Radikales Arbeitszeitmodell: Unternehmer führt den Fünf-Stunden-Tag ein

Kurt Ehmke

13 Uhr, Feierabend: Mark Mühlberger kann gleich den Rechner ausmachen, während vor seinem Schreibtisch Kollege Mario Klassen bereits von Chef Lasse Rheingans (r.) bis morgen verabschiedet wird. Rheingans hat den Fünf-Stunden-Tag eingeführt. - © Wolfgang Rudolf
13 Uhr, Feierabend: Mark Mühlberger kann gleich den Rechner ausmachen, während vor seinem Schreibtisch Kollege Mario Klassen bereits von Chef Lasse Rheingans (r.) bis morgen verabschiedet wird. Rheingans hat den Fünf-Stunden-Tag eingeführt. (© Wolfgang Rudolf)

Bielefeld (nw). Der 16. Oktober war der Tag, an dem zwölf Kollegen einer Digital-Kommunikationsagentur erfuhren, dass sie Teil eines wohl bundesweit einmaligen Versuchs werden. Ihre Agentur war just an Lasse Rheingans verkauft worden - nun saß der neue Chef vor ihnen und verkündete eine Idee, die die IT-Leute kurz überprüfen ließ, ob sie träumten oder wach waren.

Rheingans (37) wollte über den Fünf-Stunden-Tag sprechen - bei gleicher Bezahlung, gleichen Rechten, gleichem Urlaubsanspruch. Arbeitszeit: 8 bis 13 Uhr. Teilzeit? Nein. Homeoffice? Nein. Überstunden? Nein. Wochenendarbeit? Nein. Alles andere? Bis Ende Februar ausprobieren, diskutieren, austarieren, überprüfen, anpassen. Nur eines wurde abgeschafft: Sogenannte Zielvereinbarungen mit einzelnen Mitarbeitern. Rheingans: "Das führt meist zu einem Gegeneinander - dann werden persönliche Ziele über die des Teams gestellt."

"Haben uns gefreut, haben aber auch Sorgen gehabt"

Nun ist ein Monat vergangen - und liegt noch ein Vierteljahr vor den Mitarbeitern, in dem die Vision Realität ist, das Modell getestet wird.

Bisher läuft's. Die Agentur im Crüwell-Haus - aus "Überblick" wurde "Rheingans Digital Enabler" - brummt. "Bisher fühle ich mich bestätigt", sagt der Medienwissenschaftler. Und auch seine Kollegen wirken zufrieden. Jana Burdach (34): "Wir haben uns zuerst gefreut, dann aber auch Sorgen gehabt." Klappt das? Wie kommt es bei Kunden an?

Bisher überwiege das Positive. Zwar sei sie "mittags oft echt richtig kaputt", aber das Mehr an Zeit für Hund, Hobby, Freunde, Familie wiege das auf. Noch arbeiteten alle Kollegen an sich und der Arbeitsstruktur. Rheingans hat dabei keine Verbote ausgesprochen, er drängt aber auf alles, was effektives Arbeiten fördert: Es wird wenig gequasselt, soziale Medien sollen wenig Raum bekommen, Ebay und andere Internetseiten sollten außen vor sein, Musik wird kaum gehört, das Handy als ständiger Aufmerksamkeitsfänger liegt besser in der Schublade als griffbereit. Gespräche haben einen Fahrplan, auch zeitlich; Konferenzen kein offenes Ende. Burdach: "Durch Besprechungen rasen wir jetzt durch und schweifen nicht ins Private ab - ich strukturiere meinen Tag sauber in Stunden."

Mitarbeiter kommen motiviert zur Arbeit

Das passt zu Rheingans' Credo: "Fünf Stunden hochkonzentriert arbeiten bis zur Mittagspause - das kann dasselbe Ergebnis bringen wie die üblichen acht bis neun Stunden." Wer nachmittags freie Zeit habe, komme morgens hoch motiviert zur Arbeit, wisse, wofür er dann fünf Stunden lang diszipliniert und konzentriert arbeite.

Dass das nicht auf Knopfdruck geht, spürt Projektleiterin Burdach durchaus. Mittags ist sie oft müder als früher - und abends denkt sie regelmäßig über die Struktur des nächsten Arbeitstages nach. Was, wann, wo, wie.

Für Rheingans, der zwar konsequent an das Thema herangeht, aber nicht dogmatisch, ist das in Ordnung. Er will auch Ausnahmen zulassen, so auch einmal einen notwendigen Kundentermin am Nachmittag. Oder auch die bezahlte Fortbildung außerhalb des Vormittags. Aber: Eine Erosion soll es nicht geben, kein schleichendes Zurück.

