Häufig ganze Sätze schreiben

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Betr.: Leserbrief "Lehrer sollten sich verstärkt mit Sprache beschäftigen", MT vom 10. Februar

Ich liebe die deutsche Sprache und ihre zahlreichen Doppeldeutigkeiten, benutze sie gerne und möglichst ausschließlich. Und doch suche ich seit Jahren einen deutschen Ausdruck für "statement", der genau das ausdrückt, was ich von meinen Schülern hören möchte.

Die Lehrer sollen es richten, meint der Leserbrief-Schreiber. Doch das wird nicht möglich sein! Schon Luther hat „dem Volk aufs Maul geschaut“, um die Bibel für alle verständlich ins Deutsche zu übersetzen. Mit dem Erfolg, dass man sie immer wieder einmal „angepasst“ hat, um sie fürs heutige Volk verständlich zu machen.

Sprache ist nichts Statisches. Sie ist lebendig und anpassungsfähig. Sie „saugt“ förmlich momentane Einflüsse auf, die oft derartig in den neuen Kontext (= Sinn-Umgebung) passen, dass ein adäquates (= ebenbürtiges) deutsches Wort einfach fehlt.

War es über sehr lange Zeit der lateinische/italienische Einfluss, aber auch immer wieder der französische (Kreuzzüge, 30-jähriger Krieg, ab 1650 immer stärker, sodass das Lateinische vom Französischen abgelöst wurde), so ist es momentan (=heutzutage) der englische (in 100 Jahren vielleicht der chinesische?).

Manche Ausdrücke integrieren sich (= bürgern sich ein), und man wüsste gar nicht, wie man sie durch ein deutsches Wort ersetzen sollte (z. B. Bonbon, Balkon, Raclette, Terrasse, Tablett, Bidet … ). Andere würden sehr merkwürdig klingen, wenn man sie noch in deutscher Sprache gebrauchen würde: Toilette, Klo(sett) = Abort, Oheim und Muhme (= Onkel und Tante), Cousin und Cousine = Vetter und Base, Friseur/Frisör = Haarschneider, Bureau/Büro = Geschäftsraum, Voliere = Vogelkäfig, Etage = Stockwerk, Dossier = Aktenbündel, Gardine = Fenstervorhang usw.

Natürlich gibt es auch unter sprachlichen „Einwanderern“ solche, die sich nicht integrieren konnten und „ausgewiesen“ wurden wie z. B. Trottoir = Bürgersteig.

Das Volk und der Alltag werden entscheiden, in wieweit die englische Sprach-Invasion (= Einfall) unsere Sprache dauerhaft verändert. Man lese einmal Texte aus der Frühen Neuzeit: Auch das war einmal gutes Deutsch!

Inzwischen wird in unseren Schulen – meiner Meinung nach – genug getan, um unsere deutsche Sprache lebendig zu erhalten durch Schülerbüchereien, Lese-Paten, Lese-Wettbewerbe… Wenn wir dann auch das Sprechen nicht ganz vergessen und häufig ganze Sätze schreiben – wie in den altmodischen Briefen –, sind wir sicher auf einem guten Weg!

Karin Wahlers

Minden

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Häufig ganze Sätze schreibenBetr.: Leserbrief "Lehrer sollten sich verstärkt mit Sprache beschäftigen", MT vom 10. Februar Ich liebe die deutsche Sprache und ihre zahlreichen Doppeldeutigkeiten, benutze sie gerne und möglichst ausschließlich. Und doch suche ich seit Jahren einen deutschen Ausdruck für "statement", der genau das ausdrückt, was ich von meinen Schülern hören möchte. Die Lehrer sollen es richten, meint der Leserbrief-Schreiber. Doch das wird nicht möglich sein! Schon Luther hat „dem Volk aufs Maul geschaut“, um die Bibel für alle verständlich ins Deutsche zu übersetzen. Mit dem Erfolg, dass man sie immer wieder einmal „angepasst“ hat, um sie fürs heutige Volk verständlich zu machen. Sprache ist nichts Statisches. Sie ist lebendig und anpassungsfähig. Sie „saugt“ förmlich momentane Einflüsse auf, die oft derartig in den neuen Kontext (= Sinn-Umgebung) passen, dass ein adäquates (= ebenbürtiges) deutsches Wort einfach fehlt. War es über sehr lange Zeit der lateinische/italienische Einfluss, aber auch immer wieder der französische (Kreuzzüge, 30-jähriger Krieg, ab 1650 immer stärker, sodass das Lateinische vom Französischen abgelöst wurde), so ist es momentan (=heutzutage) der englische (in 100 Jahren vielleicht der chinesische?). Manche Ausdrücke integrieren sich (= bürgern sich ein), und man wüsste gar nicht, wie man sie durch ein deutsches Wort ersetzen sollte (z. B. Bonbon, Balkon, Raclette, Terrasse, Tablett, Bidet … ). Andere würden sehr merkwürdig klingen, wenn man sie noch in deutscher Sprache gebrauchen würde: Toilette, Klo(sett) = Abort, Oheim und Muhme (= Onkel und Tante), Cousin und Cousine = Vetter und Base, Friseur/Frisör = Haarschneider, Bureau/Büro = Geschäftsraum, Voliere = Vogelkäfig, Etage = Stockwerk, Dossier = Aktenbündel, Gardine = Fenstervorhang usw. Natürlich gibt es auch unter sprachlichen „Einwanderern“ solche, die sich nicht integrieren konnten und „ausgewiesen“ wurden wie z. B. Trottoir = Bürgersteig. Das Volk und der Alltag werden entscheiden, in wieweit die englische Sprach-Invasion (= Einfall) unsere Sprache dauerhaft verändert. Man lese einmal Texte aus der Frühen Neuzeit: Auch das war einmal gutes Deutsch! Inzwischen wird in unseren Schulen – meiner Meinung nach – genug getan, um unsere deutsche Sprache lebendig zu erhalten durch Schülerbüchereien, Lese-Paten, Lese-Wettbewerbe… Wenn wir dann auch das Sprechen nicht ganz vergessen und häufig ganze Sätze schreiben – wie in den altmodischen Briefen –, sind wir sicher auf einem guten Weg! Karin Wahlers Minden