Höxter-Mordprozess: Anwalt greift Gutachter massiv an

Carsten Linnhoff

Der Angeklagte Wilfried W. (Mitte) sitzt neben seinen Verteidigern Carsten Ernst (l.) und Detlef Binder (r.) im Landgericht Paderborn. - © Foto: Friso Gentsch/dpa
Der Angeklagte Wilfried W. (Mitte) sitzt neben seinen Verteidigern Carsten Ernst (l.) und Detlef Binder (r.) im Landgericht Paderborn. (© Foto: Friso Gentsch/dpa)

Paderborn (lnw). Ein Anwalt mit Wutausbrüchen, ein Gutachter in Erklärungsnot und ein Angeklagter, der dem Experten widerspricht: Am 34. Verhandlungstag im Mordprozess um das sogenannte Horrorhaus von Höxter wurde am Dienstag heftiger als sonst um jedes Wort gekämpft. Nach über einem Jahr Verhandlung am Landgericht Paderborn haben nun die Gutachter das Wort. Die Verteidigung kämpft heftig darum, die Bewertungen der Psychiater aufzuweichen, sofern sie negative Folgen für ihren Mandaten bei der Urteilsfindung haben könnte.

Laut einem dem Gericht vorliegenden vorläufigen Gutachten von Michael Osterheider ist der 47-jährige Angeklagte Wilfried W. nicht nur voll schuldfähig. Der Professor der Uni Regensburg schätzt ihn für die Allgemeinheit als gefährlich ein und er zeige sadistische Züge. Der Gutachter spricht sich für eine Sicherungsverwahrung aus. Nach seiner Ansicht hat Wilfried W. einen Hang zu gravierenden Straftaten.

Detlev Binder, der Wilfried W. als Pflichtverteidiger vertritt, ließ den Gutachter überraschend als Zeugen aussagen. Der Experte sollte zum Ende der Beweisaufnahme noch nicht sein Gutachten vorstellen, sondern schildern, wie sich der Angeklagte in Gesprächen von Mai bis Juni im Gefängnis und im Landgericht ihm gegenüber geäußert hatte.

Dabei sollte Osterheider noch keine Schlüsse ziehen. Es ging allein um die Aussage in den 16 Stunden Gesprächen zwischen Gutachter und Angeklagten. Der Verteidiger griff den Gutachter an wie in einer US-Anwaltsserie. Nach Darstellung von Osterheider hat der Angeklagte in den ausführlichen Gesprächen mit ihm eine Teilschuld eingeräumt.

Darauf ging der Gutachter überraschend nicht weiter ein. Und auch zu Aussagen zu sexuellen Vorlieben des Angeklagten und Quälereien von anderen Frauen neben der mitangeklagten 48-jährigen Angelika W. verstrickte sich der Gutachter in Widersprüche.

Roland Weber, Vertreter einer Nebenklägerin wollte dies nicht überbewerten. „Da wurde geschickt die Zeugen-Aussage mit dem noch vorläufigen Gutachten vermischt", sagte Weber in einer Prozesspause. Aber Weber hatte auch gesehen: Osterheider war unter Druck geraten.

Oberstaatsanwalt Ralf Meyer sprang Osterheider als Ankläger mehrmals zur Seite. Binder aber beantragte, den Gutachter abzulehnen. „Ihm fehlt es an der Kompetenz, er widerspricht sich ständig und ist als Fachmann einfach nicht glaubwürdig", sagte der Anwalt. Kurz zuvor hatte er sich lautstark über den Gutachter dessen Vorgehensweise aufgeregt („nicht nur schlampig, sondern grob schlampig").

Über seinen Antrag wird das Gericht an einem der nächsten Prozesstage entscheiden. Dann will sich auch Osterheider zu dem Vorwurf äußern. Auch vom Angeklagten bekam der Psychiater eine Breitseite. Wilfried W. warf Osterheider vor, ihm Dinge in den Mund gelegt zu haben.

Keinen Widerspruch aber gab es bei der Schilderung des Gutachters, der Angeklagte habe ihm gegenüber ein Teilgeständnis abgelegt. Osterheider hatte berichtet, der Angeklagte habe eingestanden, dass er die Gewaltexzesse in dem Haus hätte stoppen müssen. Auch habe der Angeklagte bei einem der zwei Todesfälle unterlasse Hilfeleistung eingestanden. Er hätte zur Polizei gehen müssen, habe der Angeklagte ihm gegenüber offenbart, schilderte Osterheider. Bislang hatte der Angeklagte alle Vorwürfe stets zurückgewiesen und alle Schuld auf die Mitangeklagte geschoben. Das Gericht hat jetzt weitere Verhandlungstage bis Ende Februar festgelegt.

