Geschichte in moderner Glaskunst dargestellt

Von Ralf Kapries

Sonderausstellung "Rotation SiO2" der Glaskünstlervereinigung NRW zeigt enge Verbindungen zum Standort auf

Petershagen (pri). Von den an Exponaten üppig bestückten Sonderausstellungen in der historischen Glashütte Gernheim weicht die neue, "Rotation SiO2", die am Sonntag um 11 Uhr eröffnet wird, deutlich ab. Der Grund ist einfach: Alle Objekte wurden für den jeweiligen Raum geschaffen und sollen in Kommunikation mit ihm wirken.

Die Arbeitsbedingungen von Kindern in der Glashütte haben Reiner Eul zu dieser Installation inspiriert. - © Fotos: Ralf Kapries
Die Arbeitsbedingungen von Kindern in der Glashütte haben Reiner Eul zu dieser Installation inspiriert. (© Fotos: Ralf Kapries)

Man sollte sich also etwas Zeit für die Betrachtung nicht nur eines jeden einzelnen Ausstellungsstücks, sondern auch seines Umfeldes nehmen. Entstanden sind die Kunstobjekte während eines Workshops im vergangenen Jahr zu dem das Museum die Glaskünstlervereinigung NRW eingeladen hatte. Die Teilnehmer setzten sich zunächst mit einigen Fragen zur Geschichte des Glasmacherstandortes auseinander.

Das Werden und Vergehen, der Wandel der Zeit, aber auch die Menschen vor Ort und der Glasturm selbst wurden zum Thema. Mit Unterstützung der Glasmacher Korbinian Stöckle und Torsten Rötzsch und des Glasschleifers Heikko Schulze Höing konnten sie ihre Vorhaben vor Ort realisieren, um die Arbeiten anschließend in ihren Ateliers fertigzustellen.

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So vielfältig wie das Material und die Techniken sind auch die entstandenen Werke, die Vergangenes wieder lebendig werden lassen und nun im historischen Rahmen des Fabrikantenhauses auf eine Zeitreise gehen. Die 18 ausgestellten Objekte lassen drei Perspektiven auf die Glashütte erkennen: die Geschichte, das Material und der Ort architektonisch und museal betrachtet.

Eine Reflexion über die Zeit unterliegt zum Beispiel der Plastik von Korbinian Stöckle, "Zeitmodell". Mit ihm versucht er, den Versuch des menschlichen Geistes einen Ausschnitt der Zeit zu erfassen, abzubilden. Dazu lässt er einen gläsernen Raum von strahlenartigen Glasstäben durchdringen. Zugleich zeigt das Glasobjekt, dass es unmöglich ist, eine Spur der eigenen Existenz in diesem unendlichen Fluss zu hinterlassen.

Auf die Arbeitsbedingungen in der Glashütte hebt Reiner Eul ab. Im Zentrum seiner Installation ist das gezeichnete Porträt eines Jungen zu sehen, der um 1911 in einer Glashütte in Pittsburgh arbeitete. Diese Szene gilt Eul als Sinnbild der Kinderarbeit und ihrer Arbeitsbedingungen, wie sie ähnlich in Gernheim herrschten. Zerbeulte Hamster-Laufräder lassen mehrfache Interpretationen zu.

Ihre Faszination für das Material Glas nimmt Heide Kemper in ihren Objekten "Wesersteinen" auf. Mit Hilfe verschiedener, in das heiße Glas gesenkter fremder Materialien weckt sie Assoziationen an in Bernstein eingeschlossene Insekten, die die Zeitläufe überdauert haben. Die Form korrespondiert mit einigen abgelegten Kieseln, die Farbe mit der Ausmalung des Raumes.

Einen engen Bezug zwischen Gernheim und seinem heutigen Bewohnern stellte Brigitte Böckmann-Jennen mit ihren drei Objekten des "Unerprobten Zusammenspiels" her. Die Künstlerin bat die Gernheimer, Teile ihres Gebrauchsglases zur Verfügung zu stellen, das die Künstlerin mit mundgeblasenem Hohlglas der heute in Gernheim arbeitenden Glasmacher kombinierte. Das benutzte Glas lieferte ihr zugleich ein Sinnbild ihrer Lebensgeschichten, die in diesem Werk als dem Museum gleichwertige Träger von Historie gewürdigt werden.

Bis 4. November, Di-So 10-18 Uhr, Glashütte Gernheim

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