Glashütte Gernheim in Liste “Immaterielle Kulturerbe“ aufgenommen

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0512pet-gernheim (© Foto: MT-Archiv)

Petershagen (mt/cko). Die gute Nachricht hat Dr. Katrin Holthaus am Freitagmorgen erhalten. Das Expertenkomitee bei der Deutschen Unesco-Kommission hat die „manuelle Glasfertigung“ in der Glashütte Gernheim gemeinsam mit sechs weiteren Kulturformen als immaterielles Kulturerbe auf nationaler Ebene bewertet. „Natürlich sind wir überglücklich“, sagt die Museumsleiterin auf MT-Anfrage. Sie sieht darin vor allem eine Anerkennung der praxisbezogenen Ausrichtung ihres Industriemuseums. Gewürdigt werde die manuelle Glasfertigung - und damit eine handwerkliche Tradition, die in den vergangenen Jahren immer seltener geworden sei.

Die manuelle Glasfertigung ist neu in der Liste. Das Expertenkomitee folgte der Argumentation der Bewerber, „das implizite Wissen der händischen Glasherstellung durch Praxis, Vernetzung, Dokumentation und Weiterentwicklung für die Zukunft zu bewahren“. Gernheim zeige das Handwerk - und vermittle seinen Besuchern die entsprechenden Hintergründe. Das Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) hatte gemeinsam mit der Glashütte Lamberts in Waldsassen und dem Glasstudio und Museum Baruther Glashütte eine Bewerbung eingereicht.

Die Glaspraktiker und Historiker aus Bayern, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen hatten sich zu einer gemeinschaftlichen länderübergreifenden Bewerbung zusammengeschlossen, um die kulturelle Ausdrucksform der Glasfertigung mit Pfeife und anderen Werkzeugen vor dem Verlust zu bewahren. Glas schließt sich somit an bereits anerkannten 27 Traditionen und Wissensformen an. Mit der Anerkennung ist keine finanzielle oder sonstige Unterstützung verbunden.

Die aktive Überlieferung der manuellen Glasfertigung kann nach Auffassung der Bewerber nun besser betrieben werden. „Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen hatten in der Nachkriegszeit durch Schließung von Fabriken und Automatisierung große Wissensverluste bewirkt“, sagt Dr. Georg Goes vom Museum und Glasstudio Baruther Glashütte. Nun sei es möglich, an vielen Standorten - Manufakturen wie Museen oder Studios - die Lebensfähigkeit der lebendigen Glastradition unter Beweis zu stellen. In ihrer Bewerbung hoben die Fachleute insbesondere die arbeitsteilige Fertigungsweise der manuellem Hohl- und Flachglasherstellung am Schmelzofen hervor, die seit mehr als 2000 Jahren mit der Glasmacherpfeife und anderen Werkzeugen aus Metall und Holz betrieben wird.

Hans Reiner Meindl von der Glashütte Lamberts Waldsassen betont: „Die manuelle Glasherstellung erfordert eine jahrelange Routine und ein qualitativ hochwertiges Arbeiten, das nur in einem exakt aufeinander abgestimmten Team, ähnlich Tänzerinnen auf der Bühne, möglich ist.“ Maßnahmen zur Erhaltung und Bewahrung des Erbes sieht das Glastrio in der Sicherung der bestehenden Ausbildung zum Glasmacher. Sie plädieren außerdem für die Einrichtung eines Studienganges „Glasgestaltung“ mit umfassenderem Praxisanteil. Wichtig sei auch die Zusammenarbeit zwischen Museen, Designern und Hochschulen, um innovative Anwendungen und Produkte zu entwickeln.

Hintergrund

Die Welterbekonvention der Unesco ist das wichtigste Instrument der Völkergemeinschaft zum Schutz des weltweiten Kultur- und Naturerbes. 2006 trat auch ein Abkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes in Kraft. Dabei geht es um Tanz, Theater und Musik, aber auch um Handwerk, Traditionen und Bräuche aus allen Weltreligionen - darunter die Heilig-Blut-Prozession in Brügge, der argentinische Tango, die Mittelmeerküche, die Peking-Oper oder die deutsche Brotkultur. 163 Staaten sind dem Übereinkommen bis heute beigetreten, Deutschland im Juli 2013. Die meisten Einträge hat China (38), gefolgt von Japan (22) und Südkorea (18).

