Nach Messerattacke auf Polizisten: 16-jährige IS-Anhängerin vor Gericht

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Reisende gehen am Nordwestausgang durch den Hauptbahnhof in Hannover. Eine 15-Jährige hatte dort einen Polizisten am 26.02.2016 mit einem Messer schwer verletzt. Die jetzt 16-jährige Safia S. muss sich von diesem Donnerstag (20.10.2016) an vor dem Oberlandesgericht Celle wegen versuchten Mordes und Unterstützung des IS verantworten. - © Foto: Holger Hollemann/dpa
Reisende gehen am Nordwestausgang durch den Hauptbahnhof in Hannover. Eine 15-Jährige hatte dort einen Polizisten am 26.02.2016 mit einem Messer schwer verletzt. Die jetzt 16-jährige Safia S. muss sich von diesem Donnerstag (20.10.2016) an vor dem Oberlandesgericht Celle wegen versuchten Mordes und Unterstützung des IS verantworten. (© Foto: Holger Hollemann/dpa)

Hannover (dpa) - An eine unmittelbar bevorstehende Terrorattacke denken die zwei Bundespolizisten wohl kaum, als sie im Hauptbahnhof Hannover am 26. Februar eine 15-jährige Schülerin überprüfen. An dem Freitagnachmittag herrscht Hochbetrieb in den Ladenpassagen und Unterführungen. Die Jugendliche ist den Beamten verdächtig hinterhergelaufen. Nach der Routinefrage nach dem Ausweis rammt das Mädchen einem der Beamten unvermittelt ein Gemüsemesser in den Hals und verletzt ihn schwer, der Kollege überwältigt Safia S..

Auf der Suche nach dem Motiv kommt schnell ein möglicher islamistischer Hintergrund ins Spiel. Einige Wochen später sind sich die Ermittler sicher: Die Tat ist eine «Märtyreroperation» für die Terrormiliz Islamischer Staat gewesen. Sie werten den Angriff als die erste vom IS in Deutschland in Auftrag gegebene Terrortat - Monate später folgen die Attacke im Regionalzug bei Würzburg und die Explosion an einem Musikfest in Ansbach.

Wenn die inzwischen 16-jährige Safia S. sich von diesem Donnerstag (20. Oktober) an vor dem Oberlandesgericht Celle wegen versuchten Mordes und Unterstützung des IS verantworten muss, steht eine Frage im Mittelpunkt: Wie konnte sich so ein junges Mädchen für so eine Gewalttat radikalisieren? Die Deutsch-Marokkanerin trägt Kopftuch, im Internet präsentiert sich die Gymnasiastin wie unzählige Altersgenossinnen: Selfies vor dem Kleiderschrankspiegel, Fotos mit Freundinnen, Bilder von Katzen, vom Schlittschuhlaufen und von einem Paris-Ausflug.

Dass die plötzliche Gewalttat der Schülerin einen langen Vorlauf hatte, ist schon Tage später deutlich. Auf Youtube ist Safia bereits 2008 mit dem Salafistenprediger Pierre Vogel beim Rezitieren des Korans zu sehen, als «Unsere kleine Schwester im Islam» präsentiert der Extremist die damals Siebenjährige. Vollends auf dem radikalen Weg ist Safia spätestens am 22. Januar 2016, als sie einen Flug von Hannover nach Istanbul besteigt. Ihr Reiseziel: Der IS in Syrien, wohin kurz zuvor ihr älterer Bruder aufgebrochen war. Während der 18-Jährige in türkischer Haft landet, wird Safia von ihrer Mutter aus Istanbul zurückgeholt, in Hannover erwartet sie die Polizei.

