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Vortrag über Geschichte der jüdischen Volksschule in Petershagen

Von Ulrich Westermann

Lehrer in armseligen Verhältnissen / Dr. Gisela Miller-Kipp referiert

Petershagen (Wes). Zum Eröffnungsprogramm der ehemaligen jüdischen Schule Petershagen gehörte ein Vortrag von Dr. Gisela Miller-Kipp. Sie stellte im Alten Amtsgericht Gesellschaftslage und Alltag der jüdischen Volksschulen in Preußen von 1815 bis 1942 dar.

Prof. Gisela Miller-Kipp (Mitte) im Gespräch mit (von links) Petershagens Ortsbürgermeister Wilhelm Lange, Marianne Schmitz-Neuland und Wolfgang Battermann (beide AG Alte Synagoge) sowie (von rechts) Berthold Fahrendorf-Heeren (AG Alte Synagoge), stellvertretender Bürgermeisterin Helga Berg und Cord Rüter (AG Alte Synagoge). - © Foto: Ulrich Westermann
Prof. Gisela Miller-Kipp (Mitte) im Gespräch mit (von links) Petershagens Ortsbürgermeister Wilhelm Lange, Marianne Schmitz-Neuland und Wolfgang Battermann (beide AG Alte Synagoge) sowie (von rechts) Berthold Fahrendorf-Heeren (AG Alte Synagoge), stellvertretender Bürgermeisterin Helga Berg und Cord Rüter (AG Alte Synagoge). (© Foto: Ulrich Westermann)

Eingeladen hatte die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen. Miller-Kipp bezog sich auf 36 Einrichtungen, die es damals im Regierungsbezirk Düsseldorf gegeben hatte. Die Referentin ist emeritierte Professorin mit dem Lehrstuhl für Allgemeine und Historische Erziehungswissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Der Geschichte der jüdischen Volksschulen ist sie über viele Jahre in einem von der Gerda-Henkel-Stiftung getragenen Forschungsprojekt nachgegangen. Unter den Besuchern im Alten Amtsgericht waren auch Mitglieder der Mendel-Grundmann-Gesellschaft aus Vlotho.

Für die jüdischen Eltern wurde im Jahr 1824 verfügt, ihre Kinder von geprüften Privatlehrern unterrichten zu lassen, in die öffentlichen Schulen der Zivilkommunen zu schicken oder eigene Volksschulen aufzumachen. Ein Thema war die Allgemeine Verfügung von 1872 über Volksschulen in Preußen.

"Für jeden Schüler musste es einen Sitzplatz und einen Haken für die Kleidung geben. Alle Jahrgangsstufen sind damals in einem Raum unterrichtet worden. Bei mehr als 80 Kindern wurde eine zweite Klasse aufgemacht. In der ländlichen Region trat diese Regelung erst bei 120 Kindern in Kraft. Von solchen Zahlen konnten jüdische Volksschulen nur träumen", so Miller-Kipp.

Sie beschrieb die Entwicklung der Schulen sowie Amt und Leben ihrer Lehrer. Die Institution einer eigenen Volksschule habe die jüdischen Gemeinden vor unangenehme Fragen der Schulfinanzierung, der kulturellen Profilierung und der religiös-kulturellen Erziehung der nachwachsenden Generation gestellt.

Im Vortrag und der anschließenden Diskussion wurden Parallelen und Unterschiede zu den Verhältnissen in der ehemaligen jüdischen Gemeinde Petershagen zur Sprache gebracht. Aus Miller-Kipps Sicht waren nur wenige Gemeinden in der glücklichen Lage, solch ein Schulgebäude wie in Petershagen zu haben.

Es stammt aus dem Jahr 1796 und wurde von 1844 bis 1916 für Unterricht genutzt. Das Klassenzimmer wurde 1878 bei einem Umbau nach Süden verlegt. Dieser Raum konnte bis zu 24 Schulkinder aufnehmen. Daneben befanden sich das Zimmer für den Lehrer und die Mikwe, das rituelle Tauchbad. Das Schulgebäude diente zusätzlich als Vorraum zur Synagoge.

Lehrer waren meist nur kurz da, da sie in armseligen Verhältnissen leben mussten. Im Durchschnitt wechselten sie alle zwei bis vier Jahre ihre Stelle. Eine Ausnahme war Lehrer Raphael Lazarus. Er hielt es fast 20 Jahre in Petershagen aus, bevor er für höhere Aufgaben in den heutigen Regierungsbezirk Düsseldorf wechselte.

Miller-Kipp wies darauf hin, dass die jüdischen Lehrer häufig unter dem Existenzminimum lebten. "Sie sind überwiegend Junggesellen gewesen, weil sie sich eine Familie nicht leisten konnten. Die Lehrer waren ständig auf der Suche nach besserer Besoldung und einem Nebenerwerb. Ihre Anstellung war oft nur auf sechs Monate oder ein Jahr begrenzt."

Nach dem Novemberpogrom 1938 habe der Unterricht häufig in Baracken stattgefunden. "Ab 1942 wurde in Deutschland allen jüdischen Kindern der Schulbesuch verboten", so Miller-Kipp.

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