Verbal abrüsten lohnt sich

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Leserbrief

Betr.: Leserbrief „Was ist mit Deutschland los?“, MT vom 18. März

Ich bin froh sehr darüber, dass die Presse nicht die politische Eskalation und den Chauvinismus füttert und mit viel Vernunft und Umsicht dazu beiträgt, dass das Miteinander in Deutschland nicht nachhaltig beschädigt wird. Wie man Hass erzeugt, niedere Instinkte weckt und stimuliert kann man in den vor 70 oder 100 Jahren erschienenen Zeitungen gut nachlesen.

Zum Glück ist dieser Spuk vorüber. Da waren es die Franzosen und Russen, die in unserem Denken keinen Platz hatten, für nichts gut waren und für alles Ungemach verantwortlich. Die Osmanen waren da schon vom Balkan vertrieben. Da waren die Anderen Untermenschen. Es gibt auch ein Leben nach dem türkischen Referendum in dem der türkische Präsident um sein politisches Überleben kämpft.

Einfältig sind die Begründungen von demokratisch legitimierten Amtsträgern für Absagen von öffentlichen Auftritten türkischer Politikern. Das zeugt eher von großer Dummheit als von politischer und menschlicher Größe.

Ich wünsche mir noch mehr Gelassenheit im Umgang mit unseren türkischen Freunden und Mitmenschen. Bei uns gilt die Meinungsfreiheit und die Freiheit, sie öffentlich zu äußern, unter die Menschen zu tragen. Das ist ein hohes Gut, von dem wir nicht einen Millimeter abrücken sollten. Die andere Meinung zu dulden und zu ertragen macht uns stark, sie zu verbieten, legt die Schwäche an Demokratieverständnis offen.

Was mich betroffen macht, ist der offene Populismus der etablierten Parteien, insbesondere der der CDU, indem sie exakt auf der Nationalismuswelle reitet, die sie öffentlich kritisiert und bei jeder Gelegenheit verurteilt. Wenn Frau Kramp-Karrenbauer den rechten Rand im saarländischen Wahlkampf bedient, indem sie den Auftritt türkischer Politiker untersagen lässt, dann kommt der Beifall von der falschen Seite.

Mark Rutte und die VVD, eine rechtskonservative Gruppierung, haben den Nationalisten Wilders auf Distanz gehalten, weil sie mit der gezielten Eskalation der politischen Auseinandersetzung mit der Türkei Geert Wilders die Stimmen aus dem rechten Lager genommen haben, das sie politisch bekämpft haben und bekämpfen. Da wurde der Freund des Feindes dazu missbraucht, das politische Überleben sichern. Davon, dass die holländischen Nationalisten um Geert Wilders, inzwischen auf über 23 Prozent zur zweitstärksten Partei des Landes zugelegt haben, ist keine Rede mehr. Wenn bei uns die AfD mit 23 Prozent bei der nächsten Wahl zum Bundestag zweitstärkste Partei würde, dann hätten wir ein politisches Problem.

Ich rate dazu, etwas tiefer in die Geschichte der Osmanen zu blicken und auch die vom Laizismus geprägte kemalistische Bewegung der letzten 100 Jahre zu verstehen. Ein Land an der Schnittstelle zweier grundverschiedener stolzer Kulturen ist alleine schon deshalb weltanschaulichen Zerreisproben ausgesetzt. Hinzu kommen die akuten ethnischen Probleme, an denen vor allem Großbritannien nicht ganz unschuldig ist.

Es ist mehr gewonnen und mehr bewirkt, wenn wir die Türkei und ihren besonders gastfreundlichen und liebenswürdigen Menschen, die in ihren letzten Winkeln immer noch im Patriarchat lebt, versuchen zu verstehen und ihr helfen, den Weg nach Europa zu finden und zu ebnen, als sie bei jeder Gelegenheit öffentlich zu demütigen und den Konflikt politisch auszuschlachten. Der Leserbriefschreiber sollte abrüsten, es lohnt sich.