Die späteren Ermittlungen bringen ans Licht, dass die Behörden zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit gehabt hätten, die drohende Gefahr zu bannen. Zwar kassierten die Fahnder Safias Handys ein, die auf Arabisch verfassten Anweisungen des IS zu der Messerattacke übersetzten sie aber erst Anfang März, da ist es schon zu spät. Und auch aus dem Umfeld gab es vorab Hinweise auf die Radikalisierung. So schaltete die Mutter bei der Ausreise der Tochter die Behörden ein. Außerdem gab es Hinweise der Großmutter, eines Lehrers und der Schulleitung. Letztlich wurde die Polizei am Tag der Messerattacke in Safias Schule vorstellig - verhindern konnte das den Angriff nicht.

Mindestens so beunruhigend wie die Radikalisierung der Schülerin ist das Umfeld, in dem sie sich bewegte - die Behörden sehen darin anders als die Landtagsopposition aber keine hannoversche Terrorzelle. So hatte Safia Kontakt zum inzwischen abgetauchten afghanischen Asylbewerber Ahmed A. (23), dem die Behörden in Hannover wegen möglicher Anschlagspläne in seiner Heimat den Ausweis abnahmen. In Celle als Mitwisser der Messerattacke mitangeklagt ist der Deutsch-Syrer Mohamad Hasan K. (20), gegen den die Bundesanwaltschaft weiterhin ermittelt, weil er mit den angeblichen Terrorplänen zu tun haben könnte, die zur Absage des Fußballländerspiels im November in Hannover führten. Nach einem Fluchtversuch wurde K. am 27. September in Griechenland festgenommen, er soll ausgeliefert werden.

Auch wenn Behörden sich von deutlichen Strafen für IS-Unterstützer Abschreckung erhoffen und die Ausreisewelle radikalisierter Jugendlicher Richtung Syrien abebbt, ist den Verantwortlichen anzumerken, dass der Safia-Prozess für die Justiz nicht einfach wird. In welchem Umfang ist die schon als Grundschülerin indoktrinierte Jugendliche schuldfähig, wie stark wurde sie zuletzt von IS-Drahtziehern über Chatnachrichten ferngesteuert und hätten die Behörden nicht früher eingreifen müssen? Ein Stück weit ist das Mädchen wohl auch Opfer - wie ihr Bruder, der nach der Rückkehr nach Hannover in die Psychiatrie eingewiesen wurde.

Maximal drohen der Schülerin zehn Jahre Haft, ihrem Bekannten als Mitwisser fünf Jahre. Wie das Gericht bereits mitteilte ist es möglich, dass die Öffentlichkeit zum Schutz der Jugendlichen von dem Prozess ausgeschlossen wird. Die Hintergründe würden dann hinter verschlossener Türe erörtert.

