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Düstere Zukunft für die Flussfischerei

Von Uwe Vinke

Familienunternehmen Reiter nach Verzehrempfehlung ohne Einnahmen / Aalschocker nur noch für Touristen?

Petershagen-Schlüsselburg (mt). Die Aalschocker unterhalb der Staustufen in Petershagen und Schlüsselburg gehören zum Stadtbild. Für Touristen sind sie ein Hingucker. Dies könnte schon bald vorbei sein.

Mit Sorge blickt Martin Reiter auf seinen Aalfänger am Stauwehr in Schlüsselburg. In diesem Jahr mussten die Netze an Bord bleiben. Niedersachsen warnt vor dem Verzehr von Flussaalen wegen möglicher Dioxinbelastung. Nordrhein-Westfalen untersucht noch. - © MT-Foto: Uwe Vinke
Mit Sorge blickt Martin Reiter auf seinen Aalfänger am Stauwehr in Schlüsselburg. In diesem Jahr mussten die Netze an Bord bleiben. Niedersachsen warnt vor dem Verzehr von Flussaalen wegen möglicher Dioxinbelastung. Nordrhein-Westfalen untersucht noch. (© MT-Foto: Uwe Vinke)

"Ich bin seit 60 Jahren als Aalfischer tätig", blickt Martin Reiter aus Wasserstraße zurück. 1972 ließ er sich den ersten Aalschocker, ein Flussschiff mit Netzauslegern, bauen. "Pro Jahr haben wir bis zu fünf Tonnen Aal aus der Weser geholt", verweist Reiter auf die Lebensgrundlage der Familie.

Der Aalfänger unterhalb des Stauwehrs in Petershagen gehört seit Jahrzehnten zum Stadtbild und ist ein touristischer Anziehungspunkt. MT-Archiv - © foto: Vinke
Der Aalfänger unterhalb des Stauwehrs in Petershagen gehört seit Jahrzehnten zum Stadtbild und ist ein touristischer Anziehungspunkt. MT-Archiv (© foto: Vinke)

1996 übergab er das Unternehmen an seinen Sohn Manfred. Der ist heute auf der Suche nach einem anderen Einkommen, denn die Netze der Aalfänger sind seit Mai nicht mehr in das Weserwasser gekommen. Kein Aal wurde seither gefangen und somit gab es keine Einnahmen.

"Man lässt uns im Regen stehen", schimpft Edeltraud Reiter und Ehemann Martin ergänzt: "Hier ist das Land Nordrhein-Westfalen endlich gefordert".

Im April hatte das Land Niedersachsen nach der Untersuchung von Flussfischen vor dem Verzehr auch von Aalen wegen möglicher Dioxinbelastung gewarnt. Das Land Nordrhein-Westfalen äußerte sich für seine Flusskilometer bis heute nicht. "Wir haben überall nachgefragt und keine Antworten erhalten", erklärt Edeltraud Reiter.

Auf MT-Anfrage teilte das zuständige NRW-Ministerium jetzt mit, dass, wenn das Ergebnis eigener Untersuchungen vorliege, mit einer ähnlichen Verzehrempfehlung auch aus NRW zu rechnen sei. Ergebnisse lägen spätestens Anfang 2012 vor. Probenahmen habe es Ende September gegeben, weiß Edeltraud Reiter.

Verwiesen wird aus Düsseldorf darauf, dass es kein Fangverbot gebe. Fische dürften weiter in der Weser gefangen werden. Jedoch müsse der Fischer jeden Fisch auf seine Belastung untersuchen, bevor er ihn verkaufe. "Er handelt auf eigene Verantwortung", so Wilhelm Deitermann, stellvertretender Pressesprecher des Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz. Stelle die Lebensmittelüberwachung fest, dass die Belastung zu hoch sei, dürfe der Aal nicht verkauft werden.

"Diese Vorgabe lässt sich unmöglich umsetzen", meint Martin Reiter und Ehefrau Edeltraud erklärt: "Da wir keine Zuchtaale verkaufen wollten, haben wir den Verkauf eingestellt". Kunden fragten immer wieder nach und müssten nun schon seit Monaten vertröstet werden.

Martin Reiter vermutet hinter der Verzehrempfehlung die Abschaffung der Flussfischerei auf der Weser. "40 Prozent der Aale sollen jährlich zum Laichen die Nordsee erreichen", verweist er auf Vorgaben des Landes. Dies sei bei sieben Staustufen mit Wasserkraftwerken nicht zu erreichen.

Vor zwei Jahren habe er bei einer Untersuchung für das Land festgestellt, dass allein in Schlüsselburg 30 Prozent der gefangenen Aale durch die Turbinen geschädigt waren. Auch würden die Fischanlagen an den Wehren von den Betreibern nicht gepflegt.

Damals sei ihm das Kaufangebot gemacht worden, den Aalschocker in Petershagen für Touristen zu erhalten. "Wir machen die Weser zum Industriegraben", blickt Martin Reiter in eine düstere Zukunft.

Diese hat für das Familienunternehmen schon begonnen. "Wir leben zurzeit vom Ersparten, aber so geht es nicht weiter", berichtet Edeltraud Reiter. Die Kosten für die Schiffe laufen derweil weiter.

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