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Als die Tracht Prügel zum Alltag gehörte

Von Nicole Sielermann

Grausamkeiten gegenüber Heimkindern in den 50er- und 60er-Jahren auch im Wittekindshof / Betroffene klagt an

Bad Oeynhausen (nw). Die Vorwürfe, die Hildegard Neumeyer auf den Tisch bringt, wiegen schwer. Es muss eine schreckliche Zeit gewesen sein, die sie als junges Mädchen im Wittekindshof hatte. Immer wieder Schläge, immer wieder Beruhigungsmittel und immer wieder eingekerkert im sogenannten Besinnungsstübchen ohne Fenster hoch oben unter dem Dach.

Längst herrscht im Wittekindshof ein anderer Umgang mit Kindern. Über die Quälereien in den Nachkriegsjahren schweigt das Archiv. - © Foto: privat
Längst herrscht im Wittekindshof ein anderer Umgang mit Kindern. Über die Quälereien in den Nachkriegsjahren schweigt das Archiv. (© Foto: privat)

Was Hildegard Neumeyer als Heimkind auf dem Wittekindshof erlebte, lässt sich kaum verarbeiten. Nach vielen Jahren sucht sie nun die Öffentlichkeit. Möchte aufmerksam machen auf die Grausamkeiten in den 50er- und 60er-Jahren, die so oft unter den Tisch gekehrt wurden. Nun, nach vielen Jahren, verspricht auch der Wittekindshof selbst schonungslose Aufklärung. "Das Thema war lange tabuisiert", sagt Prof. Dr. Dierk Starnitzke. Der Vorstandsprecher weiß, warum: "Es war ein Makel für die Anstalt."

Zehn Jahre lebte die heute 63-Jährige als Heimkind in der Diakonischen Einrichtung in Volmerdingsen. Inzwischen ist sie verheiratet, hat Kinder und wohnt in Bayern. "Ich war elf, als ich 1956 aus einem Kinderheim bei Lünnen auf den Wittekindshof verwiesen wurde", sagt Hildegard Neumeyer. Warum - das ist für sie nicht mehr nachzuvollziehen. Zehn Jahre Wittekindshof, von denen vor allem die ersten fünf Jahre Spuren hinterlassen haben: "Ich wurde von einer freien Schwester betreut", sagt Neumeyer. Was sie mit der erlebt habe und erleiden musste, habe weder etwas mit Liebe noch mit Engagement zu tun gehabt. "Sondern ausschließlich mit Menschenverachtung, Sadismus und permanenten Teufeleien." Da sei es kein Wunder, dass sie ein verstocktes, ängstliches Kind gewesen sei.

"Immer wieder gab es Schläge mit dem Kleiderbügel auf den Rücken - selbst bei nichtigsten Anlässen. Es wurde uns der Kopf auf den Holztisch geschlagen, wenn in der Mittagspause geredet wurde. Oder wenn wir uns widersetzt haben, wurde uns ein Medikament gespritzt. Danach war man benommen und nicht mehr handlungsfähig", beschreibt sie das Erlittene.

Im Gera-Haus hat die 63-Jährige damals gewohnt. Zusammen mit 20 anderen Kindern musste sie sich einen Schlafsaal teilen. "Irgendwann habe ich mal aus Versehen eine Puppe kaputtgemacht."

"Umgang mit Kindern ganz eindeutig anders"
Die Folgen waren fürchterlich. "Die Schwester hat mich in das Besinnungsstübchen gesteckt", erzählt Hildegard Neumeyer, und die sonst so resolute Stimme wird leise. Das sei ein Raum unterm Dach gewesen, das Fenster dunkel übermalt. "Ich war elf Jahre alt und wollte einfach nur sterben." Ein Schluchzen unterbricht den Satz, Tränen kullern. Es dauert einige Zeit, dann hat sich die 63-Jährige wieder gefangen. Leise erzählt sie davon, dass sie deshalb das Essen verweigert habe. "Aber ich wurde festgehalten und alles zwangsweise in mich hineingeschaufelt. Selbst Erbrochenes."

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