Gastkommentar: Flüchtlinge ohne Lobby

Doris Pütz

Doris Pütz war Leiterin der Eine-Welt-Schule und arbeitet in der Flüchtlingshilfe - © Conti, Nadine
Doris Pütz war Leiterin der Eine-Welt-Schule und arbeitet in der Flüchtlingshilfe (© Conti, Nadine)

Rund die Hälfte aller Flüchtlinge, die zu uns kommen, leiden unter schweren psychischen Beeinträchtigungen. Das ist nicht verwunderlich: Wer von uns könnte Krieg, den Anblick von Toten - auch von nahen Verwandten -, Foltererfahrungen oder die Erlebnisse der Flucht problemlos verarbeiten?

Und hier angekommen hört die seelische Belastung nicht auf. Besonders hart betroffen sind die Menschen, die ohne Familie fliehen mussten. „In der Nacht, bevor ich losgehen musste, saß ich schlaflos am Bett meines vierjährigen Sohnes. Und weinte...“ Nur ein Beispiel von dem unsagbaren seelischen Schmerz, den viele erleiden.

Im Jahre 2015 hatten wir eine große Willkommenskultur in Deutschland. 2017 ist Wahljahr und es entstand eine neue Welle: So viele Menschen abzuschieben, wie irgend möglich. 2015 wurden 78 Prozent aller Flüchtlinge aus Afghanistan anerkannt, 2016 hingegen mehr als die Hälfte abgelehnt. 2015 wurden alle Syrer als Flüchtlinge anerkannt, 2016 erhielten 72 Prozent nur den subsidiären Schutz. An der Situation in den Ländern hat sich nichts geändert, wohl aber an den Ergebnissen für die Flüchtlinge.

Die Interviews zur Entscheidung über eine Anerkennung sollen „loyal und verständnisvoll“ durchgeführt werden. Tatsächlich erfolgen sie teilweise verhörartig. Gravierende Erfahrungen wie Steinigung einer Freundin oder schwerste Folter durch die Taliban werden nicht ins Protokoll aufgenommen, wenn sie nicht umgehend zur Flucht führten. Es muss ein zeitlich direkter Zusammenhang gegeben werden. Dass die Seele des Menschen anders fühlt, wird nicht anerkannt. Gerade die erlebten Traumata werden akribisch nachgefragt.

Zukünftig erfolgen die Interviews bereits in den Ankunftszentren wie beim Flughafenverfahren. Beratungsstellen sind dann prinzipiell im Vorfeld ausgeschlossen. Menschen kämpfen um ihr Leben. Wir bauen keine sichtbaren Mauern, aber auch wir bauen Mauern, unsichtbar und teilweise äußerst inhuman.

In der Hitlerzeit flohen Menschen aus Deutschland in benachbarte Länder und wurden abgewiesen und somit in den sicheren Tod geschickt. Heute sind wir ein Land, in dem Menschen um ihr Leben bitten. Und wie gehen wir damit um?

Copyright © Mindener Tageblatt 2017
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

14 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Gastkommentar: Flüchtlinge ohne LobbyDoris PützRund die Hälfte aller Flüchtlinge, die zu uns kommen, leiden unter schweren psychischen Beeinträchtigungen. Das ist nicht verwunderlich: Wer von uns könnte Krieg, den Anblick von Toten - auch von nahen Verwandten -, Foltererfahrungen oder die Erlebnisse der Flucht problemlos verarbeiten?Und hier angekommen hört die seelische Belastung nicht auf. Besonders hart betroffen sind die Menschen, die ohne Familie fliehen mussten. „In der Nacht, bevor ich losgehen musste, saß ich schlaflos am Bett meines vierjährigen Sohnes. Und weinte...“ Nur ein Beispiel von dem unsagbaren seelischen Schmerz, den viele erleiden.Im Jahre 2015 hatten wir eine große Willkommenskultur in Deutschland. 2017 ist Wahljahr und es entstand eine neue Welle: So viele Menschen abzuschieben, wie irgend möglich. 2015 wurden 78 Prozent aller Flüchtlinge aus Afghanistan anerkannt, 2016 hingegen mehr als die Hälfte abgelehnt. 2015 wurden alle Syrer als Flüchtlinge anerkannt, 2016 erhielten 72 Prozent nur den subsidiären Schutz. An der Situation in den Ländern hat sich nichts geändert, wohl aber an den Ergebnissen für die Flüchtlinge.Die Interviews zur Entscheidung über eine Anerkennung sollen „loyal und verständnisvoll“ durchgeführt werden. Tatsächlich erfolgen sie teilweise verhörartig. Gravierende Erfahrungen wie Steinigung einer Freundin oder schwerste Folter durch die Taliban werden nicht ins Protokoll aufgenommen, wenn sie nicht umgehend zur Flucht führten. Es muss ein zeitlich direkter Zusammenhang gegeben werden. Dass die Seele des Menschen anders fühlt, wird nicht anerkannt. Gerade die erlebten Traumata werden akribisch nachgefragt.Zukünftig erfolgen die Interviews bereits in den Ankunftszentren wie beim Flughafenverfahren. Beratungsstellen sind dann prinzipiell im Vorfeld ausgeschlossen. Menschen kämpfen um ihr Leben. Wir bauen keine sichtbaren Mauern, aber auch wir bauen Mauern, unsichtbar und teilweise äußerst inhuman.In der Hitlerzeit flohen Menschen aus Deutschland in benachbarte Länder und wurden abgewiesen und somit in den sicheren Tod geschickt. Heute sind wir ein Land, in dem Menschen um ihr Leben bitten. Und wie gehen wir damit um?