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Glashütte Gernheim in Liste “Immaterielle Kulturerbe“ aufgenommenPetershagen (mt/cko). Die gute Nachricht hat Dr. Katrin Holthaus am Freitagmorgen erhalten. Das Expertenkomitee bei der Deutschen Unesco-Kommission hat die „manuelle Glasfertigung“ in der Glashütte Gernheim gemeinsam mit sechs weiteren Kulturformen als immaterielles Kulturerbe auf nationaler Ebene bewertet. „Natürlich sind wir überglücklich“, sagt die Museumsleiterin auf MT-Anfrage. Sie sieht darin vor allem eine Anerkennung der praxisbezogenen Ausrichtung ihres Industriemuseums. Gewürdigt werde die manuelle Glasfertigung - und damit eine handwerkliche Tradition, die in den vergangenen Jahren immer seltener geworden sei.Die manuelle Glasfertigung ist neu in der Liste. Das Expertenkomitee folgte der Argumentation der Bewerber, „das implizite Wissen der händischen Glasherstellung durch Praxis, Vernetzung, Dokumentation und Weiterentwicklung für die Zukunft zu bewahren“. Gernheim zeige das Handwerk - und vermittle seinen Besuchern die entsprechenden Hintergründe. Das Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) hatte gemeinsam mit der Glashütte Lamberts in Waldsassen und dem Glasstudio und Museum Baruther Glashütte eine Bewerbung eingereicht. Die Glaspraktiker und Historiker aus Bayern, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen hatten sich zu einer gemeinschaftlichen länderübergreifenden Bewerbung zusammengeschlossen, um die kulturelle Ausdrucksform der Glasfertigung mit Pfeife und anderen Werkzeugen vor dem Verlust zu bewahren. Glas schließt sich somit an bereits anerkannten 27 Traditionen und Wissensformen an. Mit der Anerkennung ist keine finanzielle oder sonstige Unterstützung verbunden. Die aktive Überlieferung der manuellen Glasfertigung kann nach Auffassung der Bewerber nun besser betrieben werden. „Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen hatten in der Nachkriegszeit durch Schließung von Fabriken und Automatisierung große Wissensverluste bewirkt“, sagt Dr. Georg Goes vom Museum und Glasstudio Baruther Glashütte. Nun sei es möglich, an vielen Standorten - Manufakturen wie Museen oder Studios - die Lebensfähigkeit der lebendigen Glastradition unter Beweis zu stellen. In ihrer Bewerbung hoben die Fachleute insbesondere die arbeitsteilige Fertigungsweise der manuellem Hohl- und Flachglasherstellung am Schmelzofen hervor, die seit mehr als 2000 Jahren mit der Glasmacherpfeife und anderen Werkzeugen aus Metall und Holz betrieben wird. Hans Reiner Meindl von der Glashütte Lamberts Waldsassen betont: „Die manuelle Glasherstellung erfordert eine jahrelange Routine und ein qualitativ hochwertiges Arbeiten, das nur in einem exakt aufeinander abgestimmten Team, ähnlich Tänzerinnen auf der Bühne, möglich ist.“ Maßnahmen zur Erhaltung und Bewahrung des Erbes sieht das Glastrio in der Sicherung der bestehenden Ausbildung zum Glasmacher. Sie plädieren außerdem für die Einrichtung eines Studienganges „Glasgestaltung“ mit umfassenderem Praxisanteil. Wichtig sei auch die Zusammenarbeit zwischen Museen, Designern und Hochschulen, um innovative Anwendungen und Produkte zu entwickeln.HintergrundDie Welterbekonvention der Unesco ist das wichtigste Instrument der Völkergemeinschaft zum Schutz des weltweiten Kultur- und Naturerbes. 2006 trat auch ein Abkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes in Kraft. Dabei geht es um Tanz, Theater und Musik, aber auch um Handwerk, Traditionen und Bräuche aus allen Weltreligionen - darunter die Heilig-Blut-Prozession in Brügge, der argentinische Tango, die Mittelmeerküche, die Peking-Oper oder die deutsche Brotkultur. 163 Staaten sind dem Übereinkommen bis heute beigetreten, Deutschland im Juli 2013. Die meisten Einträge hat China (38), gefolgt von Japan (22) und Südkorea (18).