Team kocht regelmäßig zusammen

Dass der Fünf-Stunden-Tag auch sozialen Sprengstoff birgt, wird am Beispiel der Raucher deutlich. Burdach: "Wir sind hier ein kleines, weitgehend auch miteinander befreundetes Team - aber beim Thema Raucherpause ist zu spüren, dass das Fragen aufwirft."

Fragen, die Rheingans freitags klären will: Regelmäßig kocht das Team nach dem Ende der Arbeitszeit ab 13 Uhr zusammen - und diskutiert dabei all die Fragen, die das neue Konzept aufwirft. Dann wird über Notfallnummern für den Nachmittag geredet, über Disziplin, über Belastungen und wie sie gemeistert werden können. Für Rheingans ist das wichtig: "Dieser Kulturwandel hier, der kann nicht von oben verordnet werden."

Sein Vorbild kommt aus den USA: Stephan Aarstol, Chef der Firma Tower, führte 2015 den Fünf-Stunden-Tag ein.

Bis heute. Mit Erfolg.

Das sagen die IHK, die Gewerkschaft, das Arbeitsamt

  • Harald Grefe (IHK): „Von einer so ungewöhnlichen Zeitreduktion habe ich noch nie gehört. Wer eine hohe Kundenorientierung hat, wird aber sicher nicht um Nachmittagstermine herumkommen. Nur starr am Vormittag zu arbeiten, das geht da sicher nicht. Ich finde das sehr mutig, eine Prognose, ob sich das durchsetzt, wage ich nicht. Aber gerade in umkämpften Boom-Branchen werden wir solche oder ähnliche Modelle sicher bald häufiger sehen."
  • Martina Schu (Verdi): „Perspektivisch wird es immer mehr in diese Richtung gehen – nicht in allen Branchen, aber in einigen. Junge Leute wollen heute Zeit für die Familie, das Hobby – sie sagen ganz klar, dass sie nicht nur arbeiten wollen, sondern auch leben; jetzt, hier, heute. Auch deshalb ist es ein echtes Zukunftsthema, die Arbeitszeit neu zu denken. Gerade in kreativen und innovativen Bereichen tritt nach zu langer Arbeitszeit eine Überforderung ein."
  • Matthias Dainat (Agentur für Arbeit): „Ich komme aus der Arbeitgeberbetreuung – von sowas habe ich bei uns noch nicht gehört. Das Modell spricht mehr Bewerbergruppen an, so die Teilzeitklientel und Menschen, die zu Hause jemanden pflegen müssen. Die jüngere Generation, die auf die Work-Life-Balance achtet, dürfte das ansprechen. Es bleibt aber die Frage, was von mir erwartet wird: Muss ich in fünf Stunden dasselbe leisten wie sonst in acht Stunden?"