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Nach Messerattacke auf Polizisten: 16-jährige IS-Anhängerin vor GerichtHannover (dpa) - An eine unmittelbar bevorstehende Terrorattacke denken die zwei Bundespolizisten wohl kaum, als sie im Hauptbahnhof Hannover am 26. Februar eine 15-jährige Schülerin überprüfen. An dem Freitagnachmittag herrscht Hochbetrieb in den Ladenpassagen und Unterführungen. Die Jugendliche ist den Beamten verdächtig hinterhergelaufen. Nach der Routinefrage nach dem Ausweis rammt das Mädchen einem der Beamten unvermittelt ein Gemüsemesser in den Hals und verletzt ihn schwer, der Kollege überwältigt Safia S..Auf der Suche nach dem Motiv kommt schnell ein möglicher islamistischer Hintergrund ins Spiel. Einige Wochen später sind sich die Ermittler sicher: Die Tat ist eine «Märtyreroperation» für die Terrormiliz Islamischer Staat gewesen. Sie werten den Angriff als die erste vom IS in Deutschland in Auftrag gegebene Terrortat - Monate später folgen die Attacke im Regionalzug bei Würzburg und die Explosion an einem Musikfest in Ansbach.Wenn die inzwischen 16-jährige Safia S. sich von diesem Donnerstag (20. Oktober) an vor dem Oberlandesgericht Celle wegen versuchten Mordes und Unterstützung des IS verantworten muss, steht eine Frage im Mittelpunkt: Wie konnte sich so ein junges Mädchen für so eine Gewalttat radikalisieren? Die Deutsch-Marokkanerin trägt Kopftuch, im Internet präsentiert sich die Gymnasiastin wie unzählige Altersgenossinnen: Selfies vor dem Kleiderschrankspiegel, Fotos mit Freundinnen, Bilder von Katzen, vom Schlittschuhlaufen und von einem Paris-Ausflug.Dass die plötzliche Gewalttat der Schülerin einen langen Vorlauf hatte, ist schon Tage später deutlich. Auf Youtube ist Safia bereits 2008 mit dem Salafistenprediger Pierre Vogel beim Rezitieren des Korans zu sehen, als «Unsere kleine Schwester im Islam» präsentiert der Extremist die damals Siebenjährige. Vollends auf dem radikalen Weg ist Safia spätestens am 22. Januar 2016, als sie einen Flug von Hannover nach Istanbul besteigt. Ihr Reiseziel: Der IS in Syrien, wohin kurz zuvor ihr älterer Bruder aufgebrochen war. Während der 18-Jährige in türkischer Haft landet, wird Safia von ihrer Mutter aus Istanbul zurückgeholt, in Hannover erwartet sie die Polizei.Die späteren Ermittlungen bringen ans Licht, dass die Behörden zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit gehabt hätten, die drohende Gefahr zu bannen. Zwar kassierten die Fahnder Safias Handys ein, die auf Arabisch verfassten Anweisungen des IS zu der Messerattacke übersetzten sie aber erst Anfang März, da ist es schon zu spät. Und auch aus dem Umfeld gab es vorab Hinweise auf die Radikalisierung. So schaltete die Mutter bei der Ausreise der Tochter die Behörden ein. Außerdem gab es Hinweise der Großmutter, eines Lehrers und der Schulleitung. Letztlich wurde die Polizei am Tag der Messerattacke in Safias Schule vorstellig - verhindern konnte das den Angriff nicht.Mindestens so beunruhigend wie die Radikalisierung der Schülerin ist das Umfeld, in dem sie sich bewegte - die Behörden sehen darin anders als die Landtagsopposition aber keine hannoversche Terrorzelle. So hatte Safia Kontakt zum inzwischen abgetauchten afghanischen Asylbewerber Ahmed A. (23), dem die Behörden in Hannover wegen möglicher Anschlagspläne in seiner Heimat den Ausweis abnahmen. In Celle als Mitwisser der Messerattacke mitangeklagt ist der Deutsch-Syrer Mohamad Hasan K. (20), gegen den die Bundesanwaltschaft weiterhin ermittelt, weil er mit den angeblichen Terrorplänen zu tun haben könnte, die zur Absage des Fußballländerspiels im November in Hannover führten. Nach einem Fluchtversuch wurde K. am 27. September in Griechenland festgenommen, er soll ausgeliefert werden.Auch wenn Behörden sich von deutlichen Strafen für IS-Unterstützer Abschreckung erhoffen und die Ausreisewelle radikalisierter Jugendlicher Richtung Syrien abebbt, ist den Verantwortlichen anzumerken, dass der Safia-Prozess für die Justiz nicht einfach wird. In welchem Umfang ist die schon als Grundschülerin indoktrinierte Jugendliche schuldfähig, wie stark wurde sie zuletzt von IS-Drahtziehern über Chatnachrichten ferngesteuert und hätten die Behörden nicht früher eingreifen müssen? Ein Stück weit ist das Mädchen wohl auch Opfer - wie ihr Bruder, der nach der Rückkehr nach Hannover in die Psychiatrie eingewiesen wurde.Maximal drohen der Schülerin zehn Jahre Haft, ihrem Bekannten als Mitwisser fünf Jahre. Wie das Gericht bereits mitteilte ist es möglich, dass die Öffentlichkeit zum Schutz der Jugendlichen von dem Prozess ausgeschlossen wird. Die Hintergründe würden dann hinter verschlossener Türe erörtert.