Über Jahre hinweg soll die beiden Angeklagten Frauen in ein Haus nach Höxter gelockt und schwer misshandelt haben. Der 47-Jährige und die 48-Jährige sind wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt. Zwei Frauen aus Niedersachsen starben infolge Quälereien.

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Höxter-Mordprozess: Anwalt greift Gutachter massiv anCarsten LinnhoffPaderborn (lnw). Ein Anwalt mit Wutausbrüchen, ein Gutachter in Erklärungsnot und ein Angeklagter, der dem Experten widerspricht: Am 34. Verhandlungstag im Mordprozess um das sogenannte Horrorhaus von Höxter wurde am Dienstag heftiger als sonst um jedes Wort gekämpft. Nach über einem Jahr Verhandlung am Landgericht Paderborn haben nun die Gutachter das Wort. Die Verteidigung kämpft heftig darum, die Bewertungen der Psychiater aufzuweichen, sofern sie negative Folgen für ihren Mandaten bei der Urteilsfindung haben könnte. Laut einem dem Gericht vorliegenden vorläufigen Gutachten von Michael Osterheider ist der 47-jährige Angeklagte Wilfried W. nicht nur voll schuldfähig. Der Professor der Uni Regensburg schätzt ihn für die Allgemeinheit als gefährlich ein und er zeige sadistische Züge. Der Gutachter spricht sich für eine Sicherungsverwahrung aus. Nach seiner Ansicht hat Wilfried W. einen Hang zu gravierenden Straftaten. Detlev Binder, der Wilfried W. als Pflichtverteidiger vertritt, ließ den Gutachter überraschend als Zeugen aussagen. Der Experte sollte zum Ende der Beweisaufnahme noch nicht sein Gutachten vorstellen, sondern schildern, wie sich der Angeklagte in Gesprächen von Mai bis Juni im Gefängnis und im Landgericht ihm gegenüber geäußert hatte. Dabei sollte Osterheider noch keine Schlüsse ziehen. Es ging allein um die Aussage in den 16 Stunden Gesprächen zwischen Gutachter und Angeklagten. Der Verteidiger griff den Gutachter an wie in einer US-Anwaltsserie. Nach Darstellung von Osterheider hat der Angeklagte in den ausführlichen Gesprächen mit ihm eine Teilschuld eingeräumt. Darauf ging der Gutachter überraschend nicht weiter ein. Und auch zu Aussagen zu sexuellen Vorlieben des Angeklagten und Quälereien von anderen Frauen neben der mitangeklagten 48-jährigen Angelika W. verstrickte sich der Gutachter in Widersprüche. Roland Weber, Vertreter einer Nebenklägerin wollte dies nicht überbewerten. „Da wurde geschickt die Zeugen-Aussage mit dem noch vorläufigen Gutachten vermischt", sagte Weber in einer Prozesspause. Aber Weber hatte auch gesehen: Osterheider war unter Druck geraten. Oberstaatsanwalt Ralf Meyer sprang Osterheider als Ankläger mehrmals zur Seite. Binder aber beantragte, den Gutachter abzulehnen. „Ihm fehlt es an der Kompetenz, er widerspricht sich ständig und ist als Fachmann einfach nicht glaubwürdig", sagte der Anwalt. Kurz zuvor hatte er sich lautstark über den Gutachter dessen Vorgehensweise aufgeregt („nicht nur schlampig, sondern grob schlampig"). Über seinen Antrag wird das Gericht an einem der nächsten Prozesstage entscheiden. Dann will sich auch Osterheider zu dem Vorwurf äußern. Auch vom Angeklagten bekam der Psychiater eine Breitseite. Wilfried W. warf Osterheider vor, ihm Dinge in den Mund gelegt zu haben. Keinen Widerspruch aber gab es bei der Schilderung des Gutachters, der Angeklagte habe ihm gegenüber ein Teilgeständnis abgelegt. Osterheider hatte berichtet, der Angeklagte habe eingestanden, dass er die Gewaltexzesse in dem Haus hätte stoppen müssen. Auch habe der Angeklagte bei einem der zwei Todesfälle unterlasse Hilfeleistung eingestanden. Er hätte zur Polizei gehen müssen, habe der Angeklagte ihm gegenüber offenbart, schilderte Osterheider. Bislang hatte der Angeklagte alle Vorwürfe stets zurückgewiesen und alle Schuld auf die Mitangeklagte geschoben. Das Gericht hat jetzt weitere Verhandlungstage bis Ende Februar festgelegt. Über Jahre hinweg soll die beiden Angeklagten Frauen in ein Haus nach Höxter gelockt und schwer misshandelt haben. Der 47-Jährige und die 48-Jährige sind wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt. Zwei Frauen aus Niedersachsen starben infolge Quälereien.