Gastkommentar zum Thema Insektenschwund: Das große Sterben

Jutta Niemann

- © Anja Peper
(© Anja Peper)

Fachleute sind sich inzwischen darüber einig, dass sich Insektengifte wie die Neonicotinoide negativ auf Honigbienen und Co. auswirken. Auch die aktuelle Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit verweist auf die fatalen Folgen dieser Substanzen. Darüber hinaus zeigt sich, dass auch andere Insekten- und Pilzgifte existenzielle Verhaltensänderungen bei vielen Fluginsekten bewirken, was enorme Auswirkungen auf ihre Bestandsentwicklung hat.

Für Agrarökologen sind diese Zusammenhänge unbestritten und, ehrlich gesagt, auch nichts wirklich Neues. Wer mit offenen Augen durch unsere Landschaft geht, den beschleicht schon lange das Gefühl, dass sich eine Vielzahl von Arten gerade verabschieden bzw. verabschiedet haben – und dabei geht es nicht nur um Insekten. Wir beobachten derzeit ein Artensterben von besonderem Ausmaß. So sind seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert bis zu 100 Mal mehr Arten ausgestorben, als eigentlich zu erwarten war, weshalb Forscher von einem neuen Massensterben sprechen. Bisher hat es auf der Erde fünf solcher „Massenauslöschungsperioden“ gegeben – jetzt erleben wir durch das Einwirken des Menschen die sechste.

Es ist daher Zeit zu handeln. Gegenseitige Schuldzuweisungen sind dabei genauso kontraproduktiv wie die Forderung, zunächst weitere Untersuchungen zur Bestätigung des Artenrückgangs durchzuführen. Wir Menschen müssen erkennen, dass wir auf andere Organismen und eine intakte Umwelt angewiesen sind. Das zeigt sich zum Beispiel bei der Nahrungsgewinnung oder der Medikamentenentwicklung. Ohne die Bestäubung durch Insekten bleiben viele unserer Nutzpflanzen ohne Ertrag. Ernteausfälle sind programmiert! Mit dem Verlust der Insektenvielfalt werden ganze Lebensgemeinschaften aus dem Gleichgewicht gebracht. Daher müssen entsprechende Schadstoffe verboten und intakte Lebensräume geschützt oder wiederhergestellt werden, damit nicht immer mehr Tier- und Pflanzenarten, die früher weit verbreitet waren, auf den Roten Listen landen.

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Gastkommentar zum Thema Insektenschwund: Das große SterbenJutta NiemannFachleute sind sich inzwischen darüber einig, dass sich Insektengifte wie die Neonicotinoide negativ auf Honigbienen und Co. auswirken. Auch die aktuelle Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit verweist auf die fatalen Folgen dieser Substanzen. Darüber hinaus zeigt sich, dass auch andere Insekten- und Pilzgifte existenzielle Verhaltensänderungen bei vielen Fluginsekten bewirken, was enorme Auswirkungen auf ihre Bestandsentwicklung hat. Für Agrarökologen sind diese Zusammenhänge unbestritten und, ehrlich gesagt, auch nichts wirklich Neues. Wer mit offenen Augen durch unsere Landschaft geht, den beschleicht schon lange das Gefühl, dass sich eine Vielzahl von Arten gerade verabschieden bzw. verabschiedet haben – und dabei geht es nicht nur um Insekten. Wir beobachten derzeit ein Artensterben von besonderem Ausmaß. So sind seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert bis zu 100 Mal mehr Arten ausgestorben, als eigentlich zu erwarten war, weshalb Forscher von einem neuen Massensterben sprechen. Bisher hat es auf der Erde fünf solcher „Massenauslöschungsperioden“ gegeben – jetzt erleben wir durch das Einwirken des Menschen die sechste. Es ist daher Zeit zu handeln. Gegenseitige Schuldzuweisungen sind dabei genauso kontraproduktiv wie die Forderung, zunächst weitere Untersuchungen zur Bestätigung des Artenrückgangs durchzuführen. Wir Menschen müssen erkennen, dass wir auf andere Organismen und eine intakte Umwelt angewiesen sind. Das zeigt sich zum Beispiel bei der Nahrungsgewinnung oder der Medikamentenentwicklung. Ohne die Bestäubung durch Insekten bleiben viele unserer Nutzpflanzen ohne Ertrag. Ernteausfälle sind programmiert! Mit dem Verlust der Insektenvielfalt werden ganze Lebensgemeinschaften aus dem Gleichgewicht gebracht. Daher müssen entsprechende Schadstoffe verboten und intakte Lebensräume geschützt oder wiederhergestellt werden, damit nicht immer mehr Tier- und Pflanzenarten, die früher weit verbreitet waren, auf den Roten Listen landen.