Hans Ulrich Gräf, Bückeburg

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Verbal abrüsten lohnt sichLeserbriefBetr.: Leserbrief „Was ist mit Deutschland los?“, MT vom 18. MärzIch bin froh sehr darüber, dass die Presse nicht die politische Eskalation und den Chauvinismus füttert und mit viel Vernunft und Umsicht dazu beiträgt, dass das Miteinander in Deutschland nicht nachhaltig beschädigt wird. Wie man Hass erzeugt, niedere Instinkte weckt und stimuliert kann man in den vor 70 oder 100 Jahren erschienenen Zeitungen gut nachlesen.Zum Glück ist dieser Spuk vorüber. Da waren es die Franzosen und Russen, die in unserem Denken keinen Platz hatten, für nichts gut waren und für alles Ungemach verantwortlich. Die Osmanen waren da schon vom Balkan vertrieben. Da waren die Anderen Untermenschen. Es gibt auch ein Leben nach dem türkischen Referendum in dem der türkische Präsident um sein politisches Überleben kämpft.Einfältig sind die Begründungen von demokratisch legitimierten Amtsträgern für Absagen von öffentlichen Auftritten türkischer Politikern. Das zeugt eher von großer Dummheit als von politischer und menschlicher Größe.Ich wünsche mir noch mehr Gelassenheit im Umgang mit unseren türkischen Freunden und Mitmenschen. Bei uns gilt die Meinungsfreiheit und die Freiheit, sie öffentlich zu äußern, unter die Menschen zu tragen. Das ist ein hohes Gut, von dem wir nicht einen Millimeter abrücken sollten. Die andere Meinung zu dulden und zu ertragen macht uns stark, sie zu verbieten, legt die Schwäche an Demokratieverständnis offen.Was mich betroffen macht, ist der offene Populismus der etablierten Parteien, insbesondere der der CDU, indem sie exakt auf der Nationalismuswelle reitet, die sie öffentlich kritisiert und bei jeder Gelegenheit verurteilt. Wenn Frau Kramp-Karrenbauer den rechten Rand im saarländischen Wahlkampf bedient, indem sie den Auftritt türkischer Politiker untersagen lässt, dann kommt der Beifall von der falschen Seite.Mark Rutte und die VVD, eine rechtskonservative Gruppierung, haben den Nationalisten Wilders auf Distanz gehalten, weil sie mit der gezielten Eskalation der politischen Auseinandersetzung mit der Türkei Geert Wilders die Stimmen aus dem rechten Lager genommen haben, das sie politisch bekämpft haben und bekämpfen. Da wurde der Freund des Feindes dazu missbraucht, das politische Überleben sichern. Davon, dass die holländischen Nationalisten um Geert Wilders, inzwischen auf über 23 Prozent zur zweitstärksten Partei des Landes zugelegt haben, ist keine Rede mehr. Wenn bei uns die AfD mit 23 Prozent bei der nächsten Wahl zum Bundestag zweitstärkste Partei würde, dann hätten wir ein politisches Problem.Ich rate dazu, etwas tiefer in die Geschichte der Osmanen zu blicken und auch die vom Laizismus geprägte kemalistische Bewegung der letzten 100 Jahre zu verstehen. Ein Land an der Schnittstelle zweier grundverschiedener stolzer Kulturen ist alleine schon deshalb weltanschaulichen Zerreisproben ausgesetzt. Hinzu kommen die akuten ethnischen Probleme, an denen vor allem Großbritannien nicht ganz unschuldig ist.Es ist mehr gewonnen und mehr bewirkt, wenn wir die Türkei und ihren besonders gastfreundlichen und liebenswürdigen Menschen, die in ihren letzten Winkeln immer noch im Patriarchat lebt, versuchen zu verstehen und ihr helfen, den Weg nach Europa zu finden und zu ebnen, als sie bei jeder Gelegenheit öffentlich zu demütigen und den Konflikt politisch auszuschlachten. Der Leserbriefschreiber sollte abrüsten, es lohnt sich.Hans Ulrich Gräf, Bückeburg