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Radikales Arbeitszeitmodell: Unternehmer führt den Fünf-Stunden-Tag einKurt EhmkeBielefeld (nw). Der 16. Oktober war der Tag, an dem zwölf Kollegen einer Digital-Kommunikationsagentur erfuhren, dass sie Teil eines wohl bundesweit einmaligen Versuchs werden. Ihre Agentur war just an Lasse Rheingans verkauft worden - nun saß der neue Chef vor ihnen und verkündete eine Idee, die die IT-Leute kurz überprüfen ließ, ob sie träumten oder wach waren. Rheingans (37) wollte über den Fünf-Stunden-Tag sprechen - bei gleicher Bezahlung, gleichen Rechten, gleichem Urlaubsanspruch. Arbeitszeit: 8 bis 13 Uhr. Teilzeit? Nein. Homeoffice? Nein. Überstunden? Nein. Wochenendarbeit? Nein. Alles andere? Bis Ende Februar ausprobieren, diskutieren, austarieren, überprüfen, anpassen. Nur eines wurde abgeschafft: Sogenannte Zielvereinbarungen mit einzelnen Mitarbeitern. Rheingans: "Das führt meist zu einem Gegeneinander - dann werden persönliche Ziele über die des Teams gestellt." "Haben uns gefreut, haben aber auch Sorgen gehabt" Nun ist ein Monat vergangen - und liegt noch ein Vierteljahr vor den Mitarbeitern, in dem die Vision Realität ist, das Modell getestet wird. Bisher läuft's. Die Agentur im Crüwell-Haus - aus "Überblick" wurde "Rheingans Digital Enabler" - brummt. "Bisher fühle ich mich bestätigt", sagt der Medienwissenschaftler. Und auch seine Kollegen wirken zufrieden. Jana Burdach (34): "Wir haben uns zuerst gefreut, dann aber auch Sorgen gehabt." Klappt das? Wie kommt es bei Kunden an? Bisher überwiege das Positive. Zwar sei sie "mittags oft echt richtig kaputt", aber das Mehr an Zeit für Hund, Hobby, Freunde, Familie wiege das auf. Noch arbeiteten alle Kollegen an sich und der Arbeitsstruktur. Rheingans hat dabei keine Verbote ausgesprochen, er drängt aber auf alles, was effektives Arbeiten fördert: Es wird wenig gequasselt, soziale Medien sollen wenig Raum bekommen, Ebay und andere Internetseiten sollten außen vor sein, Musik wird kaum gehört, das Handy als ständiger Aufmerksamkeitsfänger liegt besser in der Schublade als griffbereit. Gespräche haben einen Fahrplan, auch zeitlich; Konferenzen kein offenes Ende. Burdach: "Durch Besprechungen rasen wir jetzt durch und schweifen nicht ins Private ab - ich strukturiere meinen Tag sauber in Stunden." Mitarbeiter kommen motiviert zur Arbeit Das passt zu Rheingans' Credo: "Fünf Stunden hochkonzentriert arbeiten bis zur Mittagspause - das kann dasselbe Ergebnis bringen wie die üblichen acht bis neun Stunden." Wer nachmittags freie Zeit habe, komme morgens hoch motiviert zur Arbeit, wisse, wofür er dann fünf Stunden lang diszipliniert und konzentriert arbeite. Dass das nicht auf Knopfdruck geht, spürt Projektleiterin Burdach durchaus. Mittags ist sie oft müder als früher - und abends denkt sie regelmäßig über die Struktur des nächsten Arbeitstages nach. Was, wann, wo, wie. Für Rheingans, der zwar konsequent an das Thema herangeht, aber nicht dogmatisch, ist das in Ordnung. Er will auch Ausnahmen zulassen, so auch einmal einen notwendigen Kundentermin am Nachmittag. Oder auch die bezahlte Fortbildung außerhalb des Vormittags. Aber: Eine Erosion soll es nicht geben, kein schleichendes Zurück. Team kocht regelmäßig zusammen Dass der Fünf-Stunden-Tag auch sozialen Sprengstoff birgt, wird am Beispiel der Raucher deutlich. Burdach: "Wir sind hier ein kleines, weitgehend auch miteinander befreundetes Team - aber beim Thema Raucherpause ist zu spüren, dass das Fragen aufwirft." Fragen, die Rheingans freitags klären will: Regelmäßig kocht das Team nach dem Ende der Arbeitszeit ab 13 Uhr zusammen - und diskutiert dabei all die Fragen, die das neue Konzept aufwirft. Dann wird über Notfallnummern für den Nachmittag geredet, über Disziplin, über Belastungen und wie sie gemeistert werden können. Für Rheingans ist das wichtig: "Dieser Kulturwandel hier, der kann nicht von oben verordnet werden." Sein Vorbild kommt aus den USA: Stephan Aarstol, Chef der Firma Tower, führte 2015 den Fünf-Stunden-Tag ein. Bis heute. Mit Erfolg. Das sagen die IHK, die Gewerkschaft, das Arbeitsamt Harald Grefe (IHK): „Von einer so ungewöhnlichen Zeitreduktion habe ich noch nie gehört. Wer eine hohe Kundenorientierung hat, wird aber sicher nicht um Nachmittagstermine herumkommen. Nur starr am Vormittag zu arbeiten, das geht da sicher nicht. Ich finde das sehr mutig, eine Prognose, ob sich das durchsetzt, wage ich nicht. Aber gerade in umkämpften Boom-Branchen werden wir solche oder ähnliche Modelle sicher bald häufiger sehen." Martina Schu (Verdi): „Perspektivisch wird es immer mehr in diese Richtung gehen – nicht in allen Branchen, aber in einigen. Junge Leute wollen heute Zeit für die Familie, das Hobby – sie sagen ganz klar, dass sie nicht nur arbeiten wollen, sondern auch leben; jetzt, hier, heute. Auch deshalb ist es ein echtes Zukunftsthema, die Arbeitszeit neu zu denken. Gerade in kreativen und innovativen Bereichen tritt nach zu langer Arbeitszeit eine Überforderung ein." Matthias Dainat (Agentur für Arbeit): „Ich komme aus der Arbeitgeberbetreuung – von sowas habe ich bei uns noch nicht gehört. Das Modell spricht mehr Bewerbergruppen an, so die Teilzeitklientel und Menschen, die zu Hause jemanden pflegen müssen. Die jüngere Generation, die auf die Work-Life-Balance achtet, dürfte das ansprechen. Es bleibt aber die Frage, was von mir erwartet wird: Muss ich in fünf Stunden dasselbe leisten wie sonst in acht Stunden?"