückgehenden Gebäudekomplex zur "Musikburg Sternberg" aus. Er begnügte sich nicht mit dem Sammeln und Nachbauen von Instrumenten, sondern musizierte selbst und gab zudem Musikunterricht und Instrumentenbau-Kurse.Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Peter Harlan ganz dem Nachbau und Spiel historischer Instrumente verschrieben. Es war die Zeit, als Laute und Co. wiederentdeckt wurden. Im sächsischen Markneukirchen hatte der junge Instrumentenbauer eine Werkstatt zum Bau mittelalterlicher Instrumente gegründet und sich 1926 unter anderem für die Rekonstruktion der eben erst wiederentdeckten Blockflöte begeistert, erzählt Walter Waidosch: "Damals wusste niemand mehr, wie Blockflöten gebaut werden.Instrumentensammlung im DornröschenschlafEr hat dann ein Original nachgedrechselt, aber schnell gemerkt, dass die Grifftechnik komplizierter war als er dachte. Von der Gitarre war er es gewohnt, dass man die Finger nacheinander heben musste, um eine Tonleiter zu spielen. So musste es auch bei der Blockflöte funktionieren, dachte er, und baute sie entsprechend um."Schon bald erkannte der Wahl-Lipper, dass die von ihm entwickelte "deutsche Griffweise" ein Fehler war - doch zu spät: Die Flöten mit dem markanten kleinen Loch an der dritten Stelle von unten gingen in Serie. Denn die kinderleichte Handhabung kam den Zielen der damaligen Jugendmusikbewegung entgegen, weiß Walter Waidosch: "Fritz Jöde, einer der großen Köpfe der Jugendmusikbewegung, sagte: Die Kinder brauchen das, deshalb bleiben wir bei dieser Griffweise."Als die Harlans nach dem Tod von Peter Harlan Burg Sternberg verließen, verklangen die mittelalterlichen Töne hoch oben auf dem bewaldeten Burgberg. Die Instrumentensammlung blieb erhalten, fiel jedoch wie die gesamte Anlage in einen Dornröschenschlaf. Bis 2004 der gebürtige Münchener Walter Waidosch es übernahm, die mehr als 100 Violen und Blockföten, Fiedeln, Klavichords, Dudelsäcke und weitere Instrumente, im Original ebenso wie als Nachbau, in der hauseigenen Instrumentenwerkstatt fachgerecht zu restaurieren und im "klingenden Museum" auszustellen. Zudem gibt er Instrumentenbauworkshops und bringt bei Konzerten mit seinem Ensemble "Cordatum" selbst immer wieder Instrumente aus Mittelalter und Renaissance zum Klingen - ganz im Sinne seines Vorgängers auf der "Musikburg Sternberg".